Berlin

Männer werden verteufelt

Das Gerücht der Benachteiligung von Frauen ist zum Etikettenschwindel einer wachsenden Männerverachtung in der Gesellschaft geworden.

Powerfrau, Popart
Raus aus der Opferpose Foto: stock.adobe.com

Eine wirkungsvolle Strategie bei anhaltender Erfolglosigkeit ist die Ablehnung jeglicher Verantwortung dafür. Schuld sind stets die anderen, so lautet die Gefechtsparole der Mittelmäßigen. Diese Lügenhaltung hat schon im Nationalsozialismus als einer Ideologie der Durchschnittlichen und Zukurzgekommenen seine schauerlichen Wirkungen entfaltet. Heute sind jene, die uns vorgaukeln, aus den Schrecken der Vergangenheit gelernt zu haben, die verlässlichen Lordsiegelbewahrer einer Kultur der reflexartigen Delegierung von Verantwortung.

Ewig in Opferpose

Zu den zeitgenössischen Kampfarenen der Mediokrität gehört der Feminismus, eine historisch unentbehrliche Erweckungsbewegung, die zum eisigen Machtinstrument verkommen ist. Frauen, so wird uns unermüdlich versichert, sind durch die Jahrtausende währende Herrschaft der Männer in Opferposition gehalten worden, benachteiligt, geschändet, gewalttätig misshandelt, bestenfalls missachtet. Davon stimmt sogar manches. Und doch wurde nie die Frage geklärt, wie es einer männlichen Minderheit von knapp die Hälfte der Menschheit gelang, eine weibliche Mehrheit von gut der Hälfte der Menschheit über so lange Zeit erfolgreich zu unterjochen. Mehr noch: Warum haben sich die Frauen dies die längste Zeitspanne klaglos gefallen lassen?

Seit 15 Jahren regiert eine Frau Deutschland

Inzwischen gilt als unstrittig, dass Frauen nicht nur der Menschenwürde teilhaftig sind: Die Gleichberechtigung ist im Grundgesetz verbrieft, wir werden seit 15 Jahren von einer Bundeskanzlerin regiert und ihre Geschlechtsgenossinnen sind in der Öffentlichkeit und in Führungspositionen eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, wir lebten in einer westlichen Welt von Männern für Männern, in der Frauen bestenfalls geknechtet würden, eine Art Saudi-Arabien mit gemäßigten Temperaturen.

„Feindseligkeit gegen Männer, ist ‚salonschick‘ geworden“

Demnächst erscheint in deutscher Übersetzung das Buch "Feminist City" der kanadischen Professorin für Geografie und Geschlechterstudien, Leslie Kern. Darin geht sie mit der Architektur der Gegenwart unerbittlich ins Gericht   und die zeitgenössische Bauweise böte wahrlich allerlei Anlass zu schimpflicher Kritik. Allerdings beschreibt sie die Ödnis renditeheischender Zweckbauten aus Stahl und Glas nicht als menschenverachtend und geisttötend, sondern sie erkennt darin einen Angriff des Mannes auf die Frau. In den dunklen Gassen unserer Städte, den Glasdächern und Straßennamen käme "toxische Männlichkeit zum Ausdruck" und "männliche Macht". In den Hochhäusern des Westens sieht Kern "Penisse, die in den Himmel ejakulieren", "Phallus-Wälder" und Symbole gelebter "Gender-Ungleichheit". Kurzum: Stadtarchitektur diskriminiere Frauen und führe zu vermehrter häuslicher Gewalt.

Die Misandrie, die Feindseligkeit gegen Männer, ist "salonschick" geworden. Dies hat bereits 2012 der Publizist Ralf Bönt in seinem Männer-Manifest "Das entehrte Geschlecht" festgestellt. Seither ist der Stimmung wider das maskuline Geschlecht eher noch bösartiger geworden. Während sich Frauen unablässig in die Opferrolle stilisieren, um sich auf diesem Wege Fördermaßnahmen und soziale Vorteile zu sichern, haben Männer den Status des Freiwilds erlangt. Die Herrschaft des Mannes, so Bönt, "gilt als für alles Elend der Geschichte verantwortlich, und ohne jedes Nachdenken glaubt man durch mehr Beteiligung der Frauen automatisch eine bessere Welt zu erhalten". Unter dem stereotypen Schutzschirm der Frauenbenachteiligung hat sich nach Bönts Beobachtung die Diskriminierung umgekehrt: "Zuhause bevorzugen Mütter die Mädchen, Lehrerinnen bevorzugen sie in der Schule. Mit Jungs geht man gröber um, ablehnend, auch Väter und Lehrer machen dabei mit."

Vorwurf pervertiert zum feministischen Dauersummton

Wer zum Mann heranwächst, tut dies heutzutage unter beständigem Schuldvorbehalt. Das Toxischsein von Männlichkeit, das böse und überall wirksame Gift des Testosteron, wird selten offen deklariert, unbewusst in der Praxis aber umso wörtlicher genommen. Mag der Teufel auch Prada tragen, in dem Kostüm wird unweigerlich ein Mann vermutet. Der ontologische Verdacht wider den Mann ist der feministische Dauersummton in unserer neurotisierten Tinnitus-Gesellschaft.

