Religion

Religion ist mehr als Konservatismus

Religion auf dem Weg zu mehr Bedeutung. Eine Entgegnung auf Wolfram Weimers Buch „Sehnsucht nach Gott“. Begriffsklärung ist nötig.
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Foto: Nicolas Armer (dpa) | Soll das Christentum das „Abendland“ heilen? Die Verkündigung des Evangelium soll kein Resonanzraum für eine politische Theologie sein.

Die empirische Widerlegung der Säkularisierungsthese beziehungsweise die „Wiederkehr der Religion“ findet bereits seit Jahren vielfältig publizistischen Niederschlag. Da die fortwährende – und, so ist anzunehmen, zunehmende – Bedeutung des Faktors Religion ein Thema von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist, ist es zu begrüßen, dass sich Denker unterschiedlichster politischer wie weltanschaulicher Provenienz an dieser Debatte beteiligen – und so auch Wolfram Weimer als Journalist mit einem ebenso katholischen wie konservativen Profil. Gerade aus einem solchen Blickwinkel sind durchaus denkwürdige Diskussionsbeiträge zu erwarten, denke man nur an die Impulse des Philosophen Robert Spaemann (1929-2018), auf den sich Weimer gerne bezieht. Umso bedauerlicher ist jedoch, dass Weimer die reichen Chancen, diese Perspektive fruchtbar zu machen, in seinem Buch „Sehnsucht nach Gott“ verspielt.

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Wiederkehr der Religion

Das zentrale Problem liegt dabei in dem Zugriff des Verfassers auf „Religion“ – ein Begriff, dessen konzeptionelle Klärung fatalerweise unterlassen und der stattdessen für kulturelle und gesellschaftspolitische Zielsetzungen funktionalisiert wird. Eine funktionale Beschreibung von „Religion“ mag im Kontext einer religionssoziologischen Studie ihren Platz haben. Weimers Buch vermischt jedoch populärwissenschaftliche Überlegungen zur „Wiederkehr der Religion“ mit einer Programmschrift, die auf die Fruchtbarmachung von „Religion“ – bei der Weimer in diesem Zusammenhang vornehmlich an ein konservatives Christentum zu denken scheint – für Staat, Gesellschaft und Kultur abzielt.

Dies wird in entlarvender Weise deutlich, wenn Weimer gar auf die bevölkerungspolitische Dimension abhebt: „Der enge Zusammenhang von kulturell-religiöser Identität und gesellschaftlicher Dynamik wird auch in der Demografie sichtbar. Gesellschaften, die um ihren inneren Sinn nicht mehr wissen, die kein größeres Ziel mehr kennen als die Besitzstandwahrung, entfalten natürlich weniger Kräfte, mobilisieren weniger Begabungsreserven; bekommen letztlich weniger Kinder. Damit wird auch klar, dass mit einer Renaissance des kulturellen und religiösen Bewusstseins die Bereitschaft wieder wachsen dürfte, Zukunft auch unmittelbar in Form von Nachkommenschaft zu wollen und zu haben.“

Das Abendland

An diesen Stellen wünschte man sich, Weimer würde seinen kollektiven Kinderwunsch als Christ zumindest schöpfungstheologisch aus dem biblischen Mehrungsgebot herleiten. Doch scheint es Weimer weniger um die Schöpfungsordnung zu gehen, als um die Rettung von Nation und Abendland. Diese Perspektive scheint etwa auf, wenn Weimer am Beispiel des Bildungssystems „die kulturelle Selbstschwächung unserer Nation durch Werte-Indifferenz“ oder an anderer Stelle die „Niedergangssklerose“ Europas beklagt. Mithin funktioniert Weimers Gegenwartsbeschreibung nur aufgrund eines holzschnittartigen Verfallsnarrativs, in dem den 1960er Jahren eine stereotyp prominente Rolle zukommt und das wahrscheinlich nicht umsonst an den russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion Alfejev erinnert.

