Würzburg

„Die Eigenliebe überwinden“

Wie der griechische Mönch Maximus der Bekenner (580–662) gegen die Verzweckung des Glaubens kämpfte.

Maximus Confessor
Über das Geheimnis Gottes staunte Maximus der Bekenner sein ganzes Leben. Foto: IN

Maximus, war früher in Deiner Zeit alles besser?

Sollen wir es auf eine Wette ankommen lassen? Ich frage mich nämlich, ob ihr wirklich mit der Zeitmaschine 1 300 Jahre zurückversetzt werden möchtet? Natürlich, aus Eurem großen Abstand sieht alles in meiner Zeit nach 600 heilig aus: eine ehrwürdige, geheimnisvolle byzantinische Liturgie, erhabene Gesänge, Mönche mit langen Bärten und gesenktem Haupt, die ohne Unterlass das Herzensgebet murmeln und die in einer tief christlichen Welt leben. Oh je, von Nahem sah das alles doch ganz anders aus: mehrmals Flucht und Vertreibung, Brutalität und Gewalt, Instrumentalisierung des Glaubens als Mittel der Politik.

Wie sah das konkret aus?

Mehrere Male wurden wir nämlich aus unseren Klöstern vertrieben. Mehr als einmal nahten wilde Reiterhorden, das gezückte Schwert in der Hand: die Perser, arabische Räuberbanden und am Ende die erste Generation der Krieger Mohammeds. Wir wurden aus Palästina, aus Jerusalem, später auch aus Alexandria vertrieben. Selbst im bedeutenden Kloster Chrysopolis vor den Toren der heiligen Stadt Konstantinopel waren wir nicht sicher. Über Kreta floh ich bis nach Nordafrika. Doch dahin drangen Räuberbanden ganz anderer Art: solche, die den Glauben selbst ausplünderten und die dazu vom byzantinischen Kaiser selbst angestiftet waren.

Was trieb ihn an?

Der Kaiser wollte den Irrglauben der Monophysiten reichseinheitlich durchsetzen, die nur eine göttliche Natur Jesu anerkannten. Mit dem Geschick von Politikern tarnte man diese Irrlehre als Monenergismus und Monotheletismus, also dass Christus nur eine einzige göttliche Wirkweise und einen Willen besaß. Um mich herum sammelte sich jedoch der geistig-theologische Widerstand, und so kam ich nach Rom, um dem heiligen Papst Martin I. zur Seite zu stehen und die Texte einer mutigen Synode im Lateran 649 vorzubereiten. Prompt traf uns beide daraufhin der Bannstrahl des Kaisers.

Was geschah dann?

Er schickte seine Soldaten aus, ließ uns verhaften und verschleppen, den Prozess machen und in die Verbannung gehen. Weil ich nicht einlenkte, machte er mir einen zweiten Prozess, ließ mir Hand und Zunge abschlagen und verschleppte mich weit hinter das Schwarze Meer nach Georgien. Dort fand ich 662 im Alter von 82 Jahren endlich in der Ewigkeit Heimat und Ruhe. Also sagt, wer von Euch möchte mit mir tauschen? Aber eines kann ich euch mitgeben: Behaltet bei allem Schweren ein reines Herz und vertraut stets auf die Vorsehung Gottes!

Aber trotz allem, es war doch eine tief gläubige Zeit?

Ach, jede Zeit und jeder Mensch muss sich erst einmal bekehren, sonst bleibt der Glaube ein bloßes Lippenbekenntnis. Und die Gefahr meiner Zeit war eben, dass die Leute den Glauben für ihre Zwecke gebrauchten, um die Reichseinheit zu bewahren oder einfach die eigene Macht zu festigen. Die Sünde meiner Zeit war es darum, im Glauben alles nicht mehr so genau nehmen zu wollen. An einem Punkt kam dem Kaiser etwa die glorreiche Idee, einfach ein allgemeines Schweigen über die Person Christi zu verhängen.

War das nicht tief christlich: kein Streit um Worte, kein Bescheidwissenwollen vor dem Geheimnis?

Oh, für das Geheimnis Gottes hatte wohl niemand einen so tiefen Sinn wie ich. Darum brauchte mich niemand zu erinnern. Immer wieder staunte ich über die Unbegreiflichkeit Gottes, die so überhaupt nicht mit menschlichen Begriffen zu fassen ist. Aber Geheimnis Gottes heißt nicht Beliebigkeit des Bekenntnisses! Denn im Glauben ist nicht alles einerlei, ganz im Gegenteil. Darum habe ich in vielen meiner Werke einfach nur klargestellt, wie eine Bibelstelle oder eine missbrauchte Stelle von Dionysius vom Areopag oder Gregor von Nazianz wirklich zu verstehen ist.

