Pro: Soll St. Hedwig umgebaut werden?

Gemeinschaft soll offen sein. Von Wolfgang Klose

Gottesdienst
Bodenöffnung und Altarinsel als architektonischer Blickfang: ein Blick ins Kirchenschiff von St. Hedwig während einer Eucharistiefeier. Foto: KNA
Gottesdienst
Bodenöffnung und Altarinsel als architektonischer Blickfang: ein Blick ins Kirchenschiff von St. Hedwig während einer Eu... Foto: KNA

„Jesus Christus ist unsere Mitte – Ihn feiern wir in unserer Mitte.“ Seit Kinderzeiten erlebe ich so den Gottesdienst in meiner Heimatkirche St. Dominicus in der Berliner Gropiusstadt. So selbstverständlich wie Walter Gropius Kirchen mitten in der Berliner Großwohnsiedlung vorsah, haben sich bereits vor 40 Jahren die Gemeinde und die Gremien dafür entschieden, den Altar in die Mitte ihrer neuen Kirche zu stellen. Der Altar steht für Christus inmitten der feiernden Gemeinde, die sich im Rund versammelt. Es war eine mutige Entscheidung für die konsequente Umsetzung des Communio-Gedankens in der Liturgie. Ich bewege mich in diesem Raum bewusst in unterschiedlichen Rollen, als Gottesdienstbesucher, als Lektor, als Beter und Ruhesuchender und natürlich jahrelang als Ministrant. Aus dieser gelebten, gefeierten und gebeteten Erfahrung heraus freue ich mich auf die Umgestaltung der St. Hedwigs-Kathedrale, denn der Rundbau legt die Entscheidung für den Altar in der Mitte der Gemeinde förmlich nahe. Geht es doch bei unserer Kathedrale um mehr als „Steine“, es geht auch um die Frage, für wen wir Kirche sein wollen, wie wir Zukunft gestalten wollen; wie werden meine Kinder und Enkel diese Kirche annehmen? Die St. Hedwigs-Kathedrale ist mehr als „nur“ ein Gottesdienstort für uns Katholikinnen und Katholiken im Erzbistum Berlin. Sie ist die erste Adresse der katholischen Kirche in der Bundeshauptstadt. Darüber hinaus ist sie wichtiger Anlaufpunkt in der Stadt: gesellschaftlich, politisch und kulturell. Die Kathedrale wird durch die Umgestaltung wieder mehr zu einem sichtbaren Zeichen katholischen Glaubens, zu einem Ort für Beter und Suchende, einem Ort für Inspirationen und Impulse. Ein Ort, der jedem in der Stadt offensteht, egal welcher religiösen Orientierung. Ein Ort für Passanten, Touristen und Gläubige. Ein Ort, der einlädt und der nach Betreten des Kirchenraumes inspiriert, vielleicht auch anstößt und anregt zum Nachdenken und Innehalten.

„Wie wollen wir in Zukunft im Erzbistum Berlin Kirche sein“ – diese Frage beschäftigte uns im November 2017 im Diözesanrat. Eine der Antworten lautet: „Unsere Gemeinschaft soll offen sein für Außenstehende, soll sich anfragen lassen, neugierig sein und Veränderungen möglich machen.“ Genau dies sehe ich in der kommenden Umgestaltung ganz konkret umgesetzt. Diese Chance gilt es zu nutzen.

In meiner Zeit als Vorsitzender hat sich der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin mehrheitlich für die Umgestaltung ausgesprochen. Wir haben uns lange und ausführlich mit allen Facetten des Umbaus beschäftigt, abgewogen und kontrovers-kritisch diskutiert. Neben allen gestalterischen und inhaltlichen Fragen haben wir natürlich auch intensiv die Kostenfrage betrachtet. Die Zustimmung zum Umbau beinhaltet auch ganz klare Verbindlichkeiten zur Finanzierung. Wir erwarten ein klares und stimmiges Finanzierungskonzept sowie eine verbindliche Zusage von Drittmittelgebern. Dieses Konzept muss dem Diözesanvermögensverwaltungsrat vorgelegt werden und die Umsetzung der Maßnahme darf erst nach deren Zustimmung beginnen. Unser Erzbischof weiß, wir werden ganz genau auf die Kosten und deren Einhaltung achten (wir haben aus leidvollen Erfahrungen im letzten Jahrzehnt gelernt!). Als Banker, als Mitglied im Diözesanrat und im ZdK weiß ich, dass es um viel Geld geht. Deshalb müssen nicht nur Baufachleute, sondern auch Finanzfachleute den Umbau verantwortlich führen. Das angekündigte Controlling erscheint mir sinnvoll und wir werden den Umbau auch unter diesem Aspekt kritisch-kontrovers begleiten. Ich gehe davon aus, dass die Gremien im Erzbistum, die in die Entscheidungsfindung zum Umbau eingebunden waren, auch weiterhin entsprechend eingebunden werden.

Ich bin davon überzeugt, dass die Umgestaltung in dieser Form der Gestalt und der Würde unserer Bischofskirche gerecht wird. So wie die vielen Umbauten vorher in ihre Zeit passten. Gehen wir mit dem gleichen Mut an die Veränderungen wie die vielen Vorgänger.

Der Verfasser ist Mitglied im Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin, Vize-Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken

 

Hintergrund

Der geplante Umbau der Berliner Hedwigskathedrale hat lebhafte Debatten ausgelöst. Das Erzbistum Berlin will das Gotteshaus ab September schließen. Es beziffert die Sanierungs- und Umbaukosten für die Kathedrale und das benachbarte Bernhard-Lichtenberg-Haus auf mehr als 60 Millionen Euro. 20 Millionen Euro bringt das Erzbistum selbst auf. Weitere 20 Millionen Euro sind von allen 27 deutschen Diözesen zugesagt. Zwölf Millionen Euro stellen der Bund und acht Millionen Euro das Land Berlin bereit.

Umstritten ist vor allem das Vorhaben, die zentrale Bodenöffnung mit Freitreppe zur Unterkirche zu schließen. Der Architekt Hans Schwippert (1899–1973) hatte diese Raumfassung beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Bischofskirche vor mehr als 50 Jahren angelegt. Nach dem erstplatzierten Wettbewerbsentwurf des Architektenbüros Sichau & Walter (Fulda) und des Künstlers Leo Zogmayer (Wien) soll stattdessen der Altar ins Zentrum des Rundbaus rücken. Dies ist nach Auffassung der meisten Gremien des Erzbistums notwendig, um nach den gegenwärtigen kirchlichen Vorgaben Gottesdienst zu feiern.

Kritisch bewertet die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Umbaupläne. Gegenüber der „Tagespost“ weist Steffen Skudelny vom Vorstand der Stiftung auf die „kulturelle Höchstleistung“ des Wiederaufbaus von St. Hedwig in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit hin. Wörtlich fragt Skudelny: „Darf ein Gesamtkunstwerk, um dessen Einzelelemente sich jedes Museum bemühen würde, aus modernistischen Gründen zerschlagen werden? Ist ein geänderte Nutzungsvorstellung Grund genug, den Schutzstatus eines Denkmals auszuhebeln? Darf die Zerstörung eines Denkmals mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert werden, während diese an anderer Stelle schmerzhaft fehlen?“