"...aber der Himmel ist tiefer"

Erzählen zwischen Himmel und Erde: Eine Literaturtagung im Stift Heiligenkreuz über Schriftsteller, die den Glauben in den Mittelpunkt stellten

Le Fort
Gertrud von Le Fort deutete das Schicksal im Angesicht Gottes und der Ewigkeit, meinte Gudrun Trausmuth, Veranstalterin der Literaturtagung in Stift Heiligenkreuz. Foto: IN

Drei Konvertiten, zwei Dimensionen, ein Glaube: Das und noch viel mehr verbindet die Geschichten und Romane der allesamt in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wirkenden Schriftsteller miteinander. Den Gemeinsamkeiten auf den Grund zu gehen und die vielschichtigen Werke der beinahe vergessenen Autoren ans Licht zu bringen, war der Initiatorin Gudrun Trausmuth ein großes Anliegen. Gemeinsam mit der bekannten Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hat die Germanistin die Tagung mit dem Motto „Erzählen zwischen Geschichte und Heilsgeschichte“ ins Leben gerufen.

Lieblingsautoren 1967: Hesse und Bergengruen

Nach dem Ersten Weltkrieg, dem Niedergang des deutschen Kaiserreichs und somit auch dem Kulturprotestantismus kam es in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zu zahlreichlichen Konversionen in die katholische Kirche. Namhafte Katholiken wie der Journalist Gilbert Keith Chesterton, Freund und Berater der Scholl-Geschwister Theodor Haecker oder Heilige wie Edith Stein entsprangen protestantischer oder, wie im letzteren Fall, jüdischen Elternhäusen. Ganz in dieser Tradition stehen die bei den Vorträgen vorgestellten Autoren Gertrud von le Fort, Ruth Schaumann und Werner Bergengruen. In den Jahren zwischen den Weltkriegen kam es zu einem Florieren der christlichen Literatur, wie man es sich in unserer agnostisch geprägten Gesellschaft nur schwer vorstellen kann. Das Multitalent Ruth Schaumann – sie war nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Modezeichnerin, Bildhauerin und Mutter von fünf Kindern – wurde als erste Frau mit dem Dichterpreis der Stadt München im Jahr 1933 ausgezeichnet. Ihre Werke wurden in die renommierten Verlage Reclam und Insel aufgenommen. Schaumanns Märchen „Der Petersiliengarten“ erlangte eine Auflage von 40 000 Exemplaren. Gertrud von le Fort wurde von Hermann Hesse für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Als der „Spiegel“ im Jahr 1967 deutsche Studenten nach ihren Lieblingsautoren fragte, landeten Herman Hesse und Werner Bergengruen zugleich auf dem ersten Platz. Es handelt sich also bei allen drei Katholiken um zu ihren Lebzeiten bekannte Persönlichkeiten und häufig gelesene Literaten. Die Romane, Novellen und Gedichte des vorgestellten Trios sind eine wahre Fundgrube unterschiedlicher Ebenen und Deutungen. In den Mantel des Vergangenen gehüllt, lassen sie historische Personen die Schauplätze der Handlungen betreten und wahre Ereignisse der Historie aufleuchten. Wer jedoch annimmt, die Autoren schwelgen in einer Art Nostalgie und wollen gute alte Zeiten wieder aufleben lassen, irrt gewaltig. Immer geht es ihnen um das Berühren einer allgemeinen Dimension. Gertrud von le Fort schreibt dazu: „Das Wandelbare betrifft ja zumeist nur das Vordergründige. Der Mensch als solcher bleibt sich im Wesentlichen immer gleich. Das ist die Wahrheit, die sich gerade dem historisch Wissenden erschütternd aufdrängt.“

Vor dem historischen Hintergrund wollen die Dichter das Wesen des Menschen hervorheben, welches allgemein und über-zeitlich ist. Im ähnlichen Ton Werner Bergengruen: „Was mich immer aufs Neue lockt und fasziniert ist das menschliche Herz mit seinen Leidenschaften und Verstrickungen.“ Neben der horizontalen und der kreisförmigen Dimension lässt sich in den Werken die Ebene der vertikalen Dimension finden, wie es die vortragende Theologin Gundula Harand bezeichnet. Immer ist da die Frage nach den Spuren Gottes im Leben der Hauptpersonen und nach dem Heil in der Geschichte. Die Entscheidungen und Handlungen im Jetzt reichen hinüber in die Ewigkeit.

