Chur

Das Churer Bischofsbeben

Das Churer Domkapitel weist die römische Liste zur Bischofswahl zurück. Nun wird über die Gründe spekuliert. Waren die von Rom vorgelegten Kandidaten der Versuch einer feindlichen Übernahme Churs durch das landeskirchliche System?

Die Kathedrale St. Maria Himmelfahrt in Chur
Die Kathedrale St. Maria Himmelfahrt in Chur. Foto: Wikicommons/Christoph Wagener

Es ist ein unerhörter Vorgang: Seit Jahrhunderten darf das Churer Domkapitel aus einer römischen Liste den Bischof der Deutschschweizer Diözese bestimmen. Vergangenen Montag sollten die derzeit 22 Domherren ihrer vornehmsten Pflicht nachkommen. Nur die Öffentlichkeit war überrascht. Hinter den Kulissen war die Zusammenkunft regelgemäß einberufen worden. Nach kaum einer Stunde Sitzung aber war die Geschichte des auf das 5. Jahrhundert zurückgehenden Bistums um ein aufsehenerregendes Kapitel reicher: Die von Rom eingereichte Dreierliste wurde von den Domherren mehrheitlich zurückgewiesen - wenn auch denkbar knapp, wie diese Zeitung aus gut unterrichteten Quellen erfuhr. Damit haben die Domherren den Ball zurück nach Rom gespielt. Der Papst ist nun frei zu ernennen, wen er will. Theoretisch könnte er aber auch eine neue Liste vorlegen. In jedem Falle ist der Eklat gewaltig.

Es geht um den Kurs der Kirche

Doch warum die Ablehnung? Einer Quelle zufolge sollen selbst nicht ausdrücklich konservative Domherren empört gewesen sein, als sie am Montag die versiegelte Post vom Nuntius öffneten. Ein Beobachter glaubt, die von Rom vorgelegten Kandidaten seien der Versuch einer feindlichen Übernahme Churs durch das landeskirchliche System gewesen. Gemeint ist damit die Schweizer Besonderheit vom Staat errichteter Körperschaften, die vom Bischof unabhängig über die Kirchensteuer verfügen - und damit meist ultraprogressive Politik machen. Opus Dei-Mann Joseph Bonnemain, Offizial des Bistums, hat sich tatsächlich vom Kritiker des landeskirchlichen Systems zu einem Befürworter entwickelt. Mit 72 Jahren wäre er von vornherein nur ein Übergangskandidat. Vigeli Monn, Benediktinerabt von Disentis, und Mauro Giuseppe Lepori, Generalabt der Zisterzienser in Rom, gelten zudem als bistumsfremd. Bündner Lokalpatrioten im Kapitel empörten sich darüber. In Summe fiel die Liste also durch.

Im Hintergrund der erbitterten Auseinandersetzung geht es um den Kurs der Kirche in Chur wie in der Schweiz. Die aufgelisteten Kandidaten, so fürchten Kenner der Verhältnisse, könnten dazu dienen, die bisher vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Stimme des Bistums Chur zum Schweigen zu bringen und gleichzuschalten. Besonders das sogenannte duale System steht dabei im Zentrum. Die vom Staat errichteten autonomen Landeskirchen mit ihrem Steuerprivileg werden dominiert von progressiven Laien. Die Funktionäre suchen zudem nach gesellschaftlicher und politischer Anerkennung, um die Akzeptanz für das landeskirchliche System zu erhalten. Rolle der Frau in der Kirche und Sexualmoral sind die umstrittensten Themen. Chur unter Bischof Huonder war Hort des Widerstands gegen dieses System. Besonders mit den Zürcher Laienfunktionären legte sich der vergangenes Jahr emeritierte Hirte an. Aber auch auf der Ebene der Schweizer Bischofskonferenz ist wichtig, wer in Chur Bischof ist. Wegen des typisch Schweizerischen Einstimmigkeitsprinzips verhinderte Chur in der Bischofsversammlung viele progressive Projekte, einen Schweizer Synodalen Weg inklusive.

Wie wird sich Franziskus verhalten?

Wie geht es nun weiter? Beobachtern zufolge ist unklar, wie sehr sich Franziskus um die Erstellung der Liste gekümmert hat und ob er wirklich ein Richtungssignal senden wollte. Es gebe widersprüchliche Hinweise. Auf den päpstlichen Nuntius jedenfalls hat man in Rom nicht gehört. Keiner von Erzbischof Gullicksons in jahrelanger Arbeit ausgesuchten Kandidaten sei auf der Liste gewesen, heißt es. Dies deutet auf starke ortskirchliche Interventionen in Rom hin. Die liberalen Deutschschweizer Bistümer Basel und Sankt Gallen, wo Rom bei der Bischofsbestellung kaum ein Mitspracherecht hat, weisen derweil wenig glaubwürdig von sich, bei der Kandidatenauswahl Einfluss genommen zu haben. Wie auch immer: Spätestens jetzt wird Chur zur Chefsache werden müssen. Die Frage ist: Setzt der Papst einen der Kandidaten durch oder geht er auf das Churer Kapitel zu?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.