Budapest

Kardinal Hollerich: "Die europäische Kirche muss demütig sein"

Im Interview mit der Tagespost spricht  der luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich über den Zustand der Kirche in Europa.
Kardinal Jean-Claude Hollerich
Foto: ©MASSIMILIANO MIGLIORATO/CPP / (imago stock&people) | Kardinal Jean-Claude Hollerich ist Erzbischof von Luxemburg und Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE).

Eminenz, war der Eucharistische Kongress ein Spiegelbild der Weltkirche?

Im Glauben vereint: das ist sicher ein Spiegelbild der Weltkirche. Am Rande spielt Politik immer mit, aber das ist nicht das Wesentliche. Der Kongress war eine Gelegenheit, sich mit vielen auszutauschen. Wir haben eine große Polarisierung in der Kirche, darum ist es so wichtig, dass wir eine Einheit im Glauben haben. Sie ist wichtiger als alle Differenzen.

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Kann die Kirche in Europa von den anderen Kontinenten lernen?

Ja, sicher. Wir haben ja schon viel von einem Papst gelernt, der nicht aus Europa kommt. Wir müssen in Europa eine Kirche sein, die sehr demütig ist und nicht schon alle Antworten weiß. Sie ist nicht mehr in allen Gesellschaften Europas relevant.

Ein Bischof aus Kamerun dankte in Budapest den Europäern für die Missionierung seiner Heimat. Braucht Europa jetzt Missionare aus Afrika?

"Wir müssen eine Kirche präsentieren, die Freude und Zuversicht ausstrahlt, und den Glauben wieder mehr in den Mittelpunkt stellt."

Wir brauchen sicher Missionare aus der ganzen Welt. Aber ein Missionar muss bereit sein, sich zu inkulturieren. Ich war selbst 23 Jahre in Japan. Wenn ich nicht in der Lage gewesen wäre, die Sprache zu erlernen, wäre ich sicher zurückgeschickt worden. Wir brauchen heute Leute aus Afrika und Asien, die sich inkulturieren.

Woher kommt Erneuerung für die Kirche in Europa?

Es gibt in Teilen Europas eine starke Erneuerung der Frömmigkeit, etwa in Frankreich. Das ist eine gute Sache! Doch diese Frömmigkeit muss ins Glaubensleben eingefügt sein. Dabei denke ich auch an die Soziallehre der Kirche.

Das Christentum prägte Europa über viele Jahrhunderte. Warum ist diese Prägekraft verloren gegangen?

Weil wir eine Minderheit sind. Wenn ich mir etwa den unseligen Matić-Bericht (der Abtreibung zum Menschenrecht erklärt, Anm. d. Red.) ansehe – da haben alle unsere Interventionen nichts bewirkt. Er hat zwar keinen legislativen Charakter, aber Vorbildwirkung für Leute, die diese Agenda haben. Da sieht man ein neues Heidentum! Wir müssen eine Kirche präsentieren, die Freude und Zuversicht ausstrahlt, und den Glauben wieder mehr in den Mittelpunkt stellt. Ich bin unzufrieden mit meiner eigenen Reaktion auf die Corona-Pandemie: Ich hätte viel mehr darüber sprechen sollen, dass wir den Tod nicht fürchten müssen, weil Christus von den Toten auferstanden ist. Der Sinn des Christentums ist die Erlösung.

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