Bistum Essen

Der Abschied von gewohnten Strukturen tut weh

Abschied vom Pfarrer. Das Bistum Essen gibt Kirchen auf und will Laien Gemeinden leiten lassen. Nur ein Drittel der Kirchen wird bleiben.
Das Essener Münster
Foto: Boris Breytman (229343055) | Dunkle Wolken ziehen über dem Bistum Essen herauf. Radikale Reformen rufen Kritik der Gläubigen auf den Plan.

Für das Bistum Essen werden wir unsere Prozesse der Erneuerung und Veränderung fortsetzen so schwierig und so schmerzhaft sie auch manchmal sind, versichert Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Er leitet seit 2009 eines der jüngsten und kleinsten Bistümer in Deutschland. Mit seinen heute noch etwa 790 000 Mitgliedern umfasst es nur noch etwas mehr als die Hälfte der ursprünglichen Zahl der Katholiken.

Das Bistum entstand im Jahre 1958 und sollte die Arbeiterseelsorge in dem boomenden Industrierevier voranbringen. Der bereits Mitte der 1960er Jahre einsetzende Strukturwandel im Ruhrgebiet hatte massive Auswirkungen auf die junge Diözese. So mussten die Nachfolger des ersten Ruhrbischofs, Franz Hengsbach, Reformen anstoßen: In kleinen Schritten begann es bei Bischof Hubert Luthe, wurde von seinem Nachfolger Felix Genn vorangetrieben und unter Bischof Overbeck weitergeführt.

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Riesige Veränderungen

"Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat es einmal sehr treffend auf den Punkt gebracht. Sie sind aus Essen? Was Sie bereits hinter sich haben, haben wir noch alle vor uns." So beschreibt der Verantwortliche für die Seelsorge im Bistum Essen, Monsignore Michael Dörnemann im Gespräch mit der "Tagespost" den Blick von außen auf seine Diözese. Die riesigen Veränderungsprozesse, die vor allem seit 2005 eingeleitet wurden, sind noch nicht beendet. "Auf dem Weg, den wir beschritten haben, befinden sich inzwischen viele andere Diözesen. Wie die Kirche in Deutschland oder in der gesamten Welt in 20 oder 30 Jahren aussieht, vermag ich nicht zu prognostizieren", macht Dörnemann klar.

"Wir können in Deutschland aber auch in vielen anderen Ländern der Weltkirche kirchliches Leben nicht mehr nach den Mustern der bisher bekannten Volkskirche gestalten." Mit diesen Worten kritisierte Bischof Overbeck im vergangenen Jahr die Instruktion des Vatikans zu den Gemeindereformen. Und so setzt das Bistum Essen seinen Reformkurs unbeeindruckt fort. Das betrifft vor allem die Pfarrei- und Gemeindestrukturen. Im Laufe der letzten 16 Jahre hat man 259 Gemeinden zu 40 Großverbünden mit etwa 130 Gemeinden zusammengeschlossen. Diese Fusionen werden von vielen Gemeindemitgliedern als Verlust von Heimat wahrgenommen.

"Bis zum Jahre 2030 werden wir im
Bistum Essen noch 80 bis 90 Kirchen haben."

Verlust der Heimat

Die Identifikation geht verloren, wenn man nur noch Teil einer viel größeren Einheit ist. Eine ältere Dame aus dem Bistum Essen hat den Effekt vor einigen Jahren einmal beschrieben, als die Fusion der Pfarreien in Gelsenkirchen-Buer zur Großpfarrei St. Urbanus erfolgte. Das war verbunden mit einer Zuweisung von Seelsorgeschwerpunkten für Zielgruppen an verschiedene Kirchorte: "Ich darf jetzt nicht mehr in meine Mariä-Himmelfahrt-Kirche gehen, die ist nur noch für junge Menschen."

Der Verlust verstärkt sich dadurch, dass nicht nur Pfarreien zusammengelegt, sondern auch Kirchen geschlossen werden. Die Orte, an denen Menschen getauft wurden, ihre Kommunion und Firmung empfingen, heirateten oder sich von geliebten Menschen im Tode verabschieden mussten, fallen der Strukturreform zum Opfer. "Bis zum Jahre 2030 werden wir im Bistum Essen noch 80 bis 90 Kirchen haben. Ob diese dann zu 20 Pfarreien gehören werden, oder nur noch zu zehn, ist offen", beschreibt Dörnemann die Zukunft. Nur etwa ein Drittel der 260 Kirchen werden den Strukturprozess überleben. Das wurmt viele engagierte Katholiken. In Mülheim an der Ruhr hat sich eine Initiative gegründet, die gegen unsinnige Kirchenschließungen kämpft. Hubert Kauker ist der Sprecher der Initiative. Seine Kirche St. Elisabeth in Saarn steht auf der Streichliste des Bistums.

Fehler des Bistums

Er macht gegenüber der "Tagespost" deutlich, dass die Herangehensweise des Bistums falsch sei. "Man hat dort die doppelte Buchhaltung eingeführt und auf einmal spielten die Rückstellungen zum Erhalt von Kirchen eine zentrale Rolle. Es kann aber doch nicht eine Frage der Buchhaltung sein, ob man einen Kirchort erhält oder schließt", beklagt sich Kauker. Wo eine Gemeinde pastoral keine Zukunft mehr habe, könne eine Schließung unvermeidbar sein. "In einer funktionierenden Gemeinde, wie bei uns, ist das aber völlig unangebracht." Deshalb fordert Kauker eine größere Transparenz im Hinblick auf die Finanzen der Pfarrei und eine Offenlegung der Bilanzen im Internet. "Wenn es bei den Schließungen der Kirchen bleibt, die eine aktive Gemeinde haben, werden viele Menschen aus der Kirche austreten", ist seine große Sorge.

