Würzburg

Licht aus der Mitte

Wie ganzheitliches Philosophieren aus dem katholischen Blick gelingen kann: Zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg.

Hans Blumenberg, um 100. Geburtstag des Philosophen
Die Philosophie von Hans Blumenberg, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stark gewirkt hat, war vom Glauben geprägt. Foto: dpa

Der Philosoph Hans Blumenberg hatte ein großes Interesse an theologischen Fragen. Das zeigt sich in der Auswahl der Themen und ihrer Entfaltung im Dialog mit der biblischen Überlieferung und der Lehre der Kirchenväter. Von seinem Hauptwerk „Die Genesis der kopernikanischen Welt“ (1975) bis zu „Die Vollständigkeit der Sterne“ (1997) geht es Blumenberg um die Verortung des Menschen in einer Welt, die er, wie der Konvertit Ernst Jünger, als wunderbar im Ganzen erfährt. Dieses unergründliche Geheimnis findet Ausdruck in Blumenbergs Sprachphilosophie, seiner „Arbeit am Mythos“ (1979) und seiner „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (2007). Blumenbergs Blick auf die abendländische Philosophie und Theologie spannt den Rahmen von der Genesis („Die Lesbarkeit der Welt“ 1979) zur Eschatologie („Lebenszeit und Weltzeit“ 1986). Seine Christologie hat er in der Karsamstagsmeditation „Matthäuspassion“ (1988) als Abwehr der Gnosis entfaltet. Wer war Hans Blumenberg und wo lagen seine Wurzeln?

In der Lübecker Herz-Jesu-Kirche wurde Blumenberg auf die Namen Hans Joseph Konrad getauft (8. August 1920). Die Firmung (20. September 1933) erfolgte im Jahr der Machtergreifung, der Bücherverbrennung, des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und des Reichskonkordates. Blumenberg war in einer Gemeinde der Diaspora beheimatet, die sich vor völlig andere Herausforderungen gestellt sah als die Kirche der Gegenwart. Es ging um die Substanz des Glaubens.

Freundschaft unter den Vorzeichen des Krieges

„Habemus papam!“ Mit diesem Ruf, so berichtet Ulrich Thoemmes, sei er am Tag der mündlichen Abiturprüfung von seinem Freund Hans Blumenberg empfangen worden. Dieser 2. März 1939 war zugleich der Tag der Wahl Eugenio Pacellis zum Nachfolger Pius XI., des Papstes der Kinderzeit der beiden Freunde. Blumenbergs Zitat war nicht nur humorvoll auf die letzte Prüfung an einer nationalsozialistisch geführten Anstalt gemünzt, sondern verstand sich als Abgrenzung gegen den braunen Ungeist, unter dem er erheblich zu leiden hatte. Seine Mutter war wie Edith Stein eine jüdische Konvertitin.

Blumenbergs Gemeinde brachte drei Märtyrer hervor, unter ihnen Johannes Prassek. Auf seinem Schreibtisch stand ein Bild des Bischofs von Galen. Zu dem Kreis um Prassek gehörte auch Brigitta Thoemmes und ein Netzwerk von Freunden Hans Blumenbergs. Johannes Prassek wurde 1942 verhaftet und am 10. November 1943 enthauptet.

Bereits das Abiturzeugnis (1939) vermerkt Katholische Theologie als Studienwunsch. Vor Ableistung des Reichsarbeitsdienstes (1. April bis 25. Oktober 1939) lädt Hans Blumenberg Ulrich Thoemmes und drei weitere Klassenkameraden für sechs Tage zu einem Berliner Aufenthalt ein, Theaterkarten und abendliche Mahlzeiten inklusive. Diese Fahrt ist eine Besiegelung der Freundschaft unter den Vorzeichen des kommenden Krieges. Im Herbst nimmt Blumenberg sein Studium an der Hochschule der Jesuiten auf. Hier knüpfte er viele Freundschaften. Die Beziehung zu Walter Kropp hielt ein ganzes Leben. Der Freund erlebte das 70. Jahr seiner Priesterweihe und starb in Herne-Wanne im Alter von 100 Jahren. Er hat ein bewegendes Zeugnis über die gemeinsamen Jahre im Priesterseminar veröffentlicht.

Nur mit katholischem Hintergrund verständlich

Die Blumenbergs gehören zu einem alten katholischen Geschlecht aus dem Bistum Hildesheim. Der erste dokumentierte Vorfahre hieß Hans Blomberg. Sein Haus steht noch immer im Stadtteil Himmelsthür. Er stiftete das Taufbecken für die Ortsgemeinde St. Martinus. Martin, Josef, aber auch Johannes, Caspar und Konrad waren beliebte männliche Vornamen in der Familie. Der niederdeutsche Name Blomberg wurde Anfang des 17. Jahrhunderts in Blomenberg, später in Blumenberg verdeutscht. Aus diesem Geschlecht sind zahlreiche Priester hervorgegangen. Noch heute wirkt in der St. Gallus Gemeinde Detfurth der Pfarrer Thomas Blumenberg.

Hans Blumenbergs Vater Karl Joseph Blumenberg hatte das Hildesheimer Gymnasium Josephinum besucht, dann eine Lehre als Buchhändler bei Hermann Olms abgeschlossen, um anschließend einen Verlag mit religiöser Kunst in Lübeck aufzubauen. Die heimatliche Bindung war ihm so wichtig, dass er im Jahr 1936 mit seinem Sohn Hans (der Bruder Rolf war im Kindesalter gestorben) eine Reise durch das Hildesheimer Land unternahm. Bei diesem Verwandtenbesuch zeigte er ihm das Gelände an der Innerste, wo einst die Gärtnerei von Konrad Blumenberg stand. Konrad ist der dritte Vorname von Hans Blumenberg.

