Gefängnisseelsorge

In einer abgeschlossenen Welt

Stephan Mark (50) ist seit gut einem Jahr Gefängnisseelsorger in Stralsund. Diese Arbeit war für den Gemeindereferenten völliges Neuland, wie er im Gespräch erzählt.
Strafvollzug
Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild) | Die Gefängnisseelsorger haben eine besondere Aufgabe in der Begleitung der Inhaftierten.

Das ist wie eine Parallelgesellschaft, wie ein anderer Stern.“ Gemeindereferent Stephan Mark aus dem vorpommerschen Stralsund (Erzbistum Berlin) musste sich vor gut einem Jahr erst an seinen neuen Einsatzort gewöhnen. Der 50-Jährige wurde zum Gefängnisseelsorger – eine Welt, die ihm bis dahin nahezu völlig unbekannt war. Zwei Tage in der Woche, insgesamt rund zehn Stunden, ist er dort im Einsatz, ansonsten macht er die normale Gemeindearbeit in der Stralsunder Pfarrei St. Bernhard weiter. An einem Tag in der Woche, so erzählt Mark im Gespräch mit der „Tagespost“, fuhr er anfangs nach der Arbeit anschließend in den Hort, um dort seine Tochter abzuholen. „Das war für mich immer ein großer Schock“, erinnert er sich. „Wenn man so aus dem Knast kommt, wieder in die bürgerliche Welt zurückzukommen – da muss man sich erst einmal dran gewöhnen.“ Zuvor hatte er überhaupt keine Berührung mit dieser eigenen Welt hinter Gittern, hatte lediglich einmal einen Bekannten, der als Gefängnisseelsorger arbeitet, einen Tag lang begleitet.

Das Gefängnis gehört zur Gemeinde

Mittlerweile hat sich Stephan Mark an die Arbeit gewöhnt, doch sie bleibt immer noch etwas Außergewöhnliches. Dabei hat er sich selbst ins Gespräch gebracht. Denn das Gefängnis in Stralsund gehört zur Gemeinde. Immer wieder hatte es in der Vergangenheit Diakone vor Ort gegeben, die sich um die Gefangenen gekümmert haben. Doch in den vergangenen vier, fünf Jahren habe es zu wenig Personal in der Gemeinde gegeben, erzählt Stephan Mark. So konnte diese Stelle nicht besetzt werden. Seit 2012 ist der Greifswalder in der Pfarrei tätig, die neben der Hansestadt Stralsund auch die Ferieninsel Rügen und Demmin umfasst – eine der flächenmäßig größten katholischen Pfarreien in Deutschland. Im vergangenen Jahr habe sich dann abgezeichnet, dass mehr Personal zur Verfügung steht – und es wurde gefragt, wer sich die Arbeit im Gefängnis vorstellen könne. Stephan Mark meldete sich, obwohl er als Gemeindereferent weder Volltheologe ist noch einen Weihegrad besitzt. Dennoch gab das Ordinariat in Berlin grünes Licht. „Der könnte sich das vorstellen, wir haben zur Zeit keinen anderen, probieren wir es mal“ – so beschreibt Mark seinen Weg ins Gefängnis. „Ich bin da so mit reingerutscht.“

Und was ihn in diesem eher kleinen Gefängnis erwartet, in dem so genannte Kurzstrafen, also Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren, aber auch Untersuchungshaft abgesessen werden, erfordert auch nicht unbedingt einen geweihten Priester oder Diakon. Denn hier in der Diaspora gibt es ohnehin sehr wenige Katholiken, zudem ist die religiöse Bindung meistens gering. „Die Leute, die katholisch sind, können wir uns an zwei Händen abzählen“, so Stephan Mark. Gefängnisseelsorge gehe immer über die Konfession hinaus. Für Stephan Mark geht es um Begleitung. Er ist zur Stelle, wenn sich die Gefangenen einfach mal aussprechen wollen, den Frust von der Seele reden möchten. Da haben die Gefängnisseelsorger eine Sonderstellung, sagt der Gemeindereferent: „Wir gehören nicht zu dem ganzen System.“ Zwar werden sie vom Justizministerium bezahlt, aber sie haben eine ziemlich autarke Stellung. Und so werden sie offenbar auch von den Insassen wahrgenommen – ein Vorteil für ihre Arbeit, wie Mark betont. Oft würden sie als Vertrauenspersonen angesprochen, auch von den Bediensteten. „Da ist der Herr X, dem geht es heute nicht so gut, schauen Sie doch mal rein“, bekommt er vom Personal oft zu hören.

