Interview

Wolfgang Ipolt: "Die Gegenwart ist  nicht der einzige  Maßstab"

Nach der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda ist vor der Synodalversammlung in Frankfurt. Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt ermutigt verdrossene Katholiken, die mit der Situation der Kirche hadern, zum Bleiben.
Wolfgang Ipolt ermutigt Katholiken in der Kirche zu bleiben
Foto: Sven Döring (KNA) | Wolfgang Ipolt ermutigt Katholiken in der Kirche zu bleiben und trotz Verdrossenheit nicht auszutreten.

Exzellenz, der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, hat in seinem Grußwort zu Beginn der Fuldaer Frühjahrsvollversammlung noch einmal intensiv an den Brief des Heiligen Vaters an das pilgernde Gottesvolk in Deutschland erinnert. Welche Punkte der Ansprache erscheinen Ihnen besonders bedenkenswert?

Er hat noch einmal sehr deutlich von der Gemeinschaft und dem Zusammenbleiben mit der ganzen Kirche gesprochen   und auch von der Katholizität. Was wir beraten, soll den geweiteten Blick auf die gesamte Kirche haben. "Unter Petrus und mit Petrus" war die Aufforderung, damit alles im großen Zusammenspiel mit der Weltkirche verankert bleibt.

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Die Synodalversammlung tritt in dieser Woche in Frankfurt in Zeiten des Übergangs zum Synodalen Prozess der Weltkirche zusammen. Was sollte im Vorfeld dieses Ereignisses stärker in den Blick rücken?

Der Nuntius hat uns daran erinnert, dass wir mit den synodalen Überlegungen nicht mehr allein sind, sondern dass wir uns verbunden wissen mit anderen Ländern. Es ist eine Weitung unseres Prozesses. Wir haben erst vor einigen Tagen die Fragen bekommen, die Papst Franziskus der Weltkirche stellt. Er hat das Anliegen, dass die ganze Kirche versteht, was das überhaupt heißt: Synodalität. Die Grundfrage des Papstes ist: Was heißt es, einen gemeinsamen Weg zu gehen? Das soll in verschiedenen Bereichen durchbuchstabiert werden, und da kommen die Themenfelder unseres Synodalen Wegs durchaus vor. Das lässt sich zwar verbinden, aber es ist ein anderer Fokus.

Inwiefern?

Man muss sich immer klar vor Augen halten, dass der Auslöser des Synodalen Wegs in Deutschland die MHG-Studie war. Das war eigentlich der Anfang. Papst Franziskus möchte einen Akzent, den es in der Kirche immer schon gegeben hat, verstärken. Eine der ersten Fragen, die der Papst stellt, heißt: Lebt ihr Synodalität schon? Da haben wir ja auch Erfahrungen. Wir fangen nicht bei null an. Der Papst hat auch ausdrücklich gesagt, dass die Bischofssynode nicht 2023, sondern jetzt beginnt.

"Synodalität ist nicht zu verwechseln mit einem Parlament."

Was bedeutet das konkret?

Das heißt, dass die Gläubigen in den Pfarreien und den Bistümern jetzt wissen: Wir gehören mit zu dieser Synode, selbst wenn die Bischöfe dann zusammenkommen und das, was in den nächsten zwei Jahren gesammelt wird, bündeln. Das ist eine Mammutaufgabe. Es wird sich auch zeigen, wie verschieden die Kirche an verschiedenen Orten der Erde Synodalität versteht und lebt. Da wird vielleicht auch ein tieferes Verständnis zum Vorschein kommen und deutlich werden, dass es letztlich ein geistlicher Vorgang ist: Synodalität ist nicht zu verwechseln mit einem Parlament. Der Papst betont das ja auch immer wieder: das Hören lernen, den anderen zu Wort kommen lassen und dann das Eigene dazugeben.

Die Vorbereitungen sollen jetzt in den Pfarreien anfangen: Was schlagen Sie den Gemeinden in Ihrem Bistum praktisch vor? Wie sollen sie das anpacken?

Ich werde, wie es vorgesehen ist, am 17. Oktober einen festlichen Gottesdienst zur Eröffnung des Synodalen Prozesses in unserem Bistum halten. Außerdem werde ich ein Hirtenwort schreiben, das an diesem Sonntag in allen Kirchen verlesen werden soll. Darin werde ich Pfarrgemeinde- und Diözesanräte dazu einladen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Man muss da keine Extraveranstaltungen machen, sondern die Situation, die da ist, auf die Fragen fokussieren, die der Papst uns gestellt hat. Da entsteht ein guter Querschnitt. Wir müssen in den nächsten Wochen noch klären, ob man die Fragen auch digital beantworten kann, so dass auch diejenigen, die keinem Gremium angehören, sich aber gern dazu äußern möchten, dazu Gelegenheit haben.

