Medjugorje

Medjugorje, eine globale Marke, bekannt wie CocaCola

In den zurückliegenden vier Jahrzehnten wurde der Name eines kleinen herzegowinischen Dorfs weltberühmt und zu einer globalen Marke: bekannt und umstritten wie CocaCola. Leidenschaftliche Euphorie wie Ablehnung entzünden sich an der Frage der Echtheit der Erscheinungen. Doch auch jenseits dieser vom Heiligen Stuhl noch nicht final beantworteten Frage ist Medjugoje ein erstaunliches und faszinierendes Phänomen.

Medjugorje
Der seit Jahrzehnten in Medjugorje wirkende Franziskanerpater Tomislav Pervan sagt, die Ereignisse in Medjugorje seien "eine Aktualisierung und Realisierung des Evangeliums. Foto: Picasa

Die Anfänge

Am 24. Juni 1981, am Fest Johannes des Täufers, kommt es zu einer eigentümlichen Begegnung auf einem steinigen Hügel nahe der Ortschaft "Zwischen den Bergen" (so Medjugorje wörtlich übersetzt), die ortsansässige Kinder und Jugendliche verwirrt und doch beglückt zurücklässt. Sie meinen, "die Gospa" - die Jungfrau Maria - als schönes Mädchen mit dem Jesuskind in ihren Armen zu sehen. 

Ab dem Folgetag empfangen sechs Kinder täglich Botschaften, die sich rasch weltweit verbreiten. Das kleine Dorf in der Herzegowina, mitten im kommunistischen Jugoslawien, wird global bekannt.


Die Widerstände

Wenige Tage später schlägt das kommunistische System, dem der kroatische Katholizismus stets verdächtig war, zu: Die Polizei hindert die Kinder daran, zum Ort der Begegnung zu gehen. Sie werden verhört und medizinisch untersucht, manche auch in der Schule unter Druck gesetzt.

Der Pfarrer, Franziskanerpater Jozo Zovko, wird verhaftet und zu dreieinhalb Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt. Eineinhalb Jahre muss er schließlich absitzen. Nicht nur Dorfbewohner, auch anreisende Gläubige werden von der Polizei schikaniert. Zeitweise sperrt die Polizei den Zugang zum Podbrdo.


Die Kernbotschaft

Der seit Jahrzehnten in Medjugorje wirkende Franziskanerpater Tomislav Pervan sagt, die Ereignisse in Medjugorje seien "eine Aktualisierung und Realisierung des Evangeliums. Sie dienen der Umkehr und Evangelisation". Im Mittelpunkt stehen nicht Wunder oder Heilungen, sondern Gebet, Anbetung, Beichte, Bibellesen und Fasten.


Die Bischöfe

Der Ortsbischof, Pavao  ani, bekundet zunächst, er glaube an die Aufrichtigkeit der Kinder, später wird er jedoch zu ihrem Kritiker. Die hier traditionellen Spannungen zwischen dem Diözesanklerus und den Franziskanern mögen dabei eine Rolle gespielt haben, sind aber viel älter als die Ereignisse von Medjugorje. Am 10. Januar 1982 richtet Bischof  ani eine Untersuchungskommission ein. 1987 bezeichnete er die Erscheinungen als unecht. Der Vorsitzende der Jugoslawischen Bischofskonferenz, der Zagreber Kardinal Franjo Kuhari, bekräftigt daraufhin, dass nur der Heilige Stuhl ein Urteil über die Übernatürlichkeit der Ereignisse sprechen könnte. Am 10. April 1991 resümiert die Jugoslawische Bischofskonferenz: "Aufgrund der bisherigen Untersuchungen kann man noch nicht bestätigen, dass es sich hier um übernatürliche Erscheinungen handelt." Man müsse aber Sorge tragen für die angemessene Seelsorge und die Begleitung der Pilger.

Im Kriegsjahr 1992 wird Ratko Peri neuer Bischof von Mostar-Duvno. Auch er kritisiert die Franziskaner und lehnt die Echtheit der Erscheinungen ab. Unterdessen besuchen dutzende Bischöfe, tausende Priester und Millionen Katholiken den Ort in der Herzegowina. Im Juli 2020 ernennt Papst Franziskus den im Kosovo geborenen bisherigen Bischof von Hvar, Petar Pali, zum neuen Bischof von Mostar-Duvno. Er besucht Medjugorje am 8. Dezember 2020 und wird vom Papst Ende Mai 2021 erstmals in Privataudienz empfangen. Öffentlich positioniert sich Pali bisher nicht.


Die Päpste

Der slowakische Exil-Bischof Pavel Hnilica bezeugt, dass Papst Johannes Paul II. ihn bereits 1984 aufforderte, "inkognito nach Medjugorje" zu reisen. Wörtlich habe ihm Johannes Paul II. im Jahr 1988 gesagt: "Heute verliert die Welt den Sinn für das Übernatürliche. Aber viele finden diesen Sinn neu in Medjugorje wieder durch das Gebet, das Fasten und die Sakramente." 1985 überträgt die vatikanische Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger die Kompetenz für die Untersuchung Medjugorjes der Jugoslawischen Bischofskonferenz. 1996 bekräftigt Vatikan-Sprecher Navarro-Valls, man könne "niemandem verbieten, nach Medjugorje zu kommen".

Am 17. März 2010 beruft Papst Benedikt XVI. eine Internationale Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Kardinal Camillo Ruini, deren Ergebnisse später von Papst Franziskus gelobt, aber nicht veröffentlicht werden. 2017 ernennt Papst Franziskus den polnischen Erzbischof Henryk Hoser zuerst zum Sonderbeauftragten, dann im Mai 2018 zum Apostolischen Visitator mit voller Jurisdiktion hinsichtlich der pastoralen Entwicklung der Gebetsstätte. 2019 erlaubt der Vatikan, der Wallfahrten lange nicht gestattet hatte, offizielle Pilgerfahrten.


Die Früchte

Bekehrungen, Beichten und Berufungen sind wohl die sichtbarsten Früchte von Medjugorje. Schlangen von Gläubigen jeden Alters vor den Beichtstühlen, ein wachsender Zustrom junger Menschen und, nach Angaben von Erzbischof Hoser, mehr als 800 Priester- und Ordensberufungen. Die Gründung neuer Rosenkranz-Gebetsgruppen und geistlicher Gemeinschaften   etwa der in Salzburg beheimateten Loretto-Gemeinschaft   wurde an diesem Ort inspiriert. Auch "Radio Maria" verdankt seinen Ursprung Medjugorje.

Ebenso auch soziale Initiativen wie "Mary's Meals", eine Organisation des Schotten Magnus MacFarlane-Barrow, die 1,8 Millionen Kindern in den ärmsten Ländern der Welt zu einer täglichen warmen Mahlzeit verhilft. Oder das "Cenacolo", das Alkohol- und Drogensüchtigen in 20 Ländern der Welt mit Arbeit, Gemeinschaft und Gebet Wege aus der Sucht öffnet.


Die Gospa

Als "Königin des Friedens" soll sich die Jungfrau Maria den Kindern vorgestellt haben. Tatsächlich geht es in den veröffentlichten Botschaften vor allem um den Frieden "zwischen Gott und den Menschen und unter den Menschen", aber auch um den gelebten Glauben, die Umkehr, das Fasten und ein Gebet "ohne Unterlass".

 

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