Würzburg

Unsere Psyche steht unter Druck

Die Corona-Pandemie betrifft uns irgendwie alle. Aber sie trifft uns höchst unterschiedlich: je nach Alter, Geschlecht, Familienverhältnissen, finanzieller und sozialer Lage, Charakter und Persönlichkeit, körperlicher und psychischer Gesundheit.

Corona und die Folgen
Die psychischen Belastungen durch die Coronakrise bringen auch Folgekosten für die Gesellschaft mit sich. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

An Statistiken scheint es seit Monaten keinen Mangel zu geben: Mehrfach täglich werden uns Tabellen, Grafiken und Zahlenreihen genannt, die die COVID-19-Infektionen, positive Testungen, verfügbare Krankenhaus- und Intensiv-Betten, Todesraten mit oder durch Corona zeigen. Schwerer bezifferbar sind die Kollateralschäden der Corona-Krise: die Auswirkungen auf Bildung, Verarmung, Insolvenzen, medizinische Langzeitfolgen und psychische Nöte. Angesichts der zweiten Welle und des zweiten Lockdowns warnen Psychiater: Den Frühling schafften viele Menschen noch mit Neugier und Kraft-Reserven, jetzt aber sind sie ermattet, erschöpft, ausgelaugt, verunsichert.

Die Donau-Universität Krems hat die psychische Belastung durch die Pandemie von Anfang an untersucht und festgestellt, dass Depressionen, Angstsymptome und Schlafstörungen sich durch Corona (durch die Pandemie wie durch die Regierungsmaßnahmen) vervielfacht haben   und auch während der Lockerungen im Sommer nicht sanken. Besonders dramatisch gestiegen sind Depressionen, Ängste und Stress bei arbeitslosen Männern. Etwa 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung litten im September an depressiven Symptomen, acht Prozent sogar an schweren Depressionen   2014 war es nur ein Prozent. Unter Angst- und Schlafstörungen leiden 16 Prozent der Österreicher. In Ländern wie Großbritannien, die härter von der Krise betroffen sind, sei die Häufigkeit der psychischen Probleme deutlich höher.

Verunsicherung und Entmutigung durch "zweite Welle"

Unterschiedliches macht offenbar Angst: die Sorge um die eigene Gesundheit und das pure Überleben, aber auch um den Arbeitsplatz, die familiären Finanzen, die Vereinsamung und die wirtschaftliche Zukunft. Bei der Telefonseelsorge nimmt man wahr, dass die "zweite Welle" bei vielen Menschen enorme Verunsicherung und Entmutigung auslöste. Genervt, gestresst, erschöpft und ausgelaugt seien viele jetzt. Viele empfänden die aktuellen Regierungsmaßnahmen wie eine Freiheit raubende "Fußfessel", meint der Vorarlberger Psychiater Reinhard Haller. Das "Gefühl der Überwachung" sei der psychischen Gesundheit abträglich.

Auch Kinder und Jugendliche leiden unter der Corona-Krise: Österreichische Psychotherapeuten berichten von wachsenden Depressionen, Unsicherheiten und Zwangsstörungen. Kinder würden sich nun vor den Berührungen durch Eltern und Geschwister fürchten, seien stark belastet von den Existenz- und Zukunftsängsten der Eltern, litten unter steigenden Spannungen in der Familie und unter häuslicher Gewalt. Der Konsum von Alkohol und Drogen steige, bei Mädchen häuften sich die Essstörungen.

Wer Sinn sieht, leidet weniger

Unter der Leitung von Ulrike Ravens-Sieberer, Gesundheitspsychologin am Hamburger Uni-Klinikum, wurden in Deutschland zwischen Mai und Juni 1.040 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren sowie 1586 Eltern befragt, wie sie die Corona-Zeit erlebten. Das Fazit der "Corona und Psyche"-Studie (COPSY) lautet: Die psychischen Auffälligkeiten bei Kindern sind stark gestiegen, aber abhängig von der familiären und sozialen Situation. "Die meisten Kinder und Jugendlichen fühlen sich belastet, machen sich vermehrt Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit und beklagen häufiger Streit in der Familie. Bei jedem zweiten Kind hat das Verhältnis zu seinen Freunden durch den mangelnden physischen Kontakt gelitten", so Ravens-Sieberer. Ein gutes Familien-Klima ist demnach die wichtigste Ressource für Kinder in der aktuellen Krise.

