Wien

Weisheit ist der Schlüssel

Das Wiener RPP-Institut sucht Wege durch das Dickicht des digitalen Daseins.

Sokrates
Wo fände Sokrates heute eine Gemüsefrau, bei der seine Suche nach dem Sinn tatsächlich an ihr Ziel kommt? Foto: dpa

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz neigt nicht dazu, Erkenntnis in homöopathischer Dosierung zu verabreichen. Sie teilt mit dem großen Suppenschöpfer aus: „Weisheit weist durch das Labyrinth, durch das Dickicht des Daseins. Weisheit muss kämpfen in Gefahren, darf nicht abgeklärt daherkommen. Weisheit muss dem Ursprung – dem königlichen Ursprung, von dem wir sind – wieder nahekommen. Weisheit ist der Schlüssel: Sie macht das Geheimnis bewohnbar.“ Weisheit sei der Weg zum Ziel des Lebens: „Die Seele nimmt Witterung auf auf das Lebenswerte.“

Bei der Weisheit und Verblödung gewidmeten Fachtagung des „Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) am Samstag in Wien nutzte die in Heiligenkreuz lehrende Philosophin ihre Stunde, um die Psychozunft sprachmächtig in höhere Sphären des Nachdenkens zu führen. Erst die etymologische Verwandtschaft von „sapientia“ (Weisheit) und „sapor“ (Geschmack) lässt verstehen, „warum Weisheit schmeckt und Blödheit nicht“. Oder wie Bernhard von Clairvaux formulierte: „Dem Weisen schmecken die Dinge, wie sie sind.“

Weisheit heißt, den Dingen auf den Grund kommen – dorthin also, wo das Fragen aufhört. Als Beispiel nannte Gerl-Falkovitz Sokrates, der eine Gemüsefrau auf dem Markt von Athen fragte, warum sie Gemüse verkaufe. Ihre Antwort war: „Um Geld zu verdienen.“ Warum sie Geld verdienen wolle. „Um meine Kinder zu ernähren.“ Warum denn das? „Weil ich sie liebe.“ Da schwieg der Philosoph. Die Suche nach dem Sinn war an ihr Ziel gekommen. „Klarheit allein ist nicht genug: Die Wahrheit muss auch schmecken“, so Gerl-Falkovitz.

So sei Selbsterkenntnis auch nicht bloße Selbstkritik, sondern „Geschmack an sich selber finden“. Weisheit gebe nicht sparsam, sondern reichlich „Geschmack am Leben“.

Heute aber lebe der Mensch in einer sekundären Welt, in der die Sinnlichkeit der Welt nicht mehr anstrengt, nicht mehr sinnlich ergriffen wird, nicht mehr schmeckt. „Hier liegt der Hase der spätmodernen Lebenswelt im Pfeffer“, so die Philosophin. Fiktionalität verdränge Sinnlichkeit, doch habe die Wirklichkeit stets überschießende Qualität gegenüber der Information. Es gebe eine „Weisheit der Natur“, darum müsse der Mensch nicht alles im eigenen Kopf lesen und lösen.

Woher rührt nun die Verblödung, die bei der RPP-Tagung zwei prominente Psychiater diagnostizierten? „Durch die Digitalisierung Mitte der 1990er Jahre haben wir die Kindheit abgeschafft. Aus Kindern wurden kleine Erwachsene“, sagte der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Weil Erwachsene es versäumten, Kindern eine psychische Entwicklung abzuverlangen, blieben diese im frühen Entwicklungsalter stehen.

Das Internet mache Kinder orientierungslos, weil es auf jede Frage tausend Antworten gebe. Kinder jedoch bräuchten klare Orientierung. Letztlich ein Problem der Erwachsenen: Die nämlich sind laut Winterhoff bedürftig geworden, haben verlernt, das Verhalten der Kinder zu hinterfragen und ihnen Orientierung zu geben. Schuld sei das Smartphone: „Erwachsene geraten in den Zustand der Reizüberflutung. Sie können nicht mehr über ihre Psyche verfügen, sondern reagieren nur noch.“

Scharf kritisierte Winterhoff den deutschen Bildungsnotstand: Im Irrglauben, die Schule müsse Kinder auf das digitale Zeitalter vorbereiten, habe man auf „autonomes Lernen“ gesetzt und Warnungen der Pädagogen in den Wind geschlagen. Seither herrsche an Schulen „Chaos pur: das verhaltensauffälligste Kind regiert“. Immer mehr Kinder seien arbeits- und beziehungsunfähig. „Wir verblöden sie!“, so das Fazit des Fachmanns. Die Erwachsenen, die „zu Sklaven der Digitalisierung“ wurden, will Winterhoff ohne Handy in den Wald oder in die Kirche schicken. Begründung: „Kinder brauchen Eltern, die in sich ruhen. Aber die meisten Eltern sind auf Speed!“

Zurück also zur Weisheit, die der RPP-Gründer, Psychiater und Bestsellerautor Raphael Bonelli als „Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zur Selbstdistanz und zur Empathie“ beschrieb. Im Weiterdenken von Sigmund Freud beschrieb Bonelli Selbsterkenntnis als Weg in die Freiheit; Verdrängung und Selbstbetrug jedoch als Weg in die Unfreiheit. „Ein Mensch ohne Werte kann sich nicht nach oben entwickeln.“ Ziel der Therapie sei nicht der leidenschaftslose Mensch: Der wahre Mensch unterdrücke nicht seine Bauchgefühle, sondern bringe Kopf (das Wahre), Herz (das Gute) und Bauch (das Schöne) in Harmonie.