Kirche

Geschäft mit dem Heil

Chakren, Christusmedien und Selbstheilungen: Esoterische Heilmethoden liegen im Trend. Der Markt hat sich zu einem Millionengeschäft entwickelt. Handelt es sich dabei um gefährlichen Humbug oder eine ernsthafte Alternative? Von Klaus Schlupp
Die Palette esoterischer Heilmethoden ist breit.
Foto: Schlupp | Die Palette esoterischer Heilmethoden ist breit. Westliche Esoterik ist eine Sammlung aus östlichen, christlichen, pseudowissenschaftlichen und sonstigen Versatzstücken zusammengebastelten Weltanschauungen.

Die Ähnlichkeit mit einem Milchaufschäumer für Cappucino ist unverkennbar. „Tensor“ nennt sich die Einhand-Wünschelrute, mit der man angeblich Krankheiten diagnostizieren und „Blockaden“ in den „Chakren“ nachspüren kann.

Das meint zumindest der freundliche Mentalheiler, der seine „Kunst“ auf einer Esoterikmesse in Aachen präsentiert. Zwei Bananenstecker mit Kabeln in den Quirl, den einen hält der Klient, so nennen auch Geistheiler ihre Kunden, über den Kopf. Den anderen hält der Heiler in der Hand. Dann fährt er mit dem Quirl den Klienten von oben bis unten ab, um „Blockaden“ in den „Chakren“ aufzuspüren. Die Chakrenlehre entstammt der traditionellen indischen Medizin und wird in der Esoterik so umgebogen, wie es gerade ins System passt. „Mit echter östlicher Spiritualität haben esoterische Angebote nichts zu tun“, betont auch Professor Bernhard Uhde, der am Freiburger Institut für West-östliche Weisheit zur Spiritualität forscht.

Sammlung aus Versatzstücken

Westliche Esoterik ist eine Sammlung aus östlichen, christlichen, pseudowissenschaftlichen und sonstigen Versatzstücken zusammengebastelten Weltanschauungen, die sich der jeweilige Heiler oder Guru zurechtgelegt hat und in die er seine Klienten nach Bedarf einweiht. Das geht von angeblich „uralten“ schamanischen und naturreligiösen Ritualen bis hin zu pseudophysikalischen „Erkenntnissen“ über „Strahlungen“, die mit Hilfe technischer Geräte abgewehrt werden können. Tiefgehend mit den Wurzeln schamanischer oder östlicher Philosophien habe sich eher selten jemand befasst, sagt der Referent für Weltanschauungsfragen des Bistums Aachen Herbert Busch.

Keinesfalls aber ist Esoterik das seltsame Hobby von Außenseitern, es ist ein Millionenmarkt und ein mitunter gefährlicher noch dazu. Esoteriker beanspruchen, die Welt umfassend erklären und häufig Kontakt zur jenseitigen Welt herstellen zu können, wie etwa durch das „Channelling“ mit Engeln oder anderen Wesen.

Auch in Aachen präsentiert sich eine Dame, die behauptet, mit Engeln im direkten Kontakt zu stehen. Die Namen ihrer „himmlischen“ Gesprächspartner entstammen der Heiligen Schrift (etwa Michael oder Gabriel), der jüdischen Mythologie (etwa Chamuel, Haniel) oder auch der eigenen Phantasie des „Mediums“ (Ichmiel, Emuriel). Auf einem Tisch stehen jede Menge Flakons mit „Engelenergie angereichertem Spray“. Jedes Flakon ist für 19,90 Euro zu haben. Auf der „feinstofflichen Ebene“ sollen sie „energetisieren“ und dem „spirituellen Wachstum“ dienen. Neben dem „energetisch aufgeladenen Lichtwasser“ sind noch ätherische Öle für den guten Duft im Spray. Jedem Engel ist hierbei ein geistliches, seelisches oder gesundheitliches Problem zugeordnet. So sorgt „Gabriel“ für einen klaren Kopf, „Raphael“ für die „Weitsicht“ oder „Jophiel“ für effizienteres Lernen. Auch als Buchautoren betätigen sich die Engel. Ein von ihr publiziertes Werk wurde der nach eigenen Angaben seit ihrer Kindheit hellsichtigen und -hörigen Frau durch Erzengel Raphael vermittelt. Auf den Punkt gebracht sind die Engel zumindest in dieser esoterischen Sichtweise dem Medium dienende Wesen, mit denen es jederzeit in Kontakt treten kann. Natürlich bleibt das Wissen, wie man die Engel rufen kann und ob sie tatsächlich erscheinen, geheim und exklusiv. Denn nur das Medium ist in der Lage, den Kontakt zum Jenseits herzustellen.

