Mission

Lernen von Abraham

Glaubenskurs in Dresden (Teil II): Wer betet, wird hellwach für den Ruf Gottes.
Papsthügel
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Die Begegnung mit dem lebendigen Herrn ist eine grundlegende Erfahrung, die Gläubige in der eucharistischen Anbetung machen.

Es ist Samstag. Die Morgensonne fällt in die Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Dresden-Striesen und die Teilnehmer des Glaubenskurses konnten eine Nacht über die am Vortag gestellte Frage schlafen: „Bin ich bereit, meine Berufung als Prophet des barmherzigen Gottes in der Welt derer, die Gott nicht kennen, anzunehmen?“ Die Jona-Geschichte geht mir noch immer nach, da auch ich mit dem Ort meiner Berufung hadere und auch eigentlich ein wenig neidisch bin, dass Jona so eine klare Zielvorgabe bekommen hat: „Geh nach Ninive!“ Für mich ist die Frage, ob ich Prophet sein will, gerade nicht die größte Herausforderung. Ich will viel eher wissen: Wo ist nun eigentlich mein Ninive?

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Schweigendes Gebet

Schwester Theresia Mende OP führt uns in den zweiten Teil ein, in dem es um „Wandlung“ gehen soll und um Gebet: „Es gibt das mündliche Beten in Formeln wie beim Vaterunser oder beim Rosenkranz, ein festes Gebet, das uns Hilfe ist beim gemeinsamen Gebet und gerade auch dann, wenn es uns schwerfällt, eigene Worte zu finden. Daneben braucht es aber das Beten aus dem Herzen, eine Art liebendes Schweigen, das wie ein Kuss der Liebe ist. Ein solches Gebet kann ich nicht einfach mal machen, ich kann es nur von Gott her empfangen“, so die Wettenhausener Dominikanerin, die noch auf ein weiteres Problem hinweist: „Schauen Sie auf Abraham! Zu Beginn der Erzelternerzählung heißt es: ,Der Herr sprach zu Abraham‘ (Genesis 12, 1). Es ist Gott, der die Initiative ergreift. Wir können nur die innere Bereitschaft wachsen lassen, uns von Gott rufen zu lassen!“

Es scheint nur allzu deutsch zu sein, selbst zu organisieren, mit Vernunft und eigenen Mitteln voranzugehen – und dabei die Vorsehung zu vergessen. Ich fühle mich ein wenig ertappt. Auch ich habe mir in den letzten Wochen über vieles den Kopf zerbrochen und verschiedene Pläne aufgestellt und abgewogen, was am besten gehen könnte. Aber vielleicht kommt es darauf gar nicht an, was ich durch intellektuelles oder materielles Vermögen erreichen kann. Wir sprechen über die Begegnung bei den Eichen von Mamre: „Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang.“ (Genesis 18, 1)

Ninive finden

„Normalerweise wird das Zelt zur Zeit der Mittagshitze verschlossen, um sich vor der Sonne zu schützen und sich auszuruhen. Doch Abraham tut das nicht, er sitzt offenen Herzens vor dem Zelt und ist bereit für die Begegnung mit Gott“, so Schwester Theresia. Diese Aufmerksamkeit Abrahams brauchen auch wir und das hat viel mit Geduld zu tun: Wir können uns Gottesbegegnungen nicht selbst herbeizaubern, wir können sie nur erwarten, uns vorbereiten. Dieses Abwarten stellt eine Herausforderung dar – gerade dann, wenn wir vor schweren und tiefgreifenden Fragen stehen und schnelle Antworten suchen. Viele Affekte, flüchtige Emotionen und Eindrücke können unser Herz verschließen, sodass wir womöglich auch gar nicht fähig sind, uns wirklich auf Gott einzulassen, wenn er kommt. Mir fällt plötzlich auf, das die Frage, die mich gestern noch umtrieb, völlig falsch gestellt ist: Es geht nicht darum, mein Ninive zu finden, sondern seines.

