Salzburg

Salzburg präsentiert sich als Brennglas des Weltgeistes

Wenn gerade keine Festspiele sind, tritt der spirituelle Ursprung der Bischofsstadt noch klarer hervor. Dabei schärft der Magische Realismus des Loretokindls das Auge ebenso wie der Blick auf zwei Kirchenväter der Kunstgeschichte: Joachim von Sandrart und Hans Sedlmayr.
Festung Hohensalzburg
Foto: dpa

Den Wanderer, der von Bayern kommt, grüßt in Salzburg zuerst die unprätentiöse Kompaktheit der Markuskirche, ein architektonischer Schatz aus dem Geiste des epochalen Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach. Die Salzburger rufen ihr Juwel am nordöstlichen Eingang der Innenstadt immer noch nach den Ursulinen, als deren Klosterkirche sie bis Ende der sechziger Jahre diente. Wer das kleine Gotteshaus betritt, staunt über die orthodoxe Ikonostase, welche den spätbarocken Kirchenraum durchzieht. Seit über 20 Jahren steht St. Markus der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde zur Verfügung. Gibt es ein schönes Symbol der Verbindung von römischer und orthodoxer Gläubigkeit?

Bereits hier zeigt sich, wie die fürsterzbischöfliche Stadt schon immer ein Ort der Begegnung war, wenn auch die eingeborenen Salzburger wenig Gebrauch machen von der privilegierten Kunsterziehung, die ihnen zuteil wurde. Weder die Fürsterzbischöfe selbst, noch ihre Architekten, Künstler und Komponisten waren Salzburger. Auch Wolfgang Amadé Mozart und Georg Trakl wurden zugereisten Eltern geboren, wobei der Augsburger Leopold Mozart dem Ruhm des fürsterzbischöflichen Hofes folgte, der Protestant Tobias Trakl aus der Diaspora nahe der ungarischen Grenze als Unternehmer vom neuen Bahnknotenpunkt zwischen Österreich und Bayern profitieren wollte. Allein den Musikanten sollten die in jeder Generation ein neues Ramschgeschäft aufgipfelnden Salzburger ausbeuten. Der Dichter wurde mit Schokoladenkugeln und Plastikenten verschont, darum blieb sein Name den meisten Eingeborenen unbekannt.

„Heute befindet sich Salzburg in freiem Fall
und könnte nur durch energisches Eingreifen von außen
wenigstens teilweise gerettet werden“

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Versichert man einem Indigenen, Georg Trakl sei in der Dichtung, was Mozart in der Musik ist, kann der es gar nicht fassen, da der Dichter im Gegensatz zu dem Musikanten keine Devisen generiert. In der Tiefenschärfe seines magischen Wortes hat Trakl den, wie er sagt, „Geist des Bösen“, welcher seine Vaterstadt zerstören sollte, schon vor über 100 Jahren immer wieder vorausgesehen: „…so bläulich erstrahlt es / Gegen die Stadt hin / Wo kalt und böse / Ein verwesend Geschlecht wohnt, / Der weißen Enkel / Dunkle Zukunft bereitet.“ Wer sehen will, was Salzburger bauen, wenn sie unter sich sind, betrachte nur die Alpenstraße und andere Formen zweifelhafter Ästhetik. Die innere Öde der lokalen Politiker und Bauherrn wird dort nach außen gekehrt, könnte, man zynisch behaupten.

Nachdem man bis Mitte des 20. Jahrhunderts Salzburg zu einer „Stadt ohne Landschaft“ (so der verzweifelte Salzburg-Retter Hans Sedlmayr) degradiert und die einzigartige Umgebung der Schlösser und Parks brutal zerstört und in großen Teilen zum spießigsten Gewerbe- und Wohngebiete herabgewürdigt hat, vernichtet der Ungeist nun peu a peu die Altstadt selbst. Jedes Mal, wenn man Salzburg besucht, ist wieder etwas Altes, Schönes, Wertvolles der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Schon wer am Bahnhof ankommt, findet das vornehme Neorokoko-Gebäude von einer amorphen Halle überwölbt, die Umgebung zur Marsarchitektur entfremdet. Die Gier frisst ihre Kinder und erweist sich, wie so oft, auch noch als schlechtes Geschäft. Zu spät bemerken die Gewissenlosen, wie sie an dem Ast sägen, auf welchem sie sitzen. Heute befindet sich Salzburg in freiem Fall und könnte nur durch energisches Eingreifen von außen wenigstens teilweise gerettet werden, etwa indem man das ehemalige Fürsterzbistum wieder dem Vatikan unterstellt.

