Würzburg

Sind Fitness-Studios halal?

Von Weltuntergang, Kindererziehung und Körperpflege: Radikal-islamische YouTube-Kanäle bieten ein breites Spektrum an Themen. Typisch für ihre Botschaften ist eine „Theologie der Angst“.

Radikaler Islam auf YouTube
Auf dem YouTube-Kanal "Machts Klick?" finden sich vor allem Erklärvideos, die zum Teil ganz alltägliche Fragen aus einer bisweilen radikal-islamischen Perspektive beantworten. Der Grundton der Videos ist dabei meist mahnend und löst nicht selten Schuldgefühle aus. Foto: YouTube/Machts Klick?

Stell dir vor, du begehst gerade eine Sünde. Du bist auf einer Party und öffnest eine Alkoholflasche. Du fühlst dich glücklich, du lachst und glaubst, dass du in Sicherheit bist, voller Gelächter und ohne Scham. Stell dir diesen Moment vor, dieser Moment, in dem du Allah (swt) gegenüber ungehorsam bist. Und plötzlich, während du diese abscheuliche Tat begehst, genau in diesem Augenblick, ertönt ein gewaltiger Ton, ein Ton, der schlimmer ist als alles, was du vorher gehört hast. Alles fängt an zu beben…“ Das ist der „Countdown zum Weltuntergang“, ein gut dreiminütiger Videoclip auf dem YouTube Kanal „Botschaft des Islam“. Mit leicht hallender Stimme, dramatischen Worten und hinterlegt mit epischen Bildern, zeichnet ein unsichtbarer Sprecher aus dem Off das düstere Bild des letzten Tages. Was zunächst nach Ironie – feiern, etwas trinken, lachen und glücklich sein scheint per se nicht sehr sündhaft – oder Science-Fiction klingt, wird hier als ernst gemeinte Mahnung in die virtuelle Welt geschickt. Die apokalyptische Botschaft mit dem Aufruf zur Rückkehr auf den „geraden Weg“, den Islam, wurde seit ihrer Veröffentlichung schon annähernd 54 000 mal geklickt.

Der radikale Islam ist auf YouTube sehr lebendig

„Botschaft des Islam“ selbst ist mit 171 000 Abonnenten der reichweitenstärkste Kanal aus der „Peripherie des religiös begründeten Extremismus“ im deutschsprachigen Raum. Unter dieser Bezeichnung hat das Forschungsprojekt „ABAT Online-Salafismus“ (Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung, modus/zad) 210 islamische YouTube-Kanäle zusammengefasst, die zwar nicht dschihadistisch ausgerichtet sind und Gewalt auch explizit ablehnen, „aber dennoch radikale oder extremistische Positionen“ vertreten. Nach „Botschaft des Islam“ folgt mit 124 000 Abonnenten „Machts Klick“, an dritter Stelle der Reichweitenstärke steht der Kanal „Lorans Yusuf“ (74 000 Abonnenten), gefolgt vom Kanal von Deutschlands wohl bekanntestem Salafisten-Prediger Pierre Vogel („PierreVogelDE“, 50 500 Abonnenten).

Auch wenn sie in der medialen Öffentlichkeit aktuell nicht sehr präsent ist: die radikal-islamische YouTube-Szene lebt. Fast täglich werden neue Videos hochgeladen und wer einmal in die eintaucht, findet leicht von einem zum anderen. Das liegt auch, wie die ABAT-Studie („Aktuelle Begriffe, Akteure und Trends salafistischer (Online-) Diskurse und Implikationen für die Praxis der Radikalisierungsprävention“) erklärt, am Empfehlungsalgorithmus von YouTube: „Die Kanäle der religiös begründeten Extremismusperipherie bilden eine Blase innerhalb der YouTube-Landschaft (…). Wenn ein Video aus der Blase angesehen wurde, werden vermehrt Videos aus dieser Blase vorgeschlagen.“

Sünde, Schuld und Strafe sind zentrale Elemente

Dabei ist die inhaltliche Ausrichtung und medienästhetische Gestaltung der Videos sehr unterschiedlich. Erklärvideos zur islamischen Theologie und praktischen Alltagsfragen, episch inszenierte Geschichtserzählungen, Ausschnitte aus salafistischen Straßenmissionen oder Mitschnitte von Predigten: das Spektrum der Kanäle ist breit und dabei durchaus auch sehr dynamisch in seiner Anpassung an das Publikum, wie ABAT feststellt. Die Studie hat jedoch auch einige gemeinsame Merkmale der Kanäle herausgearbeitet: Sie alle vertreten den sunnitischen Islam und lehnen schiitische oder sufische Glaubensrichtungen ab oder thematisieren sie nicht. Insgesamt wird großer Wert auf „eine sehr homogene Darstellung des Islams ohne Spannungen, Widersprüche oder offene Fragen, die nicht eindeutig beantwortet werden können“ gelegt. Die „Ummah“, die islamische Gemeinschaft, wird sehr betont, zudem sind die Kanäle stark missionarisch ausgerichtet. Meist wird mit einer „Theologie der Angst“ gearbeitet, „in der Verführung durch den Teufel, Sünde und Schuld, die Apokalypse sowie die Bestrafung in der Hölle zentrale Elemente sind“. Vorgetragen wird das Ganze immer von Männern, „sogar auch dann, wenn es um frauenspezifische Themen geht“.

