Alleinerziehende

Medizin mit ganz viel Nächstenliebe

„Kinder sind das Wichtigste, was wir haben! Da muss man investieren“, sagt Martin Köhne, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Alexius/Josef Krankenhauses in Neuss. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie baut für Alleinerziehende eine ganz besondere Station auf.
Foto: Rocco Thiede | Martin Köhne will Alleinerziehende mit Kindern in psychisch belastenden Situationen auffangen.

Wir behandeln im Alexius/ Josef-Krankenhauses in Neuss junge und alte Menschen, Suchtkranke, traumatisierte junge Frauen, Menschen mit Borderline-Störungen sowie Depressionen, aber auch demente Patienten sowie alleinerziehende Mütter oder Väter mit Kindern, die schwierige Situationen hinter sich haben“, erklärt Martin Köhne, der ärztliche Direktor und Geschäftsführer.

Sein katholisches Krankenhaus gehört zur Augustinus-Gruppe und versorgt fast eine halbe Million Menschen. Zum Einzugsgebiet gehören neben dem von römischen Soldaten vor über zwei Jahrtausenden gegründeten Novaesium, dem heutigen Neuss am linken Rheinufer gegenüber von Düsseldorf, auch kleinere Städte wie Meerbusch, Grevenbroich oder Dormagen. „Wer sich die städtisch-ländliche Region hier anschaut, stellt fest: Wir sind ein kleines Abbild von Deutschland, denn mit etwa 500 000 Menschen bilden wir ein 160stel der Bundesrepublik ab“, erklärt der Katholik Martin Köhne.

Familiäre Dramen zuhauf

Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. Studiert hat er in Göttingen und dort an der Uniklinik seine ersten Berufsjahre in der Neurologie verbracht. Dann wechselte er in die Universitäts-Psychiatrie nach Münster, wo er einige Jahre als Oberarzt praktizierte. Im Abschluss ging Köhne als leitender Arzt in eine Forensische Klinik. Dort habe er „familiäre Dramen zuhauf“ kennengelernt. In dieser Schwerpunktklinik für Suchterkrankungen, waren Menschen nach Paragraph 64 untergebracht. Die forensische Psychiatrie ist für die Begutachtung von Straftätern und die Umsetzung des Maßregelvollzugs zuständig. Suchtkranke Straftäter werden hier im Rahmen einer Entgiftungs- und Entziehungskur behandelt.

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1999 nahm Köhne ein Angebot einer psychiatrischen Klinik mit 180 Betten in Krefeld an und modernisierte sie. Fünf Jahren später ging er nach Neuss und begleitete die Fusion der beiden Krankenhäuser St. Alexius und St. Josef. Heute verfügt die Klinik über 355 stationäre Betten und sechs Tageskliniken mit etwa 90 Plätzen. Hier arbeiten 80 Ärzte, darunter Fachärzte für Psychiatrie und 30 Psychotherapeuten. „Wir sind ein Krankenhaus der Maximalversorgung für Psychiatrie und ein Akut-Krankenhaus für psychiatrische Notfälle. Durch das Einzugsgebiet von fast 500 000 Einwohnern ist die Inanspruchnahme unseres Hauses enorm.“

Ein Projekt für Alleinerziehende

Mit Professor Matthias Franz, einem führenden Bindungsforscher, holte sich Martin Köhne vor wenigen Monaten einen Spezialisten des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) ins Haus, der als leitender Psychosomatiker in Neuss ein besonderes Projekt für Alleinerziehende unter dem Namen „wir2“ implementieren soll. „Wir erleben immer wieder die schwierige Situation von Alleinerziehenden und behandeln aktuell Mütter mit Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren.“ Das machen Köhne und seine Mitarbeiterinnen, „um Situationen, die sich draußen entwickelt haben, auch ein Stück weit zu entschärfen, damit die Mütter zur Ruhe kommen“. Mit dem „wir2“-Konzept verfolgt er das Ziel, „dass alles noch systematischer und stringenter verläuft, weil der Bedarf bei uns hier in der Region recht hoch ist“.

