Berlin

Die Kirche sollte für alle offen stehen

Zugangsbedingungen zur Messe. Der Impfstatus entscheidet über den Zugang zu den Sakramenten. Warum ich auf dem Bebelplatz Rosenkranz bete.
Rosenkranz Gebet auf dem Bebelplatz
Foto: unbekannt | Im wöchentlichen Gebet bitten Christen darum, dass die Kirche bald wieder für alle geöffnet ist.

Jeden Sonntag poste ich eine Story aus der Kirche auf Instagram. Aus Herz-Jesu auf dem Prenzlauer Berg in Berlin. Für wenige Sekunden fahre ich mit der Handykamera über den heiligen Paulus, der sich auf ein großes Schwert stützt, über die Anbetung des Lammes in der Kirchenkuppel oder ich filme die Hände meiner Töchter, die vor dem Marienaltar eine Kerze anzünden. Seit einigen Wochen poste ich keine Storys mehr aus Herz-Jesu. Ich poste Storys von unserem Gebet auf dem Bebelplatz.

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Keine Messe

Etwa auf der Mitte des Platzes lässt eine begehbare Glasscheibe den Blick frei auf ausgeleuchtete, leere Bücherregale im Untergrund, und erinnert an die Bücherverbrennung durch Studenten der Humboldt-Universität in Nazi-Deutschland. Hinter uns liegt die St. Hedwigs-Kathedrale, die katholische Hauptkirche Berlins, ein bisschen versteckt zwischen Staatsoper und dem Luxushotel Hotel de Rome. In St. Hedwig wurde ich als 24-Jähriger getauft, vom damaligen Berliner Erzbischof Kardinal Rainer Woelki. 2014 war das. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal nicht die Messe würde besuchen können, wenn ich will. Jetzt wird St. Hedwig umgebaut und ist für lange Zeit geschlossen. Für die Zeit des Umbaus wurde auch der selige Bernhard Lichtenberg umgebettet. Bernhard Lichtenberg, der dem Druck des Nazi-Regimes widerstand, weiter für die Verfolgten eintrat und in Gefangenschaft starb, ist dieses Jahr von der neuen Großpfarrei, zu der auch Herz-Jesu gehört, zum Patron gewählt worden.

An einem Sonntag sind wir etwa 70 Personen, die sich bei Minusgraden zusammengefunden haben. Die Sonne geht schnell unter. Ich halte mit am Banner: „Kein 2G: Kirche für alle“. Erst haben wir gesungen, „Macht hoch die Tür“, jetzt beten wir den Rosenkranz - „…auferstanden von den Toten.“ „Es ist noch kein Ostern…“, spötteln Passanten. Vor dem Hotel de Rome röhrt ein Ferrari. Die, die Kerzen mitgebracht haben, können ihre Hände daran wärmen. Alle anderen bekommen elektrische Kerzen. „Warum bist du gegen 2G in der Kirche?“, reagiert jemand auf meine Story. Ich überlege am nächsten Tag, was ich antworten soll. Ich kenne die Person nicht persönlich. Ein junger Mann, keine 20 Jahre alt. Ich weiß, dass er mit Kirche nichts am Hut hat.

Messe ist wichtiger

Mir kommt das Bild eines alten kranken Mannes in den Sinn, dem der Messbesuch wichtiger ist als der Schutz vor Infektion. Eine Familie erzählt, sie habe eine Stunde mit dem Auto gebraucht, um hierher zu kommen. Während wir beten, denke ich an Herz-Jesu, wo in der Apsis, über dem Hochaltar eine überdimensionale Christusfigur die Arme ausbreitet, lächelnd. Eine Willkommensgeste für die starke katholische Zuwanderung vor gut 100 Jahren. Früher fanden hier sonntags vier Messen statt. Jetzt sind es zwei. Beide 2G.

Mit den Fingern wieder an den Anfang der Perlenkette zu kommen, ist ein schönes Gefühl. Mein Herz ist geöffnet, und es schließt sich ein Kreis. Wir bitten auch den seligen Bernhard Lichtenberg um seine Fürsprache. Ich denke daran, dass das Leben in Wochen vergeht, nicht in Tagen, nicht in Stunden. Die Zeit, das ist Gott, der auf uns wartet. Am besten kann man das im Wochenrhythmus erfahren. Und im wiederholenden Gebet, das nicht nur Forderungen stellt, sondern den eigenen Blick verändert. Unser Gebet lindert die Enttäuschung, lässt keinen Raum für gekränkte Gefühle und Stolz. Nicht Jesus ist es, der Kirchentür-Kontrollen eingeführt hat, nicht Jesus gibt mir einen Korb. Fürchtet euch nicht, sagt er.

Nicht fürchten 

Sich nicht zu fürchten, ist ein Mantra der Bibel. Glaube und Furcht passen nicht zusammen. Heil ist da. In schwierigen Zeiten muss man darum kämpfen. Gott will sich Jakob entziehen, weil die Sonne aufgeht. Aber Jakob sagt: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ Und Gott antwortet: „Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott… hast du gestritten und hast gewonnen.“ Jakob, Israel, der der mit Gott kämpft, verlässt siegreich den Kampf, aber er hinkt. Gott hat ihn mit einem Schlag auf die Hüfte verletzt.

„Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und bin doch mit dem Leben davongekommen“, reüssiert er. Zu leben bedeutet auch, keine Angst vor dem Hinken zu haben. Nur wenige kannten einander vorher. Wir beten über Pfarreigrenzen hinweg, lassen Alltag hinter uns. Das Gebet hat uns zusammengebracht und wir tragen einander sanft im Gebet. Papst Franziskus würde sagen: zärtlich. „Zärtlichkeit ist das Gegengift zur Angst vor Gott“, sagt er.

Wieder 3G in Herz Jesu

Nicht nur Katholiken sind gekommen. Ich höre von einem Ehepaar, wo nur die Frau, eine Protestantin, die Kirche besucht. Zu unserem Gebet sind sie beide gekommen. Der Himmel ist stockdunkel, als wir auseinandergehen. An den Eingängen der Oper herrscht Gewimmel, warmes Kronleuchterlicht quillt über Menschen in Abendgarderobe. Während ich dies schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass Herz-Jesu wieder 3G zulässt. Aber ich glaube, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir gemeinsam beten. Wir dürfen keine Angst davor haben, zu hinken. Wir dürfen nicht verlernen, mit Gott zu kämpfen, und wir dürfen nicht vergessen, dass er zärtlich ist. Jesus hält seine Arme ausgebreitet. Wirklich. Immer.

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