Klares Denken, klare Sprache

Ein trüber Spiegel wartet darauf, poliert zu werden: Eine Würdigung des Schreibens von Papst Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise. Von Pater Wolfgang Buchmüller OCIST

Vatikan - Kampf gegen Missbrauch
Gewitter können die Atmosphäre reinigen. Daher ist die Missbrauchskrise auch eine Chance für den Vatikan. Foto: dpa
Vatikan - Kampf gegen Missbrauch
Gewitter können die Atmosphäre reinigen. Daher ist die Missbrauchskrise auch eine Chance für den Vatikan. Foto: dpa

Ein Spiegel dient dazu, sich selbst zu bespiegeln und gibt dabei Anlass, sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Daher ist der Spiegel seit der Antike eine Metapher für eine Selbsterkenntnis, ja noch mehr der Klugheit, die danach fragt: Wer bin ich wirklich? Das Spiegelbild desillusioniert, es konfrontiert mich mit der bitteren, ungeschminkten Wahrheit, aber es lädt mich auch dazu ein, über das Geheimnis der Person nachzudenken, die ich selber bin.

Braucht nicht auch die Gesellschaft einen solchen Spiegel der Wahrheit, schon ganz einfach aus Gründen der „Seelenhygiene“? Und wenn die Gesellschaft nicht nur ein soziologisches Gefüge ist, sondern auch eine Seele besitzt, wäre nicht gerade die Kirche dazu prädestiniert, ihr diesen Spiegel der Selbsterkenntnis vorzuhalten? Aber die Gesellschaft hat inzwischen gelernt, sich davor zu schützen, indem sie der Kirche den Spiegel entwendet und ihn gegen sie selbst wendet. Es ist nicht verwunderlich, dass sie bei einer solchen „Alten Dame“ einige hässliche Falten und Züge findet, die die Welt selbst im Vergleich viel schöner aussehen lässt. Sollte es der Kirche doch noch einmal gelingen, den Spiegel in die Hand zu bekommen, dann wird sie feststellen, dass er als Instrument untauglich geworden ist, denn sie selbst hat ihn schuldhaft verschmutzen lassen. Zudem ist das Klima in der Kirche so vernebelt, dass sich mitunter in einem beschlagenen Spiegel nichts erkennen lässt.

Dass Papst Benedikt XVI. mit seinem Schreiben zum Skandal des sexuellen Missbrauchs ins Schwarze getroffen hat, sieht man an den heftigen polemischen Reaktionen, die dem emeritierten Papst vorwerfen, die Wirklichkeit nur „verzerrt“ wahrzunehmen und von ganz und gar „falschen Annahmen“ auszugehen, um in zynischer Manier über die nicht zu leugnenden ethischen Fortschritte der Gesellschaft zu urteilen und in einen „rigiden Moralismus“ zurückzufallen.

Dabei hat der emeritierte Papst allein durch sein Alter einen breiteren Lebenshorizont als seine Kritiker, die ihn die gesellschaftlichen Veränderungen viel besser aus eigener Erfahrung beurteilen lassen. Dann ist er als jemand, der sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, bei Weitem nicht so sehr von einem gesellschaftlichen Mainstream abhängig, einer political correctness, die immer zuerst darauf sehen muss, wie man sich konsens- und anschlussfähig verkaufen kann. Und schließlich – und das ist das einzigartig Wertvolle an diesem mit dem Segen von Papst Franziskus veröffentlichtem Schreiben –: Benedikt XVI. ist mit einem klaren analytischen Verstand begabt, der es ihm erlaubt, verschiedene theologische Methoden gegeneinander abzuwägen, miteinander ins Gespräch zu bringen und anhand ihrer Ergebnisse zu werten.

Sicherlich haben die Kritiker Benedikts XVI. recht, wenn sie darauf hinweisen, dass das Thema Missbrauch nicht erst mit der sexuellen Revolution von 1968 auf den Plan getreten ist. Hierfür könnte man auf den alten griechischen Mythos von Zeus und seinem sexuellen Abenteuer mit seinem jugendlichen Mundschenk Ganymed verweisen, eine ins Religiöse transponierte Rechtfertigung moralischen Fehlverhaltens. Allerdings sind die Zahlen sexueller Skandale innerhalb des gottgeweihten Klerus seit der Sexrevolte exponenziell angestiegen – und dies hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass die Kirche zwar nicht von der Welt ist, aber dennoch in der Welt als Kirche der „Sünder“ interagiert. Treffend weist der emeritierte Papst auf die schockierenden staatlichen Aufklärungsprogramme in den Schulen hin, die alle Normen beiseitegewischt haben. Wenn Papst Benedikt einen seelischen Zusammenbruch bei vielen jungen Menschen dieser Zeit diagnostiziert, dann steht dies für einen Paradigmenwechsel der westlichen Leitkultur – weg von den Werten Liebe, Verantwortung und Hingabe, hin zu einer von der Ideologisierung der Psychologie Sigmund Freuds getragenen Überzeugung, dass vor allem sexuelle Freiheit nötig sei, damit der Mensch sich selbstbestimmt neu definieren und so eigenständig austesten kann, was ihm guttut.