Seelsorge unterliegen der Schweigepflicht

Auch die Gefangenen wissen: Was sie im Gespräch erzählen, berichten die Seelsorger nicht weiter. Sie unterliegen der Schweigepflicht. Da kommen häufig auch Dinge auf den Tisch, die bei den Bediensteten schlecht ankommen würden – zum Beispiel Selbstmordgedanken oder strafrechtlich relevante Dinge. Darüber muss der Gefängnisseelsorger Stillschweigen wahren, es sei denn, der Gefangene entbindet ihn ausdrücklich von der Schweigepflicht. Auf einige von ihnen geht er auch persönlich zu, fragt, ob sie einen Seelsorger sprechen möchten. Doch die Gefangenen können auch selbst darum bitten. Und dabei lernt der Gemeindereferent die unterschiedlichsten Schicksale kennen. Häufig sind es Gefangene, die wegen Drogendelikten sitzen, aber auch Gewaltdelikte oder Raub kommen vor. Bei den Untersuchungshäftlingen kommt hingegen „alles zusammen“, erzählt Stephan Mark. Häufig sind es ganz praktische Dinge, bei denen er helfen kann: Mal eine Briefmarke oder ein Päckchen Zigaretten besorgen, um einen Kontakt nach draußen kümmern oder Hilfe bei der Wohnungssuche, wenn die Entlassung bevorsteht. Manchmal sind es aber auch die schwierigen Gespräche, bei denen die schweren Schicksale auf den Tisch kommen. Fast 80 bis 90 Prozent der Gefangenen in Stralsund haben mit Drogendelikten zu tun, berichtet Mark. Auch der Umgang mit der eigenen Schuld sei ein Thema, die Neigung, sich selber zu verurteilen.

Manche Gespräche enden mit einem Gebet

Und manchmal kommt dann doch der Glaube ins Spiel. Stephan Mark erinnert sich beispielsweise an einen Armenier, der sehr gewalttätig, aber auch sehr gläubig gewesen sei. Mit dem habe er regelmäßig gebetet. Immer wieder habe der Mann um ein Gespräch gebeten. „Lass uns zusammen beten. Ich möchte den Segen Gottes haben, ich möchte, dass Gott mich unterstützt“, habe er immer wieder gefordert. Bei einem Insassen sei irgendwann die Oma gestorben, und er sei sehr traurig gewesen, dass er nicht zur Beerdigung gedurft habe. Mark bot ihm an, für die Oma zu beten. „Wenn die Leute überhaupt nichts mit Kirche zu tun haben, da frage ich dann einfach nach, sage ihnen, für mich würde es jetzt passen, noch zu beten“, erzählt Mark. Wenn sich der Gesprächspartner darauf einlässt, spricht er meistens das Gebet vor, lässt den anderen einfach zuhören. „Und wenn sie das möchten, sind sie auch sehr dankbar dafür“, so sein Fazit. Gerade Menschen, die zum ersten Mal im Gefängnis sind, seien oft sehr verzweifelt, haderten mit der eigenen Schuld. In dieser Grenzsituation würden sich viele, wie Mark formuliert, „an sowas wie Gott wenden“. Ob das dann schon der christliche Gott sei, sei die Frage – oft sei es ein „diffuses Gottgefühl“, ein Erstkontakt mit etwas Höherem, an das sie sich in ihrer Not wenden. „Das ist aber ganz tief angesetzt“, gibt er zu Bedenken.

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Bei all diesen Dingen, die Stephan Mark bei seiner Arbeit im Gefängnis mitbekommt, muss er letztlich auch auf sich selber achten – denn die Schicksale, Sorgen und Nöte der Gefangenen lässt er nicht am Gefängnistor zurück. „Supervision“ sei dabei ganz wichtig, also mit anderen Menschen über das Erlebte zu reden, sagt der Gefängnisseelsorger. Auch im Gebet versucht er, das Erlebte zu verarbeiten. Und was ihm besonders wichtig ist: Er arbeitet weiter in der Gemeinde mit. Drei Viertel seiner Stelle sind dafür reserviert, erst kürzlich war er eine Woche lang Begleiter auf einer Kinderfreizeit.

Wichtiger Ausgleich

Das, so Mark, schaffe den Ausgleich zur Arbeit im Gefängnis. „Ich finde es gut, wenn man nochmal so einen Ausgleichspunkt hat. Ich glaube, eine ganze Stelle im Gefängnis würde mir zu viel werden.“ Und er bezieht die Gemeinde mit ein. Denn die Gefangenen gehörten auch zur Gemeinde dazu, allerdings würden viele Stralsunder das Gefängnis nicht kennen. So ruft er beispielsweise an Weihnachten zu Spenden für die Insassen auf – und stößt dabei, wie er erzählt, durchaus auf Resonanz.

Er selbst, so erzählt Stephan Mark, habe in diesem ersten Jahr als Gefängnisseelsorger gelernt, „wie wichtig einfache Sachen sind“. Immer wieder rufe er sich in Erinnerung, wie wertvoll es sei, in Freiheit zu leben, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein. Wie kostbar sei eine Tafel Schokolade, die er verschenke, oder ein Päckchen Kaffee – solche einfachen Dinge, über die sich die Gefangenen freuten. „Es ist doch schön, wenn man mit so einfachen Sachen Menschen glücklich machen kann.“

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