Einig sind sich die Donau-Universität Krems und die Nako-Gesundheitsstudie, die knapp 200.000 Menschen in Deutschland befragte, darin, dass junge Erwachsene psychisch stärker leiden als Personen über 60 Jahre. Vor allem in der Gruppe der 20- bis 50-Jährigen hätten Angst, Stress und Depressionen stark zugenommen. Bei Frauen bis Ende 30 erklärt das die Nako-Studie zumindest teilweise mit der Mehrfachbelastung von Homeoffice, Pflege, Betreuung und Haushalt.

Fallen bei älteren Menschen einfach die Sorgen um den Job und das Einkommen weg? Die Innsbrucker Sinnforscherin Tatjana Schnell und ihr Kollege Henning Krampe von der Klinik für Anästhesiologie der Berliner Charit  haben   aufgrund ihrer grenzüberschreitenden deutsch-österreichischen Untersuchung mit 1538 Teilnehmern   eine andere Erklärung dafür, dass ältere Menschen eine besondere Resilienz zeigen: "Das Sinnerleben steigt mit dem Alter an; ältere Menschen sind oft besser in der Lage, Metaperspektiven einzunehmen und profitieren somit auch in ihrer psychischen Stabilität stärker von ihrer Lebenserfahrung." Menschen, die einen starken Sinn in ihrem Leben sehen, litten weniger stark unter psychischen Belastungen. Auch die Fähigkeit zur Selbstkontrolle sei dem psychischen Befinden zuträglich.

Kümmerer sind optimistischer

Weil die psychischen Belastungen auch Folgekosten für die Gesellschaft mit sich bringen, hat der Versicherungskonzern AXA im Juni eine große, europaweite Befragung durchgeführt, deren Ergebnisse Anfang Oktober publiziert wurden. 32 Prozent der tausend befragten Deutschen sagten, ihre psychische Verfassung habe sich verschlechtert; 25 Prozent meinten gar, sie hätten das Gefühl, die Kontrolle über ihr eigenes Leben verloren zu haben. Dabei war Deutschland bei den psychischen Erkrankungen im europaweiten Vergleich schon vor der Krise in der traurigen Spitzenposition: Zwölf Prozent gaben an, in der Vergangenheit ernstlich psychisch erkrankt gewesen zu sein. Dramatischer sieht es in Belgien und Frankreich aus, wo 45 beziehungsweise 43 Prozent der Befragten meinten, die Kontrolle über ihr Leben verloren zu haben; in Italien waren es sogar 57 Prozent.

Nicht nur die soziale Kluft wird größer, die Krise trifft die Menschen höchst unterschiedlich: Junge seien in ihrer Freizeitgestaltung stärker eingeschränkt als Ältere; Menschen mittleren Alters fürchteten besonders den Jobverlust und Einkommensnachteile; Frauen leiden mehr unter der Doppeltbelastung. Alexander Vollert, Geschäftsführer des AXA-Konzerns, folgert: "Corona wirkt wie ein Katalysator für Unterschiede in der Gesellschaft." Das gilt ganz besonders für jene, die bereits vor der Corona-Krise psychisch belastet oder arbeitslos waren.

Resilienz dank Verantwortung

Das vielleicht spannendste Ergebnis dieser Befragung: Menschen, die während der Krise Verantwortung für andere übernehmen, verfügen über mehr Resilienz und den größeren Optimismus. 76 Prozent der Menschen, die AXA flapsig "Kümmerer" nennt, sehen der Zukunft positiv entgegen, aber nur 63 Prozent der "Nicht-Kümmerer". 48 Prozent der "Kümmerer" meinen sogar, die Krise haben ihnen geholfen, herauszufinden, was man im Leben wolle.

Dem Schutz vor dem Virus würden derzeit viele Bedürfnisse untergeordnet, die zu einer ausgeglichenen Psyche beitragen, etwa zwischenmenschliche Nähe und Bewegung. Das habe langfristig Folgen für die körperliche und mentale Gesundheit, und damit auch soziale und wirtschaftliche Konsequenzen, so die AXA-Studie. Die psychischen Erkrankungen seien "ein bislang wenig beachtetes Risiko im Rahmen aller Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus". Sie werden uns jedoch noch länger begleiten als die Corona-Pandemie, deren Ende auch noch nicht absehbar ist. Sicher ist: Wenn COVID-19 irgendwann Geschichte ist, wird sich unsere Gesellschaft verändert haben   weil wir uns verändert haben werden. Wie Kriege, große Naturkatastrophen und tragische Lebensereignisse geht auch diese Pandemie an keinem von uns einfach spurlos vorüber.

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