Bistumsreform

Die geplanten Fusionen erzeugen Bauchschmerzen

Pfarrei der Zukunft hieß das Projekt im Bistum Trier, mit dem das Ziel von Großpfarreien bis zu 100 000 Gläubigen angestrebt wurde. Nach einer Intervention aus Rom scheiterte der Plan. Stattdessen plant das Bistum nun "Pastorale Räume".
Trier Dom
Foto: (142265868) | Kritik im Bistum Trier gibt es an der Idee der 35 "Pastoralen Räume", einem Konstrukt, das zuweilen auch als "völlig unnötiges Bürokratiemonster" gesehen wird.

Unsere große Sorge ist es, dass Bischof Ackermann mit seinen neuen Plänen der  Pastoralen Räume  seine alte Idee der 35 Großpfarreien durch die Hintertür durchsetzen will. Dagegen wehren wir uns, zur Not auch auf dem Klageweg." Mit diesen Worten bringt der Sprecher der Initiative "Kirchengemeinde vor Ort", Harald Cronauer, die Enttäuschung vieler Gläubigen auf den Punkt.

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Klare Schranken

Man habe erwartet, dass nach den deutlichen Worten aus Rom, die vor zwei Jahren den damaligen Absichten des Bischofs klare Schranken gesetzt hätten, das Thema nun vom Tisch sei. Ackermann musste nach dem Einschreiten der vatikanischen Behörden sein Gesetz zurückziehen, mit dem er Vorschläge einer Bistumssynode zur strukturellen Veränderung seines Bistums festlegen wollte.

"Es geht in unserem Bistum um mehr als eine bloße Strukturreform. Wir wollen die Beschlüsse und Vorschläge unserer diözesanen Synode umsetzen", erklärt Christian Heckmann im Gespräch mit der "Tagespost". Er leitet die Stabsstelle, die mit dieser Umsetzung befasst ist. Nach dem Einschreiten der Kleruskongregation habe es Gespräche mit den römischen Stellen gegeben. Bedingt durch die Pandemie sei die Kommunikation schwierig und zu Beginn nur schriftlich möglich gewesen.

Pastorale Räume

"Dabei war es uns wichtig, eine Lösung zu finden, wie die Vorstellungen der Synode und des Bischofs unter den rechtlichen Rahmenbedingungen der Kirche umgesetzt werden können", ergänzt Heckmann. Im Ergebnis sehe das Bistum nun davon ab, die geplanten 35 Großpfarreien zu errichten. Stattdessen werde es 35 "Pastorale Räume" geben, die die künftig maximal 172 Pfarreien ergänzen. Dazu hätten die Gremien, mit denen man den Dialog gesucht habe, die Rückmeldung gegeben, dass man den Weg mit der neuen Zielgröße gut mitgehen könne. Im Hinblick auf das Erreichen dieser Zahl werde es zu Beginn des Jahres 2022 bereits 36 Fusionen von bisherigen Pfarreiengemeinschaften hin zu Pfarreien geben

Kritik gibt es aber weiterhin an der Idee der 35 "Pastoralen Räume", einem Konstrukt, das Harald Cronauer als "völlig unnötiges Bürokratiemonster" beschreibt, das letztlich die Pfarreien ihrem Wesen nach entkerne und ihnen wichtige Befugnisse im Bereich Personal und Finanzhoheit entziehe. "Bereits jetzt haben wir die mittlere Ebene der Dekanate, in denen wir pfarreiübergreifend zusammenarbeiten", erklärt Heckmann. "Sie sollen abgelöst werden von den ,Pastoralen Räumen . Dort können wir langfristig administrative Aufgaben besser verorten, um vor Ort Ressourcen für die Seelsorge zu schaffen."

Kritik an den Plänen

Inhaltlich sollen die "Pastoralen Räume" die synodalen Vorgaben der diakonischen und missionarischen Kirchenentwicklung fördern. Die Kritik der Initiative "Kirchengemeinde vor Ort" will er so aber nicht gelten lassen. Er könne aus deren Perspektive zwar verstehen, dass man wolle, dass die Pfarreien möglichst keine Kompetenzen abgeben müssen, allerdings teile das Bistum die Einwände nicht. Die neu entstehenden Pfarreien hätten alle einen Pfarrer, einen eigenen Pfarrgemeinderat und einen eigenen Verwaltungsrat. Die Pfarrei behalte auch unangetastet ihr eigenes Vermögen. "Der ,Pastorale Raum  nimmt Aufgaben für die Kirchengemeinden wahr und soll zum Beispiel als Anstellungsträger nicht-pastorales Personal auf seiner Ebene für die Kirchengemeinden zusammenfassen."