"Bleiben Sie bei uns!"

Im Vorfeld der Herbstvollversammlung sind unzufriedene Stimmen laut geworden. Die Theologin Agnes Wuckelt, stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, verweist auf die hohe Zahl der Kirchenaustritte bei Frauen über 75. Was sagen Sie denen, die mit dem Gedanken an Kirchenaustritt spielen oder latent damit drohen, falls ihre Reformvorstellungen nicht verwirklicht werden?

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Christi und lebt von einem Miteinander und nicht von Drohungen. Diese Situation hat es bei Jesus selbst schon gegeben: "Seine Rede ist hart, wer kann sie hören?", heißt es in der Schrift. Und Jesus fragt die Jünger: "Wollt auch Ihr weggehen?" Es ist kein geistlicher Stil, sich gegenseitig zu drohen. Man soll mit dem Kirchenaustritt auch nicht spielen. Das ist keine Lappalie. Zum Getauftsein gehört auch, dass ich mal an der Kirche leide. Das würde auch die Atmosphäre auf dem Synodalen Weg verderben. Ich kann die Ungeduld zwar verstehen. Manches ist auch durch die Coronazeit in die Länge gezogen worden. Es gibt Dinge, die müssen wir angehen. Aber ich möchte noch mal ermutigen: "Bleiben Sie bei uns!"  

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Ihr Bistum liegt direkt an der Grenze zu Polen. Wenn Sie an den Synodalen Prozess der Weltkirche denken: Welche Impulse aus fremdsprachigen Ortskirchen könnten bei uns stärker zum Tragen kommen?

Wir denken in Deutschland sehr von den Strukturen her. Das ist bei uns über viele Jahrzehnte so gewachsen. Die Gläubigen in anderen Ortskirchen   und dazu gehört auch Papst Franziskus   denken anders. Das merkt man an den Äußerungen des Heiligen Vaters. Das ist eine stärker charismatisch ausgerichtete Kirche, und ich würde mir wünschen, dass wir von dieser Mentalität etwas mitbekommen. Auch Polen ist eine ganz anders geordnete Kirche. Wir spüren im Grenzbereich, dass viele  Anregungen für die Frömmigkeit zu uns herüberkommen. Ich hoffe, dass wir mit unserem manchmal engen Horizont sehen: Katholische Kirche gibt es auch anderswo, vielleicht etwas einfacher, aber mit Blick auf die Synode interessant für einen Austausch der Gaben. Wir sind eine gut aufgestellte und strukturierte Kirche   und das hat ja auch etwas für sich: Dadurch können wir anderen helfen. Nicht alle Länder haben Hilfswerke. Aber es kann manchmal auch den Blick verengen. Wir können von unserem Reichtum abgeben, aber andere können uns Anderes abgeben. Es könnte uns reicher machen, wenn wir auf Empfangsbereitschaft gehen.

Der Heilige Vater wurde kürzlich gefragt, ob ihm die Kirche in Deutschland Sorgen mache. Wie geeint werden die deutschen Bischöfe in die Synodalversammlung gehen, die bis Samstag in Frankfurt tagt?

Schwierig zu sagen. Unter den Bischöfen ist ein Prozess im Gange. Beim Studienhalbtag zum Synodalen Weg während der Herbstvollversammlung haben wir uns ehrlich gesagt, in welchen Punkten wir verschiedener Meinung sind und noch nicht gemeinsam gehen. Ich hoffe immer, dass das noch wächst, auch angesichts der Spannungen im Gottesvolk, die sich in den Spannungen unter uns Bischöfen widerspiegeln.

Wie gehen die Bischöfe damit um?

Es gibt verschiedene Ansätze: auf der einen Seite die Ohren beim Gottesvolk zu haben. Auf der anderen Seite haben wir als Bischöfe natürlich die Verantwortung für die Lehre der Kirche und den Weg, den die Kirche nicht bloß heute geht, sondern den sie aus ihrer Geschichte heraus geht. Schrift und Tradition, die Offenbarung sollen zum Leuchten gebracht werden. Das Verständnis dafür, dass man eine Botschaft hört und sie auch annimmt, fällt vielen schwer. Die Gegenwart ist nicht der einzige Maßstab. Sie ist auch ein Maßstab   das Stichwort lautet "die Zeichen der Zeit"    und da gibt es verschiedene Deutungen. Wir müssen als Bischofskonferenz den Weg der Einheit finden. Die Apostel waren beim ersten Apostelkonzil in einer ähnlichen Situation.

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