Das Bistum habe in den vergangenen Jahren versucht, die Veränderungsprozesse anders zu gestalten, beschreibt Michael Dörnemann. Während die ersten Reformen in den Jahren 2005-2008 in einem Dropdown-Verfahren gestaltet wurden, bei dem die Bistumsleitung ihre feststehenden Entscheidungen an die Pfarreien kommunizierte, habe man dies im weiteren Verfahren geändert.

Priestermangel bedingt Strukturwandel

Seit 2015 gibt es den so genannten Pfarrentwicklungsprozess, der den Pfarreien die Verantwortung dafür übertragen hat, wo es Schließungen geben soll und wo nicht. Das hat allerdings das Problem nicht gelöst. Vielmehr hat es lediglich den "Schwarzen Peter" vom Bistum direkt in die Pfarrei verschoben. Dort müssen sich die Verantwortlichen jetzt für die Entscheidungen rechtfertigen, die vor Ort für Unruhe sorgen. "Ob sich durch dieses Verfahren eine höhere Akzeptanz der Maßnahmen erreichen lässt, halte ich für fraglich", räumt Dörnemann ein. Man könne bei solchen schmerzlichen Prozessen nicht alle Beteiligten mitnehmen.

Der zunehmende Priestermangel bedingt den Strukturwandel ebenso, wie zurückgehende Einnahmen. "Im Moment haben wir noch etwa 120, oder 130 Priester im aktiven Dienst im Bistum Essen", berichtet Dörnemann. Aus denen könnte man noch 40 Pfarrer rekrutieren. Allerdings gebe es von vielen derzeit aktiven Pfarrern Signale, dass sie sich in dieser Funktion nicht auf Dauer sehen. Sie wollen lieber seelsorgerisch wirken als verwalten. Deshalb geht das Bistum Essen neue Wege der Verantwortungsübernahme.

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Pfarrbeauftragte statt Pfarrer

An zwei Standorten gibt es bereits sogenannte Pfarrbeauftragte, die als Leitung fungieren. So leitet in dem sauerländischen Ort Altena seit Ostermontag 2021 die Gemeindereferentin Sandra Schnell die Pastoral und Verwaltung der Pfarrei St. Matthäus. Allerdings ist diese Verantwortung nach dem geltenden Kirchenrecht keine alleinige. Ihr zur Seite steht ein so genannter moderierender Priester. Der übernimmt die Aufgaben, die nach dem kanonischen Recht an das Priesteramt gebunden sind. So ist er zum Beispiel Vorsitzender des Kirchenvorstandes. Es werde aber sicherlich, um den verschiedenen Anforderungen vor Ort gerecht zu werden, in Zukunft unterschiedliche Leitungsmodelle geben, betont Dörnemann.

Auch das ehrenamtliche Engagement im Bistum Essen verändert sich in Zukunft. Bischof Franz Josef Overbeck hat eine neue Satzung in Krat gesetzt, nach der Pfarrgemeinderäte künftig direkt gewählt werden. Bislang wurden im Bistum Essen in einzelnen Gemeinden so genannte Gemeinderäte gewählt, die dann Mitglieder in den Pfarrgemeinderat entsandten. Dieses basisnahe Modell wird künftig entfallen. Die Gestaltung des Gemeindelebens soll vielmehr in ehrenamtlichen Teams erfolgen.

"So mussten zuletzt 18 katholische Pfarreien
im Bistum Essen insgesamt
5,8 Millionen Euro an Steuern nachbezahlen."

Pfarreien müssen Steuern nachzahlen

Diese sollen in entsprechenden pastoralen Handlungsfeldern tätig werden und ihre Arbeitsschwerpunkte selbst festlegen.
Bei allem strukturellen Wandel sind sicherlich die Kirchenfinanzen immer wieder in den Blick zu nehmen. Viele Finanzskandale in der Kirche haben gezeigt, dass der Umgang mit dem Geld nicht immer leicht ist und an dieser Stelle strukturelle Veränderungen erforderlich sind, um mehr Expertenwissen in die Bistümer und Pfarreien zu bringen.

So mussten zuletzt 18 katholische Pfarreien im Bistum Essen insgesamt 5,8 Millionen Euro an Steuern nachbezahlen. Einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft waren Fehler in den Steuererklärungen der vergangenen 13 Jahre aufgefallen. Das Bistum Essen weiß, dass es aufgrund der angespannten finanziellen Lage seine Haushalte in den kommenden Jahren angemessen vorsichtig planen muss. "Nach jetzigem Stand wird die Corona-Krise deutliche Einschnitte in der wirtschaftlichen Situation des Bistums hinterlassen", beschreibt ein Bistumssprecher gegenüber der "Tagespost". Ausfälle bei der Kirchensteuer ließen sich im Ruhrbistum nicht durch andere Einkünfte kompensieren. 


Start einer Serie über Pfarreireformen in Deutschland 

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