Das Aufbegehren gegen alle sexuellen Verdrängungsmechanismen und die Aufwertung der Sexualität als integrativer Teil der Persönlichkeit führten sehr schnell zu der allzu menschlichen Versuchung, tabuisierte Grenzen auszutesten und zu überschreiten.

Verhalten, aber dennoch problematisch fiel die Antwort der Moraltheologie dieser Zeit aus. Sicherlich hätte kein Professor sexuellen Missbrauch befürwortet, aber die Suche nach neuen Antworten und die Distanzierung von der alten Schwarz-Weiß-Pauschalisierung ließ die Grenzen zwischen Gut und Böse etwas „fluktuierender“ erscheinen. Ich erinnere mich an die damaligen Debatten der Universität München: Gemäß einer Ethik der Güterabwägung sollte der Mensch vor seinem Gewissen durch den verantwortungsvollen Einsatz der ihm gegebenen Vernunft „autonom“ zu einer sittlichen Entscheidung gelangen. Die Situationsethik ließ nun das Bemühen um eine verantwortete Lebensentscheidung in einem anderen Licht erscheinen: Aus einem kleineren Übel, einem „minus malum“, konnte unter Umständen ein „minor bonum“ werden: Zwei Menschen, die sich treu sind und auch ohne sakramentales Versprechen in einer festen Beziehung leben, seien daher zu respektieren.

Wenn es aber keine naturrechtlichen Gebote gab und damit auch keine „in sich schlechten“ Handlungen, dann musste alles „relativ“ werden: Um einen Menschen aus seinem Lebenstief und seiner Depression zu retten, wäre eventuell auch ein unkonventionelles Verhalten wie „Ehebruch“ persönlich und individuell verantwortbar gewesen. Schließlich ging es um ein „Gut“ und das war das Wohl des Menschen selbst.

Durch die Vertreter einer alternativen Moral und insbesondere durch die Protagonisten der sexuellen Revolution nahm die Debatte noch eine ganz andere Richtung: Bisherige Tabus waren bürgerlicher Ballast und daher nicht mehr gültig und selbst sexuelle Handlungen mit Minderjährigen keineswegs von vorneherein ausgeschlossen. Vielmehr versuchten Vordenker wie Daniel Cohn-Bendit diese als emphatisches Eingehen auf sexuelle Wünsche von (Klein-)Kindern darzustellen, etwa in seinen Interviews in dem Sammelband „Der große Bazar“ von 1975.

Solche Haltungen hat die Moraltheologie – egal welcher Couleur – nie vertreten, aber sie haben das gesellschaftliche Milieu mitgeprägt. Haben sie auch einen subversiven Einfluss auf die Missbrauchskrise ausgeübt? Wir können dies nicht ausschließen. Aber das Unbehagen bei diesen Themen belegt, dass es sehr wohl „in sich schlechte Taten“ (intrinsece malum) gibt, die sich konträr zur Würde des Menschen verhalten.

Wie Thomas von Aquin überzeugt ist, muss man ein Koordinatensystem von absolut guten Werten und absolut schlechten Unwerten voraussetzen, wie man es auch immer nennen mag. Der Aquinate meint, dass der Inhalt des mit der menschlichen Natur mitgegebenen inneren Kompasses von Gut und Böse sich in etwa mit den von den Zehn Geboten geschützten Werten decke. Es ist auf jeden Fall Papst Johannes Paul II. mit „Veritatis splendor“ und Papst Benedikt XVI. mit diesem Schreiben zur Missbrauchskrise sehr zu danken, dass sie uns in Erinnerung rufen, dass wir „ein klares Denken mit einer klaren Sprache bedürfen“. Es ist nicht alles beliebig und von der jeweiligen Situation abhängig: Jemanden aus „Spaß“ zu foltern und zu quälen ist dämonisch und in sich böse.

Niemand, am wenigsten Papst Benedikt XVI., wird eine Rückkehr zu dem Korsett der Schwarz-Weiß-Malerei der Kasuistik von früher für wünschenswert halten – dafür ist das Leben einfach viel zu „bunt“. Um aber aufgrund unserer Freiheit und unserer Würde eine vor Gott und dem Gewissen verantwortete Entscheidung zu treffen, braucht es den klaren und transparenten Spiegel der christlichen Wahrheit. Wenn sich dazu noch ein Sonnenstrahl des göttlichen Lichtes mit diesem Reflexionsspiegel einfangen lässt, wird die lichte und lautere Klarheit des Heiligen Geistes den Christen auf „dem“ Weg der wahren Weisheit leiten.

Der Autor ist Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz