Generationenkonflikt

Homo Homini Lupus

Der ewige Konflikt: Werden sich die Generationen gegenseitig zur Gefahr? Nur christliche Nächstenliebe, die den Anderen als Ebenbild Gottes begreift, vermag eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft zu verhindern.
Howling Wolf Background
Foto: Adobe Stock | Die Angst vor einem potenziell gefährlichen Feind kann ganze Völkergemeinschaften in Panik versetzen.

Es gehöre zur Natur des Menschen, seinem Mitmenschen zum Wolf zu werden, stellt lakonisch im 17. Jahrhundert Thomas Hobbes mit seinem berühmten Zitat – entlehnt vom römischen Komödiendichter Titus Maccius Plautus – fest: „Homo Homini Lupus“. Unweigerlich versetzt diese Annahme den Menschen in Angst. Schutz vor dem Mitmenschen wird obligatorisch. Konsequent fordert Hobbes denn auch, den Staat, den Leviathan, mit einem Gewaltmonopol zum Schutz des Einzelnen auszustatten.

Die Angst vor einem potenziell gefährlichen Feind an den Landesgrenzen kann schnell ganze Völkergemeinschaften in Panik versetzen. Eine versteckte Gefahr, die keine Grenzen kennt, die mitten unter uns wohnt, ist natürlich weit mehr geeignet, Angst und Schrecken zu verbreiten. Es sind Viren, mikroskopisch kleine Partikel, die Ängste ganz neuer Natur schüren. Ein unsichtbarer Feind, der in – ansonsten harmlosen – Mitmenschen lauert. In der Virus-Pandemie verläuft die Grenze zwischen Freund und Feind nicht am Rande eines Territorriums, sondern quer durch die Gesellschaft, quer durch Familien und Freundschaften und – vor allem auch – zwischen den Generationen.

Unterschiedlich bedrohte Generationen

Den unterschiedlichen Grad der Bedrohung der Generationen durch das Corona-Virus belegen auf eindrucksvolle Weise die Daten einer aktuellen multinationalen Vergleichsstudie, publiziert im „Science Report“ des angesehenen wissenschaftlichen Journals „Nature“ (Bauer, P., Brugger, J., König, F. et al.: An international comparison of age and sex dependency of COVID-19 deaths in 2020: a descriptive analysis. Sci Rep 11, 19143 (2021)): In der aktuellen Corona Pandemie, so zeigt es die Analyse der Zahlen aus dem Jahr 2020, sind Männer häufiger als Frauen und fast ausschließlich Menschen älter als 65 Jahre von einem tödlichen Verlauf der Infektion bedroht. Für junge Menschen stellt eine Infektion mit dem SARS-CoV-2 meist keine relevante, schon gar keine tödliche, Gefahr dar.

Diese Erkenntnisse zur aktuellen Krise sind keineswegs überraschend. Jeder von uns muss mit zunehmendem Alter mit einer Abnahme seiner Immunkompetenz rechnen. Beginnend bereits mit dem 30. Lebensjahr nimmt unsere Fähigkeit zur schnellen, punktgenauen Infektabwehr ab. Die Immunantwort wird durch verminderte Immunzellbildung schwächer. Betroffen sind die B-Zellen, verantwortlich für die Antikörperbildung, genauso wie die T-Zellen, die für die zelluläre Immunantwort verantwortlich zeichnen. Eine weitere relevante Schwäche im Alter besteht darin, nicht mehr ausreichend Memory B-Zellen zu bilden. Diese Gedächntnis-Zellen zirkulieren nach einem Kontakt mit einem speziellen Keim über Jahrzehnte in unserem Körper und vermitteln bei erneutem Kontakt mit dem Antigen eine zuverlässige, schnelle Produktion von spezifischen Antikörpern. Zunehmend werden im Alter nicht mehr voll leistungsfähige Immunzellen gebildet, es kommt zu einer Anhäufung von Fehlern bei der Immunantwort. Bedingt durch diese auf vielfältige Art verursachte Immunschwäche, lässt sich im Alter auch durch noch so potente Impfungen das Immunsystems nicht mehr vollständig stimulieren. Letztlich werden deshalb viele von uns an einer Virusinfektion versterben: Ein sanfter Tod, geht ihm doch eine durch Virusinfektion verursachte Schläfrigkeit, eine Somnolenz, voraus.

Zunehmende Härte der Älteren

Alte Menschen sollten anders als die immunkompetenten jungen Menschen vor einer Virusinfektion geschützt werden. Das Social distancing, Tragen von Masken, häufiges Testen auf das Virus, Schließen von Schulen, Universitäten und Betrieben dient vorwiegend dem Schutz der Generation der Älteren. Letztlich zielt auch die Impfung der Jüngeren hauptsächlich darauf, zu vermeiden, dass diese als Vektor, als Virusüberträger, den Älteren zur Gefahr werden. Mit welchem Elan die ältere Generation diese solidarische Rücksichtsnahme bei den Jungen einfordert, ist beeindruckend. Vieles von dem, was ein freies Leben in der Jugend ausmacht, wird strikt verboten. Die Forderungen reichen weit in die Privatsphäre der jüngeren Generation hinein, betreffen Verhaltensweisen, die die Älteren in ihrer Jugend noch als selbstverständlichen Teil ihres Lebens in Anspruch genommen haben. Statt bescheidener Dankbarkeit für die Solidarität der Jungen, die – in aller Regel – sorgfältig alle Maßnahmen des umfangreichen Verbotskatalog befolgen, kritisieren die Älteren mit zunehmender Härte diejenigen der jungen Generation, die weiter auf ihre Persönlichkeitsrechte pochen. Wenn sich beispielsweise – nicht selten naturheilkundlich orientiert – Jugendliche das Recht herausnehmen, das Corona-Impfangebot nicht in Anspruch zu nehmen, meint der Weltärztepräsident Prof. Frank Ulrich Montgomery eine „Tyrannei der Ungeimpften“ diagnostizieren zu können.