Mit dem durch Schrift und Tradition bezeugten Glauben der Kirche an die heiligen Engel hat diese Engellehre nicht das Geringste zu tun. Für Christen sind Engel Geschöpfe, die unmittelbar bei Gott sind und wie das griechische Wort „Angelos“ sagt, Boten und Abgesandte Gottes oder auch Schutzengel. Sie sind Teil des Hofstaates des Herrn und keinesfalls durch Menschen manipulierbar.

Die Palette esoterischer Heil- und Heilungsangebote ist riesig, unübersichtlich und widersprechend. Das fängt bei alternativmedizinischen Therapien an, die durchaus von seriösen Ärzten und Heilpraktikern angewandt werden, wie etwa die Akupunktur, die bei manchen Leiden tatsächlich helfen kann, an, geht über pseudowissenschaftliche „Erkenntnisse“ wie Magnetspulen und hört bei Pendeln und Wahrsagen auf. Eine seriöse Alternativmedizin durch Ärzte und kompetente Heilpraktiker komme allerdings ohne „umfassendes Allmachtswissen“ aus, sie beruhe lediglich auf einer anderen medizinischen Tradition, etwa der chinesischen, wie der Mediziner Günter Arnolds vom „Arbeitskreis Heil und Heilung“ der Beratungsstelle für Religions- und Weltanschauungsfragen aus Mönchengladbach sagt. Jeder verantwortungsbewusste Arzt oder Heilpraktiker wird bei bestimmten Indikationen sofort auf die Schulmedizin verweisen. Beim Beinbruch hilft keine Akupunktur, der Patient braucht eine Operation beziehungsweise Gips.

Angebote können lebensbedrohend sein

Wer meint, dass sich Esoteriker ausschließlich von „Lichtnahrung“ (also nichts) oder vegan ernähren, täuscht sich. „Currywurst und Frikadelle heißen die kulinarischen Hits auf der Messe“, sagt die freundliche Bedienung, die selbst über die Vorlieben der Messebesucher und -aussteller erstaunt ist. Im Gegensatz zum „Engelmedium“, deren Versprechungen in Bezug auf die Heilkraft eher wage sind und sich auf „klaren Kopf“ oder „Weitsicht“ beschränken, werden andere Esoteriker bei ihren Heilsversprechen sehr konkret. Vor dem Gebäude steht eine Dame mit brennender Zigarette im Mund, die als „Christusmedium“ für 1,69 € pro Minute telefonisch die „Hilfe bei Krankheiten aller Art“, unter anderem Befreiung von Traumata, Depressionen und Suchtkrankheiten verspricht. Für die eigene Nikotinsucht hat es offensichtlich nicht gereicht. „Kein Arzt ist in der Lage, dieses riesige Therapiespektrum abzudecken“, sagt Günter Arnolds. Besonders bei schweren Krankheiten – etwa Krebs – können solche Angebote lebensbedrohend sein, etwa wenn die Chemotherapie im Glauben an den Heiler unterlassen wird. Gerade Schwerstkranke, die einer langwierigen und manchmal schmerzhaften Therapie bedürfen, suchen oft ihr Heil bei Anbietern, die schnelle und leichte Genesung versprechen.

Der im Flyer des „Christusmediums“ kleingedruckte Satz „Die Behandlung ersetzt nicht den Arztbesuch“ widerspricht dem eigenen Anspruch der Frau und soll sie offensichtlich vor Klagen schützen. Derartige Sätze sind Standard bei esoterischen Gurus. Die angebotene Fernheilung sei aus medizinischer Perspektive jedenfalls wirkungslos, sagt Günter Arnolds.