Aber da ist ja zum Glück „der Religiöse“ – ein weiterer Pauschalbegriff, den Weimer mehrfach verwendet und hinter dem sich wahrscheinlich der „religiös [geprägte Wertkonservative]“ verbirgt, den Weimer an anderer Stelle erwähnt. Hierfür spricht nicht zuletzt die nahezu synonyme – und in beiden Fällen unreflektierte – Verwendung der Topoi Religiosität und Konservatismus. Damit liegt hier, unabhängig vom eigenen Standpunkt, eine problematische Vereinnahmung von „Religion“ durch eine ihrer spezifischen Ausprägungen vor. In ähnlicher Weise problematisch ist die Rede von der „einen, der christlich-jüdischen Religion“, deren „kulturelle Macht“ Weimer beschwört.

Identität ungeklärt

Nun denn, „der Religiöse“ verfügt in jedem Fall über „ein Empfinden für Zivilisation, für die langen Linien von Herkunft und Zusammenhang, für die tiefe Melodie einer Kultur“. Deren Bezugspunkt ist bei Weimer Europa bzw. der „,Westen‘ als eine Wertegemeinschaft“.

Ebenso fragt „der Religiöse“ nach Identität, und stemmt sich damit gegen den Missstand, den Weimer für Deutschland diagnostiziert: „Kaum ein Horizont der Deutschen reicht weiter zurück als bis 1933, wir kennen die langen Linien unserer Herkunft nicht, nicht einmal mehr ihre rudimentären Sagen.“ Religion im Dienst nationaler Identitätsstiftung? Ein,  zumal für einen Katholiken, möchte man ergänzen, befremdlicher Zungenschlag.

Freilich, in politischer Hinsicht ist Weimer hier voll zuzustimmen. Dass der globale Westen zumal angesichts des aus Moskau und Peking beförderten neuen Autoritarismus ein gefährdetes und bewahrenswertes Gut darstellt, steht außer Frage. Unter theologischer Perspektive, der sich der Autor, wenn er als bekennender Christ schreibt, gleichfalls zu stellen hat, ist jedoch deutlich anzufragen, inwiefern die eurozentrische – und zuletzt gar nationale – Indienstnahme des Christentums dessen Selbstverständnis gerecht wird.

Politische Theologie

Gewiss vermag Weimer auch andere Szenarien zu entwickeln: „Womöglich wird das Nationale als Identitätsfigur der Massen nachlassen, insbesondere in einer globalisierten Welt des permanent erfahrbaren Multikulturalismus. Womöglich wird die Religion das neue Gefäß kollektiver Identität. Schon jetzt macht der Begriff ,Glaubensbrüder‘ Karriere. Im islamischen Raum ist er längst zu einem starken Ferment politischen Verhaltens geworden. Wer sagt uns, dass wir nicht auch im Westen in einigen Jahren in den Kategorien des Christlichen die politische Weltkarte betrachten und politische Ereignisse danach beurteilen?“

Nicht aber etwa, dass das Christentum in seinem nationale und andere identitäre Grenzen überwindenden Potenzial zur Sprache gebracht würde. Vielmehr wird – in Antwort auf den politischen Islam, den Weimer vielfach und ohne sonderliche Differenziertheit geißelt – mit dem Gedanken einer eigenen politischen Theologie gespielt. Auch hier, wo keine nationale Vereinnahmung stattfindet, erscheint Religion funktionalisiert: nicht etwa als durch Transzendenzbezug der Immanenz enthobenes Phänomen, sondern als höchst innerweltliches identitätspolitisches Instrument, eben als „Gefäß kollektiver Identität“.

Nur Versatzstücke

Es ist symptomatisch, dass die Bedeutung von Religion als Ausdruck gelebten individuellen Glaubens – in den Worten Schleiermachers als „eigene Provinz im Gemüte“ – lediglich in einem kurzen Schlusskapitel nachklappt. Relevanz gewinnt diese Perspektive damit in keiner Weise – und damit fällt das Buch hinter Einsichten der Religionsphilosophie und -phänomenologie zurück, die sich seit der Aufklärung etabliert haben. Was bleibt, sind Versatzstücke einer politischen Theologie, die letztlich eine christlich-traditionalistische Zivilreligion propagiert. Und dass diese „gut für unsere Gesellschaft ist“, wie es der Untertitel von Weimers Buch suggeriert, dürfte mehr als fraglich sein.

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