Würzburg

Denkmalsturz 2020

Die Herrschaft der Ikonoklasten: Hinter dem Säuberungswahn steht ein falsches Verständnis von vergangenen Ehrungen.

Demonstranten stehen auf der Statue des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill.
Ikonoklastischer Antirassismus, der keinen Zwischenton, kein nachdenkliches Urteil zulässt: Demonstranten stehen auf der Statue des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill. Foto: Kirsty Wigglesworth (AP)

Ein Denkmal findet, so ein Bonmot, genau zweimal größere Beachtung: Wenn es errichtet wird und wenn es gestürzt wird. Üblicherweise werden Denkmäler zu Beginn und nach dem Ende von Diktaturen abgeräumt. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Frage, in welcher Phase wir uns eigentlich gerade befinden. Am Ende der Diktatur des weißen Mannes oder am Beginn der Diktatur der Identitätspolitik von Minderheiten?

Die westliche Geschichte wird verfälscht

In einem wilden Überbietungswettbewerb werfen die Ikonoklasten Namen wie Bismarck, Gandhi, Kant und Jefferson in die Debatte, köpfen vermeintliche und echte Sklavenhändler und Rassisten, besprühen die Standbilder von Entdeckern und Heerführern. Selbst Winston Churchill, der Held des Zweiten Weltkrieges, der Großbritannien in seiner „finest hour“ gegen den Europa im Sturmlauf nehmenden Nationalsozialismus als Vorposten der freien Welt ins Feld führte, findet keine Gnade mehr, zumindest nicht bei einem Mob, dem es darum geht, alle positiven Erinnerungen der westlichen Geschichte zu diskreditieren, umzuschreiben oder auszulöschen.

Sekundiert wird diesem Mob durch postkoloniale Stichwortgeber, die sich die westliche Geschichte als reine Verbrechensgeschichte zurechtfälschen. Sekundiert wird ihm letztlich aber auch von jenem konservativen und liberalen Bürgertum, das sich, zumindest hierzulande, kaum einmal traut, dem Narrativ von der für alles Übel verantwortlichen und alleinigen Schuld des Westens entgegenzutreten.

Die europäische Kolonialgeschichte war wie diejenige anderer Kolonisatoren natürlich eine Geschichte von Krieg, Ausbeutung, Auslöschung von Traditionen, Unterdrückung und Versklavung, aber eben auch eine der Verbreitung von Medizin, Hygiene, Technik und der Errichtung von Infrastruktur, von der Zurückdrängung des Hungers und der Armut und einer langsamen, global nun aber deutlich zu registrierenden Anhebung des Lebensstandards und des Wohlstands. Sie war eine Geschichte der Christianisierung und der paradoxen und zögerlichen, am Ende aber erfolgreichen Verbreitung der Ideen von Rechtsgleichheit und Demokratie, von Teilhabe an europäischen kulturellen Leistungen und ebenso eine Geschichte des Schutzes von indigenen Kulturgütern. Nicht zuletzt bestand der spezifische Beitrag der Briten und Franzosen zum Sklavenhandel am Ende darin, ihn zu verbieten. 

Reduzierung der Personen auf ihre unrühmlichen Rollen

Sklaverei, die Existenz von Unfreien und Leibeigenen, gehörte bis zum 19. Jahrhundert zur Weltgeschichte, und die europäischen Kolonialmächte reihten sich hier in einen breiten Strom ein, der von der griechisch-römischen Antike über die Sklaverei bei den Azteken und nordamerikanischen Indianern, über weite Teile Asiens und Afrikas bis zur islamischen Welt reichte. Wenn man allerdings nicht in der Lage ist, diese Ambivalenzen auszuhalten und zusammenzudenken, sollte man sich ein anderes Hobby als Geschichte suchen. Diese Ambivalenzen zeigen sich auch in den Biographien der meisten durch Denkmäler Geehrten. Wie sollte es anders sein? Blicken wir auf das jüngste Großdenkmal von Karl Marx in seiner Geburtsstadt Trier. Die fünfeinhalb Meter hohe Statue war ein Geschenk der Volksrepublik China zum 200. Geburtstag des berühmten Sohnes der Stadt. Die „Kolossalstatue“ (Hubertus Knabe) wurde wenig kritisiert, und wenn, dann gerieten vor allem die chinesische Menschenrechtspolitik und damit die Stifter der Statue in die Kritik. Die Würdigung von Marx selbst war kein Thema. Wird hier ein Makelloser geehrt? Dann müsste man ausblenden, dass Marx Gewalt und die Diktatur postulierte und mittelbar zum Ahnherrn des Totalitarismus im 20. Jahrhundert geworden ist.  Man müsste auch seinen offenkundigen Antisemitismus und Rassismus eskamotieren.

Anders als im Falle von Marx werden bei den abgeräumten oder kritisierten Denkmäler wie die in den Hafen Bristols geworfene Statue des wohltätigen Stifters Edward Colston oder das nun in London abgeräumte Standbild des Kaufmanns Robert Milligan die Porträtierten auf ihre unrühmlichen Rollen, in diesem Fall denjenigen von Sklavenhändlern, reduziert. Ähnlich ergeht es auch dem Pazifisten Gandhi, der auf seine Auffassung von der indischen Überlegenheit gegenüber den Schwarzafrikanern verengt wird und Churchill, dessen Zeit als Offizier in britischen Kolonialkriegen und Kolonialminister als ausschlaggebend für die Gesamtwürdigung angesehen wird.