Mehrdeutigkeit verwenden, um nicht aufzufallen

Die Protagonisten in den Werken le Forts sind oft Leidende, Versuchte. Sie hadern mit dem Leiden, willigen schlussendlich in „ihr Kreuz“ ein und werden dadurch gerettet. Unterirdisch läuft schon die Auferstehung mit. Die le Fort-Expertin Trausmuth dazu: „Le Fort deutet Schicksal im Angesicht Gottes und der Ewigkeit. Sieg im Untergang. Untergang als Sieg. Es gibt eine doppelte Bewegung: Ein Scheitern in Bezug auf das Leben auf Erden, Sieg in Bezug auf die Ewigkeit.“ Die Frage drängt sich auf, welche Position die drei Schriftsteller, deren Wirken in die Zeit zwischen 1939 bis 1945 fällt, zum Nazi-Regime einnahmen. Hier gibt die Einkleidung der Werke in das Historische die Antwort. Die Autoren, die zu der literarischen Gattung der Inneren Emigration zählen, verpackten aktuelle Thematiken und Kritik an der Gegenwart in historische Romane. Es mussten Strategien der Mehrdeutigkeit entwickelt werden, um nicht aufzufallen oder zu viel preiszugeben.

Blut im eigenen Körper wie das vom Herrn

Ganz bedeckt konnten sich die Schriftsteller nicht halten. 1934 wurde Ruth Schaumann von den Nazis aufgefordert, für die Neuauflage ihres Romans „Amei“ ein Kapitel herauszunehmen. Es beschreibt eine Situation, in der ein Mädchen einem Jungen, der sich verletzt hat, hilft und ihn nach Hause begleitet. Es stellt sich heraus, dass seine Familie Juden sind, da das Mädchen als Dank einen jüdischen Segen von dem Vater erhält. Schaumann entschied sich, das Kapitel nicht zu streichen mit der Begründung: „Ein Blutstropfen des kleinen Buben kreist wohl auch in meinem Blutkreislauf, seitdem ich den Herrn empfangen habe, der aus demselben Blut stammt.“ Schaumanns Buch wurde daraufhin nicht mehr verlegt. Heute ist das literarische Trio beinahe gänzlich unbekannt. Zu Unrecht, da ihre Geschichten – fast könnte man sagen prophetisch – in unsere Gesellschaft hineinsprechen.

Werner Bergengruens Roman „Am Himmel und auf Erden“ kreist um eine von der Wissenschaft angekündigte Sintflut. Je näher das Datum der angeblich eintretenden Naturkatastrophe kommt, desto mehr bricht unter der Bevölkerung Panik, Anarchie und Manipulation aus. Das Ende des Buches wird eine erstaunliche Wendung bringen. Aufschluss bietet das Motto, dass Bergengruen an den Beginn seines Romans stellt, nämlich das Jesus-Wort: „Fürchtet euch nicht!“ Der Historiker und Augustiner Chorherr (Nicolaus) Buhlmann zieht Parallelen zu den derzeitigen Spekulationen rund um die angebliche, durch Menschen verursachte Erderwärmung, die den Weltuntergang zur Folge haben könnte. „Am Himmel und auf Erden“ gibt Hoffnung, dass der Lauf der Dinge Teil eines göttlichen Plans ist und Gott selber hinter allem steht. Er waltet, auch wenn wir ihn als den Verborgenen erleben.