Ein Hüter des Lichtes

Das Siegel der Blumenbergs zeigt eine Schwertlilie mit jeweils drei Knospen an beiden Seiten. Der Wappenspruch lautet „Serva Candorem“. Er passt gut zur Ausrichtung des jungen Blumenberg, auch wenn er ihn wahrscheinlich nicht gekannt hat. „Bewahre die Aufrichtigkeit!“, so könnte man den Wahlspruch der Blumenbergs übersetzen. Doch sind die Worte von einer Vieldeutigkeit, wie sie Hans Blumenberg liebte. „Bewahre die Reinheit!“ oder auch „Hüte das Licht!“ sind erlaubte Konnotationen. Der Spruch eignet sich als ein Paradigma für Blumenbergs Theorie der Unbegrifflichkeit.

„Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!“, lautet eine Maxime jenes Autors, dem die Erwählung als „Gottbegnadeter“ der nationalsozialistischen Propaganda ebenso wenig erspart blieb wie Agnes Miegel. Hans Carossa gehörte für Blumenberg zu den wichtigsten Autoren jener Jahre. Deshalb schrieb er 1938 eine Seminararbeit über Hans Carossa.

„Sammlung und Bewahrung der Kräfte ist
darum das Gesetz der Zeit; der Mensch in
Rüstung darf nicht allein stehen bleiben“
Hans Blumenberg

Ermutigt wurde der Schüler Blumenberg zu seinem Zeugnis für das Licht des Glaubens und der Vernunft durch seinen geliebten Deutschlehrer Wilhelm Krüger. Er hielt ihm über den Tod hinaus die Treue und half seiner Witwe Else Krüger und ihren vier Kindern in schwieriger Nachkriegszeit. Wilhelm Krüger lehrte ihn jenen Stil vielfacher Bedeutungsebenen, mit dem Blumenberg in einer Zeit, da er nichts direkt sagen durfte, alles sagen konnte.

Der vom Licht berührte Mensch ist der „Erleuchtete“, der Heilige, den Blumenberg in der Gestalt des Paters Rupert Mayer erkennt. Er bezeugt die „Formkraft der Kirche“. Er ist zum Hüter des Lichtes bestimmt. Er ist der wehrhafte Mensch, der Mensch in Rüstung. Er hat „Kraft und Willen zu eigener Behauptung im Strom der niederziehenden Gewalten“. Der Carossa-Aufsatz entwirft ein Ideal, dem Blumenberg folgen wird: „Sammlung und Bewahrung der Kräfte ist darum das Gesetz der Zeit; der Mensch in Rüstung darf nicht allein stehen bleiben, Seelen, die seines Schutzes bedürfen, nimmt er in seinen Kreis, den er abgrenzt und schützt – so entsteht eine geistige Führung, die ein Bollwerk des Geistes in feindlicher Zeit ist.“

Blumenbergs Philosophie unmkreist eine geheimnisvolle Mitte

Hans Blumenbergs Vater hatte ihm Devisen für ein Studium in Rom angeboten. Er blieb in Deutschland und wurde bald vom Studium ausgeschlossen. Der Lübecker Unternehmer Heinrich Dräger stellte kriegswichtige Geräte her. Er bot Hans Blumenberg eine Uk-Stellung als kaufmännischer Angestellter für Materialeinkauf an und schütze ihn mehrfach vor dem Lagerdienst. Im Februar 1945 wurde Blumenberg auf die Baustelle Fliegerhorst/Zerbst beordert. Er schuftete mit anderen sogenannten „Halbjuden“ aus der Apparatebauanstalt Dräger als „Hilfsarbeiter“ für den Hoch-, Tief- und Straßenbauunternehmer Otto Heil (Bad Kissingen). Sein Freund Jürgen Hamburger ging nach der Befreiung in die USA und änderte seinen Namen wegen des Gleichklanges mit dem amerikanischen Hamburger in Harder. Hans Blumenberg studierte Philosophie und gründete eine Familie. Blumenberg blieb ein Hüter des Lichtes. Seine „Kanzel“ wurde das Katheder, seine „Kirche“ der Hörsaal. So beschrieben es später mit Augenzwickern die Münsteraner Studierenden. Hier im Hörsaal 8 des Schlosses saßen Mitte der Siebziger Jahre Studenten wie der junge Thomas Sternberg und zeichneten „Predigten“ des Philosophen mit Cassettenrekordern auf.

Wie die großen Labyrinthe in den Kathedralen des Abendlandes umkreist Blumenbergs Philosophie eine geheimnisvolle Mitte. So zeigt sich das Katholische Erbe als Hintergrundstrahlung in Anspielungen und Verweisungen und will in den Umwegen des Denkens erfahren sein. Blumenbergs Bücher verlangen vom Leser die Tugend der Geduld und die Bereitschaft zur Nachdenklichkeit. Selbstverständlich kann man Blumenberg auch ohne den katholischen Hintergrund lesen. Doch dann verlieren sich der Leser und die Forschung in Details, weil ihre Augen gehalten sind und das Licht aus der Mitte nicht sehen.

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