Möchtest Du weiter berichten?

Das wurde denn auch meine liebste Literaturgattung: Fragen und Antworten zu Unklarheiten, „Ambigua“ über unklare Stellen oder auch knappe, ganz verdichtete, katechismusartige Kernsätze, in „Centurien“ zu je hundert Sätzen zusammengefasst: So und nicht anders. Bis hierher und nicht weiter. Das ist gut und das ist böse. Denn ich wusste: Wenn die Worte des Glaubens nebulös bleiben, gewinnt mein Glaube nie die Kraft, das gewaltige Böse ringsum und in mir zu besiegen und heilig zu werden.

Zurück zur Unbegreiflichkeit Gottes. Ist es Zufall, dass Du Deine beiden vollendetsten Werke, die zwei Centurien über die Gotteserkenntnis und die vier Centurien über die Liebe, genau zu der Zeit geschrieben hast, als Mohammed die Einzigkeit und Erhabenheit des einen Gottes verkündete?

Zufall vielleicht, aber wir sind ja nur Werkzeuge in der Hand Gottes, und so habe ich unbewusst mit meinem Centurien wohl eine erste christliche Antwort auf den Islam gegeben. Zunächst die Anerkennung: Einzigkeit und Transzendenz Gottes, ja, das ist auch zutiefst christlich. „Einer ist Gott“, mit diesem Bekenntnis fängt jede der beiden Centurien über die Gotteserkenntnis an. Doch dann folgt das Besondere des Christentums: Die drei göttlichen Personen, die Menschwerdung des Wortes, die gesamte Geschichte des Heiles in Jesus Christus bis hin zur Vollendung sind ein einziger Lobpreis des einen Gottes. Er umspült uns geradezu mit seiner Einheit. Alles fließt aus ihm und strömt zu ihm zurück. Darum ist Einheit des dreifaltigen Gottes für uns Christen nichts Fernes, dem wir uns nur unterwerfen können, sondern es ist zugleich ein Wunder an Liebe und Nähe, das uns umgibt, reinigt, heiligt und bis in die höchsten Höhen erhebt.

Wie kommen wir zu Gott? Wie müssen wir leben?

Meine Zeit war unruhig, die Zukunft völlig ungewiss und die Versuchungen waren groß. Umso dankbarer war ich über die Lehre der Kirche, wie sie uns durch die großen Theologen und Mönchsväter überliefert wurde. Bei allen habe ich das wahre und Hilfreiche herausgefiltert, auch bei umstrittenen Gestalten wie Origenes, Evagrius und Dionysius. Am Ende wurde alles aber ganz einfach und klar. Den Weg zu Gott habe ich in meinen „Vier Centurien über die Liebe“ beschrieben. Wir Menschen fangen immer fern von Gott und in der Sünde an. Das ist die „Philautie“, die Eigenliebe oder besser die Verschließung meiner Liebeskraft in mir selbst. Dann lasse ich mich von meinen Sinnen und Leidenschaften beherrschen, nenne Zornesausbrüche, Liebesverwirrungen oder Ärger Spontaneität und will in Wirklichkeit aber nur selbst sein wie Gott. Diese Eigenliebe muss ich überwinden. Dabei hilft mir das tägliche Gebet, allein und in Gemeinschaft, Nachtwachen, Fasten und Verzicht, besonders aber die Bewährung am Nächsten, an seinen Launen und Wünschen, am meisten die Feindesliebe. Frage dich jeden Tag: Wie kann ich heute in der Liebe zu Gott und zum Nächsten wachsen? Dann wirst du nach und nach ein guter und schließlich ein heiliger Mensch, bis du ganz eins wirst mit Gott.

 

Lesetipps:

Maximus Confessor: Capita theologica et oeconomica – Zwei Centurien über die Gotteserkenntnis: Griechisch-Deutsch, bearbeitet von Andreas Wollbold, Fontes Christiani, 2016, ISBN: 978-3451309649, EUR 38,–

Maximus Confessor: Capita de caritate – Vier Centurien über die Liebe: Griechisch-Deutsch, Fontes Christiani, übersetzt von Andreas Wollbold, erscheint im Juli 2020,
ISBN: 978-3451329258, EUR 45,–

Hans Urs von Balthasar: Kosmische Liturgie – Das Weltbild Maximus des Bekenners. Johannes-Verlag, 1988, ISBN: 978–3 894110611, EUR 29,50

Benedikt XVI.: Mittwochskatechese vom 28. Juni 2008

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