Harald Cronauer, der sich als Rechtsanwalt auch intensiv mit kirchenrechtlichen Fragestellungen befasst, hat neben den tatsächlichen Sorgen um den Verlust der Identifikation der Menschen mit ihrer Gemeinde auch juristische Bedenken. "Der Kirchengemeindeverband im ,Pastoralen Raum  wird zu einer Zentralisierung führen, die letztlich den Pfarreien schadet. Mit diesen Plänen verstoße das Bistum sehenden Auges gegen die Instruktionen der Kleruskongregation und das geltende Kirchenrecht." Die Entwicklung werde im Moment auch dadurch deutlich, dass alle neu eingesetzten Geistlichen nicht als Pfarrer, sondern als Pfarrverwalter mit dem Titel "Pfarrer" eingesetzt würden.

Entmachtung der Pfarrer

Die faktische Entmachtung der Pfarrer durch den "Pastoralen Raum" dürfe von Rom nicht hingenommen werden. "Wir haben nichts gegen ,Pastorale Räume  als Arbeitsebene, die der Förderung überpfarreilicher Zusammenarbeit, zum Beispiel bei der Durchführung, von Veranstaltungen dient. Sie können und dürfen kirchenrechtlich aber kein Ersatz für die Pfarreien sein."

Der Kirchenrechtler Christoph Ohly, seit 2020 kommissarischer Rektor der Kölner Hochschule für Katholische Theologie, kennt die Situation im Bistum Trier sehr gut. Er war zuvor Ordinarius für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät Trier. "Es sieht so aus, als wolle das Bistum mit den ,Pastoralen Räumen  einen Rahmen schaffen, in dem es fusionierte Pfarreien ebenso geben soll wie bestehende Pfarreiengemeinschaften mit eigenberechtigten Pfarreien", erklärt Ohly. So habe man die Vorgaben der Diözesansynode etwas aufgeweicht und sich den Forderungen aus Rom angenähert. "Ich habe allerdings den Eindruck, dass es das Ziel sein könnte, diese ,Pastoralen Räume  am Ende doch wieder zu Großpfarreien zu machen", vermutet der Professor.

Orte unter Druck

Unbestritten seien Strukturveränderungen in der Kirche aus unterschiedlichen Gründen notwendig. Für ihn stelle sich die Frage, ob man die Lösungen aus einem territorialen Ansatz heraus suchen solle, oder ob man, im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils, eucharistisch, also geistlich an das Thema herangehen solle. "Das geschieht, indem man Orte schafft, an denen sich die Kirche zur Eucharistie versammelt und aus dieser Versammlung heraus territorial wirkt", ergänzt der Kirchenrechtler.

Man dürfe allerdings nicht den Fehler machen, in dem Bestreben, alles beizubehalten, die Orte unter Druck zu setzen, die schon seit langem ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden könnten. Dort biete man dann Wort-Gottes-Feiern an, ziehe die Menschen aber letztlich von der einenden Kraft der Eucharistie weg. Umso wichtiger sei ein gemeinsamer Ort eucharistischer Begegnung. Für die Zukunft sieht der Professor die Kirche stärker auf dem Weg zu einer Entscheidungskirche, die ihre Präsenz nicht mehr in der Breite der Gesellschaft haben werde, sondern dadurch, dass Menschen vor Ort konkret Zeugnis von ihrem Glauben geben.

Keine Vorgaben

Anders als in anderen Bistümern geht es in Trier nicht zentral darum, Kirchen zu schließen. "Wir haben da keine Vorgaben", erläutert Heckmann. Vor einigen Jahren habe es ein Immobilienkonzept gegeben, bei dem die Pfarreien selbst darauf geschaut hätten, welche Räume zukünftig noch benötigt würde. Immer, wenn man in den vergangenen Jahren Kirchen geschlossen habe, sei der Anstoß von der jeweiligen Pfarrei oder Kirchengemeinde als Eigentümerin gekommen. Wenn man vor Ort zu der Erkenntnis gelangt sei, dass man einen kirchlichen Raum nicht mehr beleben könne, sei eine Profanierung eine logische Konsequenz.

"Wir haben eine große Anzahl engagierter Christen, die in unterschiedlichen Gruppen, Gremien oder Einrichtungen Kirche betreiben", ist Christian Heckmann zuversichtlich, dass es durch die "Pastoralen Räume" gelingen kann, die Menschen besser zu vernetzen. Eine zentrale Aufgabe der Kirche sieht er dabei darin, diakonisch ganz nah bei den Menschen zu sein. Die Katastrophe im Ahrtal, die viele Gemeinden und die dort lebenden Menschen massiv getroffen habe, habe gezeigt, wie wichtig es ist, diese Nähe zu leben. "Die Menschen freuen sich, wenn sie wissen, dass jemand für sie da ist. Das ist eine wichtige Aufgabe von Kirche jetzt und in der Zukunft", unterstreicht Heckmann.

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