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Der Generationenkonflikt, die Spaltung der Gesellschaft, hat eine neue Dimension erreicht: junge Menschen werden als potenzielle Gefahr, als Feind im Inneren gehandelt und behandelt. Es geht die Sorge um, dass gerade der asymptomatische junge Mensch als Überträger des Virus eine ganz besonders große Gefahr für die Gesellschaft darstellt. In einer bisher unbekannten und sehr beeindruckenden Wendung des aufklärerischen „Homo Homini Lupus“ wird suggeriert, dass uns unsere eigenen Kinder zur Gefahr zu werden!

Kinder verlieren ihre Sicherheit

Für Kinder und Jugendliche muss es befremdlich sein, als Gefahr empfunden zu werden. Die Bedrohung muss enorm sein, um die Generation der Eltern in solche Angst und Panik zu versetzen, sie zu so drastischen, einschneidenden Maßnahmen ihren Kindern gegenüber greifen zu lassen. Die Kinder verlieren ihre Sicherheit. Solche Verunsicherungen in der Kindheit können schnell zu unbewussten, tief verwurzelten Schuldgefühlen Anlass geben, die im Weiteren zu Depressionen, aber auch zu Aggressionen führen können.

Während die junge Generation Solidarität praktiziert, gibt die Generation der Eltern und Großeltern das über Jahre für die Zukunft angesparte, gesamtgesellschaftliche Vermögen mit großem Gestus für Pandemie-Schutzmaßnahmen aus. Noch viele Jahre wird der jüngeren Generation das Defizit in den staatlichen Haushalten schwer auf den Schultern lasten. Zusätzlich zu den Folgen des Verlusts einer normalen, sorglosen Kindheit und Jugend, einer normalen Schulausbildung und umfassenden, gründlichen Studienmöglichkeiten werden zukünftige Generation über Jahre eine erhöhte Steuerlast zu tragen haben. Schon jetzt ist klar: eindeutig gehören die meisten der jüngeren Generation zu den Verlierern der derzeiten Krise.

Aufrechnung der Opfer

Die Opfer, die die junge Generation solidarisch in den Zeiten des Coronavirus gebracht hat, werden absehbar den Altvorderen aufgerechnet werden. Generationengerechtigkeit wird eingefordert werden. Nach einer Phase, in der die Jungen als Virusträger zum Feind erklärt worden sind, könnte – in einer neuen Wendung des „Homo Homini Lupus“ – schnell der unproduktive alte Mensch zu einem fürs Allgemeinwohl schädlichen, kostenträchtigen Mitglied der Gesellschaft deklariert werden. Das schuldbewusste, vorzeitige Ausscheiden dieser, dem Wohle der Gesellschaft – ja der Umwelt ganz generell – feindlichen, alten Menschen im Dienste der Zukunft der jüngeren Generation, wird derzeit schon regelmäßig auf den Friday’s for Future-Demonstrationen skandiert. Zeitgerecht hat – ähnlich wie in den Nachbarländern – das deutsche Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 mit seinem epochalen Urteil zur Freigabe der Beihilfe zum Selbstmord den Weg zum „selbstbestimmten“ Ausscheiden der alten Menschen aus der Gesellschaft geebnet. Die historische Erfahrung lehrt: In eine Krise gerät man leicht hinein, schwer nur findet man wieder aus ihr heraus. Auch zu Beginn der Covid-19-Pandemie fand in schneller Folge eine Eskalation der Maßnahmen statt. Es hat sich im Weiteren gezeigt, dass die vielfältigen Versprechungen auf eine schnelle Lösung der Krise nicht eingelöst werden konnten. So wird wohl die aktuelle Corona-Krise enden wie die meisten Krisen in der Geschichte: Das Ende wird langsam kommen, unbemerkt, quasi wie von selbst, getrieben von einer Erschöpfung aller Beteiligten zusammen mit der Erkenntnis, dass man mit der Gefahr leben kann und letztlich muss. Schließlich wird die aktuelle Krise durch neue Krisen aus dem Fokus der Gesellschaft verdrängt werden.

Thomas Hobbes hat in der Widmung zu seinem Werk „De Cive“ dem „Homo Homini Lupus“ eine wenig bekannte Relativierung an die Seite gestellt. Da schreibt der Philosoph und Staatstheoretiker: „Beide Sätze sind wahr: Der Mensch ist ein Gott für den Menschen, und: Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen.“ In christlicher Tradition fordert Hobbes also, den Mitmenschen als Ebenbild Gottes wahrzunehmen. Gegenseitiger, liebevoller Respekt bietet sich als Lösung für die aktuelle Krise an, als Möglichkeit, den absehbaren Konflikt zwischen den Generationen zu entschärfen. Für ein dauerhaft friedliches Zusammenleben der Generationen ist tätige Nächstenliebe die entscheidende Voraussetzung. Nächstenliebe ist geeignet, eine zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, eine Kluft zwischen den Generationen zu vermeiden. Junge Menschen sollten möglichst schnell aus dem engen Korsett der aktuellen Verbote entlassen werden. Vor allem verdienen junge Familien nach den Entbehrungen in der Krise die uneingeschränkte Unterstützung der Gesellschaft. Von den Älteren sollte eine demonstrative Bereitschaft ausstrahlen, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, das Risiko im Alter selbst in die Hand zu nehmen und letztlich demütig zu akzeptieren, dass das Leben endlich ist.

Der Autor ist Professor em. der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.
 
 

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