Botschaft des Friedens und der Toleranz

Die Gemeinschaft Sant'Egidio versammelt in Sarajevo Repräsentanten vieler Religionen und Staaten

Sarajevo (DT/sb) „Heute soll von Sarajevo eine Friedensbotschaft ausgehen“, heißt es in der von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unterzeichneten Grußbotschaft des Papstes an die Teilnehmer des Weltfriedenstreffens der Gemeinschaft Sant'Egidio, die am Sonntagabend verlesen wurde. Prominente politische und religiöse Repräsentanten – unter ihnen die Präsidenten Kroatiens und Montenegros sowie die Regierungschefs von Italien und der Elfenbeinküste – beschworen bei der Eröffnung des dreitägigen Treffens den „Geist von Assisi“, den Geist des Zusammenlebens, des Friedens und der Toleranz. Der Präsident von Bosnien-Herzegowina und Sohn des Staatsgründers, Bakir Izetbegovic, erinnerte daran, dass Sarajevo auf eine lange Geschichte des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Völker und Religionen zurückblicke. Die Spaltungen zu überwinden sei eine große Verantwortung gegenüber der gesamten Welt.

EU-Ratspräsident Herman van Rompuy nahm in seiner Rede Bezug auf die Leiden des jüngsten Krieges, der in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995 währte: „Die Geschichte hat uns schmerzliche Lektionen erteilt.“ Europas Vision und Mission sei, den Krieg für immer und mit der Wurzel auszureißen. Ohne die Europäische Union gebe es keinen dauerhaften Frieden in dieser Region, deren Zukunft in der EU liege. Van Rompuy meinte aber auch, es gebe jenseits von Synkretismus und Relativismus eine „transzendente Einheit“ zwischen den genuinen religiösen Traditionen, „die unterschiedlich sind in Aspekten, aber geeint in der Tiefe ihrer metaphysischen Essenz“. Jede Religion oder humanistische Philosophie durchlaufe eine ähnliche spirituelle Erfahrung, ausgedrückt jedoch in unterschiedlichen Sprachen und Traditionen. „Das ist der Grund, weshalb wir zwar nicht zusammen beten, aber der eine ist beim Gebet des anderen dabei.“

Auf die spirituellen Wurzeln Europas und insbesondere des Balkan nahm der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej in seiner Eröffnungsansprache in Sarajevo Bezug: „Die Wurzeln Europas sind mehrheitlich christlich, mit einem bedeutenden Beitrag des Judentums und des Islam. Europas geistliches und kulturelles Erbe ruht darum auf der Erfahrung des Glaubens an den einen Gott und auf der Einladung, den anderen im Namen des Glaubens als Nachbar anzunehmen.“ Die gegenwärtige Krise sei mehr eine spirituelle Krise denn eine finanzielle oder wirtschaftliche. Seine Anwesenheit in Sarajevo deutete der Patriarch als Verpflichtung des serbischen Volkes zum Frieden.

„Sarajevo darf nicht ohne Christen sein. So können wir bewahren, was wir geerbt haben“

Am Samstag hatte das Oberhaupt der serbischen Orthodoxie in der Kathedrale von Sarajevo an einer katholischen Messe unter dem Vorsitz von Kardinal Vinko Puljic teilgenommen. In seiner Ansprache am Ende der Liturgie sagte der Patriarch: „Es ist viel Zeit vergangen seit der Spaltung der Christen, aber ein gespaltenes Haus ist zur Zerstörung verurteilt. Das ermahnt uns, einander näher zu sein.“ Er appelliere an „alle, die die Freiheit haben, das Werk Gottes fortzusetzen, an die Vertreter der verschiedenen Kirchen und Religionen und alle Verantwortlichen: Sarajevo darf nicht ohne Christen sein. So können wir bewahren, was wir geerbt haben, und es den kommenden Generationen hinterlassen.“

Von Sarajevo aus wolle man der ganzen Welt zeigen, dass das Zusammenleben nicht nur möglich ist, sondern „die einzige Zukunft, die wir für die Menschheit erhoffen können, und auf die wir uns selbst verpflichten wollen“, sagte der Erzbischof von Sarajevo, Kardinal Vinko Puljic, am Sonntagabend. Der „Geist von Assisi, den die Gemeinschaft von Sant'Egidio während der vergangenen 25 Jahre gefördert hat und der vielfach von Papst Benedikt bestätigt worden ist, atmet in Sarajevo als Wunsch nach Frieden für die ganze Welt“, so Puljic, der dazu einlud, die dazu notwendigen Prinzipien zu entdecken und im täglichen Leben zu verwirklichen.

Der Großmufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, erinnerte an die Opfer des jüngsten Krieges in Bosnien, deren Gedächtnis heute zu Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung verpflichte. Das Weltfriedenstreffen von Sarajevo sei „eine klare Botschaft an die ganze Welt, dass der Friede unsere Wahl ist, nicht der Krieg, dass wir Sicherheit wollen, nicht Terrorismus, dass wir ein Recht auf Freiheit und Würde haben“. In einem Gebet nahm der Großmufti Bezug auf Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed. Ceric überreichte Vertretern der jüdischen Gemeinde die sogenannte „Sarajevo-Haggada“ aus dem Jahr 1314, die von bosnischen Muslimen sowohl 1941 vor den Nazis als auch im jüngsten Krieg vor der Zerstörung gerettet wurde. Ceric sagte bei dieser vom Publikum mit Beifall bedachten Übergabe: „Wie wir diese Haggada über 400 Jahre schützten, so bitten wir Europa, überall unseren heiligen Koran zu respektieren.“

Der Gründer von Sant'Egidio und heutige Integrationsminister Italiens, Andrea Riccardi, bezeichnete das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher nationaler und religiöser Herkunft als globale Herausforderung. In Sarajevo, wo im 20. Jahrhundert drei grausame Kriege tobten, gebe es zwischen den unterschiedlichen Gemeinschaften auch heute keine Übereinstimmung in der Interpretation des Leids und der Kriegsereignisse. „Wir müssen ehrlich sein: Die Erinnerungen sind verschieden“, so Riccardi. „Wir glauben, dass der Dialog entscheidend ist, um eine wahre Zivilisation in einer globalisierten Welt aufzubauen.“ Wer unter dem Krieg gelitten hat, verstehe den Wert des Dialogs, zeigte sich der Gründer von Sant'Egidio überzeugt.