Unter dem schmissigen Titel "Alte weiße Männer" samt höhnischer Unterzeile "Ein Schlichtungsversuch" brachte Sophie Passmann 2019 einen Gesprächsband heraus. Die 26-jährige Feministin griff einen durch einschlägige Diskurse marodierenden Terminus auf, weil diese angeblich machtvolle und privilegierte Klientel zu einer überfälligen Ohnmachtserfahrung genötigt werden solle. Alte weiße Männer, so beschreibt der Berliner Dramaturg Bernd Stegemann den Angriff auf seine Kohorte, "sollen sich endlich einmal so unfair diskriminiert und ausgegrenzt fühlen", wie es der Buchautorin Passmann täglich widerfahre. Die Alltagsausgrenzung dieser Frau manifestiert sich indes im Bestsellererfolg ihres Buches, wiederholten TV-Talkshow-Auftritten, einer Kolumne im "Zeit-Magazin"; Passmann gehört zum Ensemble des "Neo Magazin Royale" von Jan Böhmermann und moderiert bei WDR-1Live. Vermutlich wäre es so manchem alten weißen Mann nur allzu recht, auf diese Art diskriminiert zu sein.

In der Hemisphäre des liberalen Westens ist die Klage der Frauenbenachteiligung längst zum Etikettenschwindel geronnen. Die Litanei verliert angesichts weiblicher Staatenlenker, Kommissionspräsidentinnen und Zentralbankchefinnen an Glaubwürdigkeit. Um zu verschleiern, dass die Aufstieg von Frauen nicht zwingend an strukturellen Blockaden scheitern, sondern mitunter einfach an mangelnder Befähigung, wurden Bösartigkeiten wider das männliche Geschlecht zum guten Ton eines sich aufgeklärt stilisierenden Milieus in Politik und Medien etabliert.

Chebli - eine "talentierte Frau"?

Da wird im Berliner Tagesspiegel der Machtkampf der SPD-Bewerberin und Senatsstaatssekretärin Sawsan Chebli um eine Bundestagskandidatur mit den Worten kommentiert: "Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli weiß, was sie will und geht Konflikten nicht aus dem Weg. So wie viele Männer das tun. Wo bitte ist das Problem?" Hier wird suggeriert, dass all jene, die Chebli für intellektuell überfordert halten, frauenfeindlich seien und überdies migrationsunfreundlich, da Cheblis Familie aus einem libanesischen Flüchtlingslager stamme. Zusammen mit dem Nebensatz, dass viele Männer Konflikte scheuten, wird ein Bannzirkel um Chebli gezogen, der sie emportragen soll. Dass die Männerbemerkung eine reine Verleumdung ist, weil mindestens so viele Frauen wie Männer sich feige der Auseinandersetzung entziehen, wird dabei allseits geduldet. Würden Frauen in dieser Weise befehdet, brächen Shitstorms los.

In der Süddeutschen Zeitung Online war zur Kampfabstimmung zwischen Chebli und ihrem Regierenden Bürgermeister Michael Müller im Bundestagswahlkreis Charlottenburg zu lesen: "Wird da tatsächlich eine talentierte Frau in der SPD von einem abgehalfterten Mann um einen aussichtsreichen Bundestags-Wahlkreis gebracht?" Später wurde auf der Website der "abgehalfterte Mann" in "langjährigen Amtsträger" abgeändert. Aber das böse Gift entfaltet auch in homöopathischer Dosis seine Wirkung.

Manche Männer meinen, sie seien tatsächlich so gefährlich

Das Abstreiten einer gesellschaftlichen Bevorzugung von Frauen gehört längst zur Machtroutine interessierter Kreise. Sobald oft genug behauptet wird, Männer seien gefährlich, unfähig und überflüssig, glauben es irgendwann sogar die Betreffenden selber. Es war die Feministin Doris Lessing, die bereits 2001 auf dem Edinburgh Books Festival aussprach, was heute kaum jemand wagt: "Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer eigentlich diese Frauen sind, die ständig die Männer abwerten. Die dümmsten, ungebildetsten und scheußlichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun."

Monika Maron
Marons Roman "Artur Lanz" scheucht die emanzipatorischen Feuilletons auf. Foto: dpa

Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron hat ihren jüngsten Roman "Artur Lanz" (S. Fischer) diesem Thema gewidmet. Die 79-Jährige beschreibt, wie das Leben von heute 50plus-Männern schon seit geraumer Zeit "dekonstruiert" wird: "Alles, was bis gestern an ihnen als rühmenswert galt, Kraft, Mut, Entschlossenheit, war im Laufe der Jahre unter den Verdacht geraten, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein." Ihre Romanfigur Artur Lanz "wuchs in den Jahrzehnten dieser weiblichen Selbsterhöhung zum Mann heran". Ihre Geschlechtsgenossinnen schont Maron nicht: "Es sind nicht die klügsten und sympathischsten Frauen, die der Zeitgeist gerade nach oben spült, im Gegenteil, es sind zum Teil garstige Weiber."

Frauenverherrlichung als Angriff auf die Intelligenz?

Dies hat Maron erwartungsgemäß die Missbilligung des stromlinienförmigen Feuilletons im Lande eingebracht. Die "Zeit" glaubt gar entdeckt zu haben, dass die "einst linke Autorin" mittlerweile "der AfD nicht nur in einzelnen Punkten zustimmt". Und fragt: "Lässt sich ihr oft arg reflexhaftes Antoben gegen die Republik der großen Koalition noch unter einen aufklärerischen Widerspruchsgeist fassen?"
Ganz klar, wer die Regierung kritisiert und für Männer votiert, muss verrückt sein oder "Nazi". Auf der richtigen Seite kann nur stehen, wer Frauen bevorzugt. So muten die gegenwärtig frauenverherrlichenden Zeiten nicht nur riskant für Männer an, sondern vor allem verächtlich gegenüber der Intelligenz.

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