Ein Blick vom Kapuzinerberg auf die einzigartige Stadt

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In der jahrtausendealten Geschichte der fürsterzbischöflichen Stadt mit ihrer magischen Stadtlandschaft markieren das achte und das 18. Jahrhundert entscheidende Wendepunkte. Die karolingischen Jahre schenkten der ehemaligen Keltensiedlung jene legendären Klöster der Kapuziner wie der Benediktinerinnen und vor allem – als ältestes bestehendes Kloster im deutschen Sprachraum – die Erzabtei St. Peter. Sie bestimmen das Bild der Stadt ebenso wie die Patres und ehrwürdigen Schwestern Rückgrat und Struktur des geistigen Salzburgs verkörpern.

Wie freut man sich, wenn man beim Wandern auf dem Kapuzinerberg einem der fröhlichen Brüder begegnet oder, an ihrer Klosterkirche vorbeigehend, die Gesänge vernimmt und dabei den Blick auf eine Stadt genießt, wie es sie auf der Welt nicht noch einmal gibt. Die reizende Gestalt des gedrungenen roten Kirchturms indes, welchen die Benediktinerinnen auf der anderen Seite der Salzach im achtzehnten Jahrhundert zum tausendjährigen Bestehen ihres Klosters erhielten, leuchtet bis heute als Ausdruck des geistlichen Lichtes über die ganze Stadt. Seine größte städtebauliche Vollendung freilich fand Salzburg, wie Hans Sedlmayr beschrieb, in den Jahren Mozarts, als die Barockisierung ihre kunstvollsten Ausläufer erreichte.

Harsche Kritik an Stadtvätern und -müttern

Für die Stadtväter und –mütter ist „Kultur“ Dorfdisko, und darum wollen sie ganz Salzburg in eine solche verwandeln. Der fortschreitenden architektonischen Zerstörung der Stadt steht allerdings eine unzerstörbare spirituelle Substanz gegenüber. Niemand verkörpert diesen Widerstand anschaulicher als das geschnitzte elfenbeinerne etwa zehn Zentimeter große Loretokindl in der gleichnamigen Klosterkirche, einer Gründung des siebzehnten Jahrhunderts. Die Hilfs- und Heilsgeschichten, die sich um das mit Krone, Szepter und Kreuz aus dem Schmuck adeliger Spender geschmückte Kindl ranken, sind Legion und reichen bis in den wundersamen Nachhilfeunterricht für mühselige Salzburger Schüler. Die Wirkung seines Schutzes ist durch Jahrhunderte immer wieder bezeugt worden. Wird das Kindl seine Heimat auf Dauer vor dem Stadtfrevel schützen können?

Wenn wir die auffälligsten Kostbarkeiten des zwei Jahre nach St. Peter in Rom vollendeten Salzburger Doms außer acht lassen und uns stattdessen dem Altar der heiligen Anna Selbdritt zuwenden, finden wir eine kraftvolle Darstellung der gegenseitigen Abhängigkeit von himmlischem und irdischem Leben. Laut Information des Direktors des Dommuseums, Reinhard Gratz, zeigt das Altarbild in der Mitte die heilige Anna Selbdritt: Anna (Mutter Marias) mit dem Jesuskind und Maria. Links die heilige Ursula mit dem Pfeil, rechts die heilige Erentrudis. Nicht alle weiblichen Heiligen können einwandfrei identifiziert werden. Wir begegnen in diesem Bild zugleich der wechselseitigen Durchdringung von Religion und Wissenschaft: Maler des Andachtsbildes ist nämlich niemand anderes als Joachim von Sandrart d. Ä., welcher nicht allein ein Meister des Pinsels sondern auch der Schreibfeder war und mit seinen Künstlerviten zu den Begründern der modernen Kunstgeschichtsschreibung zählt.

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