Und vielleicht merkt Gott, dass ich in den letzten Wochen zu unruhig, zu sehr bei mir selbst war. Es hat deshalb einen Sinn, dass er mir inmitten meiner Ungeduld noch keine Antwort geben will. Der Glaubenskurs schaut weiter auf den Erbschleicher Jakob und den verfolgten, mit dem Tod bedrohten Elija: Wir blicken in die Abgründe der prophetischen Berufung genauso wie auf die Hilfe, die Gott seinen Propheten so zuspricht, dass sie ihnen gerade helfen kann. Am Ende kommt Schwester Theresia auf den Wert der eucharistischen Anbetung zu sprechen. „Oft habe ich nachgedacht, welches Heilmittel der allgemeinen Gleichgültigkeit und Lauheit abhelfen könne, die sich in so erschreckender Weise vieler Katholiken bemächtigt haben. Ich finde nur ein einziges: die heilige Eucharistie, die Liebe zum eucharistischen Heiland!“

Wertvolle Anbetung

Diese Worte stammen von dem heiligen Peter Julian Eymard (1811-1868), einem französischen Priester, der den bis heute bestehenden Orden der Eucharistiner gründete und vor allem Kindern aus ärmeren Verhältnissen die Anbetung nahebrachte. „Gleichgültigkeit und Lauheit“ beschreiben ganz gut auch meinen Eindruck, den ich hin und wieder vom Leben in unserer Kirche habe. Da ist viel Tradition, Gewohnheit, mancherlei Pflichterfüllung, aber wie viele Menschen haben wohl jene „Liebeserfahrung mit Gott“ gemacht, von der Schwester Theresia gerade spricht? „Er ist da und streckt sehnsüchtig seine Hände nach mir aus, bereit, mich zu umarmen und an seinem Herzen zur Ruhe kommen zu lassen. Wenn wir das bedenken, dann ist Anbetung in ihrem innersten Kern eine Angelegenheit der Liebe.“

Mir selbst ist die Anbetung gerade so wertvoll, weil ich mich nirgends so wie hier an die Brust des Herrn legen und sein Herz schlagen hören kann. Für die Kirche ist sie vielleicht die stärkste Medizin, denn hier braucht sie selbst nicht viel zu arbeiten, sondern kann Jesus mit mir, mit anderen Menschen arbeiten lassen. Das zeigt mir auch eine Erfahrung von Schwester Theresia, die eine Zeit lang Schulleiterin an einem Gymnasium in Speyer war. Dort fanden regelmäßig Anbetungsnächte statt: „Es kamen viele Kinder, auch aus nicht besonders religiösen, teilweise konfessionslosen Familien. Einige ließen sich dann eines Tages taufen und als ich sie fragte, warum sie sich dafür entschieden haben, sagten sie: ,In dieser Nacht, da hat Jesus uns genommen.‘ Die Anbetung ist für Kinder gerade im Handy-Zeitalter ein wichtiges Heilmittel, wo sie oft digital, indirekt kommunizieren, aber es zu keiner echten Begegnung mehr kommt, wie sie sich in der Anbetung ereignet.“

Gottes Gegenwart

Es folgt eine weitere Stunde der Anbetung, in der Jesus auch mich nehmen und vorbereiten kann, so wie es Schwester Theresia sagt: „Beten ist ja mehr, als nur heilige Orte aufzusuchen, um dort die Gegenwart Gottes ungestört im sakralen Raum zu genießen. Wenn wir Jesus nach einer erfüllenden Anbetung oder Eucharistiefeier mitnehmen in unser Leben, wird das Herz wach bleiben für die Begegnung mit Gott ,draußen‘. Nur mit einem Sensus für die alltäglichen Gottesbegegnungen merken wir: Sie sind real, tief, stärkend, ermutigend, Klarheit und Orientierung gebend und sie heiligen unser profanes Leben. Hier ereignet sich Anbetung im Alltag.“

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