„Hast du Probleme mit dem Gebet? Das könnte die Lösung sein“, „Wie sollte die Frisur eines Muslims sein?“, „Ist es erlaubt, in einem Fitness-Studio zu trainieren?“, „18 Tipps für islamische Kindererziehung“: Der Kanal „Machts Klick?“ beispielsweise bietet „einfache Antworten“ auf unterschiedlichste Fragen. Von Liebeskummer bis Körperkultur, von Schwiegereltern bis Charakterbildung: sämtliche Lebensthemen werden abgedeckt. In einfachen Worten, dabei aber stets ernst und eindringlich, mahnen die Videos zu einem streng an den religiösen Vorschriften ausgerichteten Leben, zeigen ein vereinfachend klares Bild von Gut und Böse und liefern Regeln bis ins Detail. Für viele Menschen scheint diese Eindeutigkeit haltgebend zu sein. „Du hast mir die Augen geöffnet“, „Vielen Dank lieber Bruder. Bitte mach weiter so“ – Kommentare dieser Art liest man häufig unter den Erklärvideos.

„Viele Prediger sind sehr authentisch
und stehen mit ihrer ganzen Person
hinter ihren Aussagen“
Dennis Walkenhorst

Der bisweilen stark moralisierende Grundton der Videos vermittelt dabei eigentlich alles andere als ein Gefühl von befreienden Erkenntnissen: „Ich hoffe, du gehörst nicht zu denen, die nicht beten. Denn das würde mich wirklich persönlich sehr traurig machen: zu wissen, dass du ein Muslim bist, zu wissen, dass du eine Muslima bist (…), aber jetzt nicht betest. Das würde mich äußerst traurig machen.“ Mit ernsten, fast vorwurfsvollen Augen schaut der Sprecher von „Machts Klick?“ in die Kamera und beginnt, seinen Zuschauern die Notwendigkeit des Gebetes zu erklären. Die Kommentare: voller Scham. „Ich schäme mich so heftig ich lerne sofort beten inshallah verzeiht allah euch alle.“

Das Projekt „ABAT Online-Salafismus“ zielt mit seiner Untersuchung der radikal-islamischen YouTube-Szene vor allem auf praxisrelevante Erkenntnisse für die Radikalisierungsprävention und kooperiert dazu mit der pädagogischen Präventions- und Deradikalisierungsstelle „Violence Prevention Network e. V.“. Denn vor allem für Jugendliche ist das Internet ein zentraler Begegnungsort mit radikalen Positionen. YouTube hat dabei eine besondere Funktion, da sich dort mittlerweile „bis zu 86% der Jugendlichen (…) über alltagsrelevante Themen informieren“.

Präventionsangebote erreichen die Nutzer kaum

Insgesamt lassen sich jedoch kaum Aussagen über die Abonnenten der Kanäle treffen, meint ABAT-Projektleiter Dennis Walkenhorst. Dennoch hat die Studie bereits erste Erkenntnisse für die Präventionspraxis geliefert. „Wir wissen durch das Projekt, was gut funktioniert und ankommt“, so Walkenhorst „Viele Prediger sind sehr authentisch und stehen mit ihrer ganzen Person hinter ihren Aussagen.“ Diese Authentizität sei auf Seiten präventiver Angebote nur schwer zu bieten, aber neben einer Orientierung an lebenspraktischen Fragen ein wesentlicher Aspekt, um Menschen zu erreichen. Grundsätzlich sei es zudem wichtig, den Fokus noch stärker auf die Ausbildung von Medienkompetenz und kritischem Hinterfragen zu richten. Wenn Extremismusprävention gelingen soll, braucht es jedoch vor allem die Unterstützung der Plattformen, in diesem Fall von YouTube. „Die Anbieter müssen proaktiv mitarbeiten“, meint Walkenhorst. Denn noch sind es zunächst die Algorithmen, die die Nutzer in der radikal-islamischen Blase halten und teilweise auch zu immer extremeren Angeboten führen, während moderate Alternativangebote nicht angezeigt werden. Die radikal-islamische YouTube-Szene bleibt also eine Herausforderung. Sowohl für die Technik, als auch für die Pädagogik.

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