Aus theologischer Perspektive maße sich das „Christusmedium“ etwas an, was kein geweihter Priester für sich in Anspruch nehmen würde. Hier werde eine „Sonderbeziehung zu Christus“ beansprucht, „deren Prämissen der biblischen wie der kirchlichen Verkündigung diametral entgegengesetzt sind“, sagt Pfarrer Claus Lücker, ebenfalls Arbeitskreismitglied. Hinzu komme, dass uns in Christus das Heil geschenkt sei.

In einer Ecke hängt ein großes Plakat, und ein freundlich aussehender Mann in weißem Arztdress präsentiert sich den Messebesuchern. Der Mann, der mit seinem „Dr. med.“ hausieren geht, ist tatsächlich approbierter Arzt und verspricht auf seiner Homepage, das Lebensalter einer schmerzhaften Erfahrung zu ermitteln und einen persönlichen Selbstheilungssatz zu formulieren.

Das Prinzip, dass körperliche Leiden oft psychische Ursachen haben und die Heilungskräfte des Körpers stark sind, ist ja nicht grundsätzlich falsch. Problematisch sind allerdings die Heilungsversprechen. Mit einem Muskeltest (Kinesiologie) will er die schmerzhafte Erfahrung herausfinden und anschließend zeigen, wie der Patient die Erfahrung wieder loswird. Juristisch sei schwer gegen solche Methoden anzugehen, wird seitens der Ärztekammer Nordrhein geklagt. Selbstverständlich müsse eine Therapie dem Stand der ärztlichen Kunst entsprechen, allerdings gebe es in Deutschland Therapiefreiheit. Hinzu komme, dass viele Patienten an ihre „Wunderdoktoren“ glauben und gar nicht merken, dass es auch Mediziner gibt, die verantwortungslos handeln. Die weitreichenden Versprechen esoterischer Gurus können sogar zur psychischen Abhängigkeit führen, warnt Sabine Riede vom Essener Sekten-Info NRW, einer unabhängigen Beratungsstelle. „Die Familie, bisherige Freunde oder Hobbys werden unwichtiger und immer mehr vernachlässigt. Viele beschäftigen sich nur noch mit den neuen ,spirituellen‘ Ideen, die bisherige Lebenswelt wird abgewertet und die neue glorifiziert“, sagt sie. Eine fruchtbare Spiritualität hingegen setze die Freiheit des Menschen voraus, betont Bernhard Uhde.

Kein Unterschied zwischen Heil und Heilung

„Bei esoterischen Heilungsangeboten muss auch geprüft werden, was der ,Therapeut‘ unter ,Heilung‘ versteht“, sagt Herbert Busch. Denn Esoteriker differenzieren nicht wie etwa die christlichen Kirchen zwischen medizinischer Heilung, etwa der Befreiung von Rückenschmerzen und einem umfassenden spirituellen Heilsbegriff. Selbstverständlich kennt auch die Kirche Heilungsgebete, das Sakrament der Krankensalbung und auch die Hoffnung auf Genesung, wenn es eben Gottes Wille ist. Allerdings geht es hier primär um das Heil des Menschen und das Geborgensein in Gottes Willen, nicht um Heilung im medizinischen Sinn. Gott nimmt den Menschen auch und gerade in seiner Krankheit an. Und auch ein medizinisch unheilbar Krebskranker kann im geistlichen Sinn geheilt sein, wenn er sein Kreuz angenommen hat und auf Gott vertraut.

Natürlich ist ein Eingreifen Gottes in seiner Souveränität grundsätzlich möglich, wie etwa die Heilungen an der Grotte von Lourdes bezeugen. Medizinische Hilfe darf allerdings beim Gebet für den Kranken nicht ausgeschlossen werden, sondern ist Pflicht: „Für jemanden beten, ihm aber eine Heilbehandlung vorenthalten, ist unchristlich“, sagte schon 1978 der Würzburger Bischof Josef Stangl. Auch wenn Glaube, Sakramente und Gebet die Heilung im medizinischen Sinn fördern können, eine ärztliche Therapie kann christlicher Glaube und schon gar kein esoterischer Aberglaube ersetzen.

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