Köhne hat viele Menschen aus Trennungsfamilien erlebt und selbst paartherapeutisch behandelt. Die Gruppe der Alleinerziehenden wird in Deutschland immer größer. Laut Statistischem Bundesamt leben in der Bundesrepublik mehr als 1,5 Millionen alleinerziehende Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern. Trennungs- und Scheidungskinder haben in ihrem jungen Leben oft sehr belastende Erfahrungen gemacht, denn die Trennung ist in der Regel ein Schritt nach einer längeren Beziehungskrise. Und nicht immer ist es danach wirklich ruhiger im Leben der Betroffenen. „Aktuell spiegelt sich die Problematik in unserem Hilfesystem so nicht wider, wie sie sich eigentlich widerspiegeln müsste. Deshalb ist ein Bindungsprogramm, wie ,wir2' so wichtig“, erklärt der Psychiater Köhne. „Wenn die psychisch belastenden Situationen bei Müttern und Kindern nicht gut aufgefangen werden, kann es in späteren Jahren sehr dramatisch werden.“

Schwieriges Finanzierungssystem

Schwierig sei das aktuelle Finanzierungssystem. Wenn Mütter mit Kindern zusammen aufgenommen werden, bekommt die Klinik für die Mutter einen Tagessatz, jedoch nicht für die Kinder. „Das ist kein Geschäft, wo man eine ausgeglichene Rechnung als Krankenhausträger hat“, betont Köhne. Deshalb sei es so wichtig, nach solide finanzierten Konzepten zu suchen, wo Kinder und Mütter oder Kinder und Väter zusammen aufgenommen werden können. Mit der Unterstützung der gemeinnützigen Walter Blüchert Stiftung aus Gütersloh konnte ein solcher Partner gefunden werden, so dass im Frühjahr 2022 eine spezielle Station für diese Gruppe als Pilotprojekt eröffnet werden kann.

In Neuss soll demnächst ein Leuchtturmprojekt für Alleinerziehende entstehen, „um Mütter und Väter in schwierigen Lebenslagen mit Trainings und mit psychotherapeutischen Hilfen zu unterstützen. „Unser Haus ist sehr modern aufgestellt. Wir planen ein System, das Behandlungsräume und als Rückzugsraum eine gute Privatsphäre bietet. Das heißt, den Müttern werden Schlüssel für ihre Zimmer ausgehändigt, so dass eine gewisse Privatsphäre in der Klinik aufrechterhalten werden kann.

Drei Ordensschwestern bilden die Werteinstanz

Mit einer stringenten und abgestimmten Behandlungskette soll künftig die Akutbehandlung mit den bewährten Elementen des „wir2“-Bindungstrainings vernetzt werden. Im Moment werden dafür sechs Fachkräfte gecoacht. „Wir machen das immer so, dass wir Mannschaften ausbilden. Es ist nicht ein einziger oder eine, die das Wissen hat, sondern mehrere Therapeuten und Pflegekräfte, so dass das Wissen auf einer Station gebündelt ist.“

In seinem privaten wie beruflichen Umfeld ist Martin Köhne vielen Alleinerziehenden begegnet. „Persönlich, ja klar, kennt man viele Betroffene, überwiegend junge Frauen mit Kindern.“ Aber er muss nicht auf die Patientenseite schauen, sondern bei 700 Mitarbeiterinnen kennt er einige junge Krankenschwestern, die diese Herausforderungen täglich stemmen müssen. „Alleine das Geld verdienen und alleine ein Kind erziehen müssen – das ist sehr schwierig.“

Alleinerziehende fühlen sich von der Gesellschaft oft alleingelassen, weil es nicht einfach ist, die richtigen Hilfsangebote zu finden. „Das müsste transparenter werden“, meint auch Köhne. Unsere Gesellschaft sei nicht schlecht aufgestellt, aber viele fragen: Wo bekomme ich Hilfe? Wichtig sei für diese Gruppe auch eine finanzielle Sicherheit. „Kinder sind das Wichtigste, was wir in unserer Gesellschaft haben! Da muss man investieren“, fordert der Mediziner. Umzudenken bleibe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch politisch seien neue Handlungsräume gefordert: „Da gibt es mehr Möglichkeiten, und ich glaube, es muss anders verteilt werden.“

Verlässlicher katholischer Partner

Als Geschäftsführer eines konfessionellen Krankenhauses sieht sich Köhne in einer besonderen Verantwortung. „Wir sind seit mehr als 500 Jahren hier, und meine Vor-Vor-Vorfahren, die haben in ihrer Zeit viel Gutes geleistet. Wir stehen in einer langen Tradition und sind als katholischer Anbieter ein verlässlicher Partner.“

Noch gibt es drei Ordensschwestern im Alexius/Josef Krankenhaus. Sie spielen „als moralische Werteinstanz eine gewisse Rolle, wirken aber im Hintergrund“. Der Ansatz im Alexius/Josef Krankenhaus sei „humanistisch und christlich, mit ganz viel Nächstenliebe“, sagt Martin Köhne und stellt klar: „Die Konfession spielt bei all den Menschen, die wir behandeln, überhaupt keine Rolle. Es geht um das Mitmenschliche – unser Herz, unser Ursprung, der kommt aus dieser Christlichkeit.“

 

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