„Die (...) Kriminalisierung der Ahnen ist in
der Tat etwas spezifisch Heutiges, freilich eher ein moralischer
Tiefpunkt im Umgang mit der Vergangenheit“

Hinter dem Säuberungswahn steht ein falsches Verständnis von vergangenen Ehrungen, als müsse jede einzelne von ihnen von einem „plebiscite de tous les jours“ getragen werden, wie es Ernest Renan als Existenzgrundlage der Nation postulierte. Die Monumente sollen den Dargestellten ehren und im Gedächtnis eines Gemeinwesens präsent halten. In der Geschichtswissenschaft spricht man daher von Traditionsquellen, das heißt die Urheber dieser Quellen, der Denkmäler, wollen etwas der Nachwelt überliefern. Zugleich gehören diese Monumente aber auch in die zweite Quellenkategorie der Überreste, denn sie überliefern unabsichtlich die Wertpräferenzen und die Weltanschauungen des Gemeinwesens zur Zeit der Errichtung des Denkmals. Diese wandeln sich und so wandelt sich auch die Sicht auf den Geehrten. Ein neues Kriegerdenkmal ist in unserer pazifistischen Gesellschaft nicht mehr denkbar. Heißt das aber, dass deswegen alle früheren abgeräumt werden müssen? Das gliche der Situation in George Orwells Dystopie „1984“, in welcher Heerscharen von Zensoren damit beschäftigt sind, die Geschichte permanent umzuschreiben und auf die neuen Parolen des „Big Brothers“ hin zu konstruieren. Es würde einem permanenten Verdammungsurteil über die Vorfahren gleichkommen und voller Hybris imaginieren, moralisch tagesaktuell überlegen zu sein. Die damit einhergehende Kriminalisierung der Ahnen ist in der Tat etwas spezifisch Heutiges, freilich eher ein moralischer Tiefpunkt im Umgang mit der Vergangenheit.

Die Empörung lässt gegenüber echtem Rassismus abstumpfen

Eine weitere ungute Implikation des derzeitigen ikonoklastischen Antirassismus, der keinen Zwischenton, kein nachdenkliches Urteil zulässt, ist bisher noch nicht beachtet worden. Die Empörung über rhetorische Großverbrechen wie der Frage nach der Herkunft eines farbigen Gesprächspartners verdeckt die tatsächliche Drastik des Rassismus, wie er etwa in amerikanischen Schulen und Ortschaften des Südens noch in den sechziger Jahren zu finden war. Wer kleinste Ausschläge auf einem immer empfindlicher justierten Empörungsbarometer zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit stilisiert, ebnet die Abscheulichkeiten des echten Rassismus ein, lässt das Publikum in einer Welt des angeblichen omnipräsenten strukturellen Rassismus abstumpfen. Er engt den Rassismus zudem auf ganz spezifische Verhältnisse ein. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gegen Alte, Weiße, Männer, Deutsche, Christen, Asiaten oder wie den etwa hierzulande häufig anzutreffenden Rassismus und Antisemitismus unter Flüchtlingen werden als nicht existenzmöglich in Abrede gestellt, was seinerseits eine der schlimmsten Formen rassistischer Blindheit darstellt.

Natürlich darf und soll eine Bürgerschaft über ihre Denkmäler debattieren. Und es gibt Fälle, in denen alte und neue Denkmäler der Mehrheit, und diese ist nun mal in Demokratien bestimmend, nicht lautstarke Minderheiten, nicht (mehr) als akzeptabel erscheinen. Dass etwa in Gelsenkirchen nun eine Lenin-Statue durch die linksextremistische Partei MLPD errichtet werden wird, erscheint schwer mit den Grundüberzeugungen unseres Gemeinwesens vereinbar. Und tatsächlich kann man, nachdem die Spuren der nationalsozialistischen Herrschaft sehr gründlich und diejenigen der DDR weniger gründlich beseitigt worden sind, über die heute noch verbliebenen Straßennamen und Denkmäler, die an Kolonisatoren erinnern, diskutieren. Diese Diskussion sollte aber vom Willen zum differenzierten Wissen, von Ambiguitätstoleranz, Respekt für die Leistungen vergangener Epochen wie einer kritischer Sicht darauf bestimmt sein. Vor allem sollten alle, die sich noch für bürgerlich halten, dem Furor jener emotionsgesteuerten Bilderstürmer endlich lautstark und deutlich Einhalt gebieten, deren geistige Vorfahren nach der Oktoberrevolution das Danilow-Kloster zu einer Regenschirmfabrik umfunktioniert, 1936 in Leipzig das Denkmal Felix Mendelssohn-Bartholdys demontiert und 2001 die Buddha-Statuen von Bamiyan gesprengt haben.

Der Autor ist Professor für Neueste Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

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