Kinder

Kinderbetreuung auf dem Prüfstand

Ob und ab wann Kinder fremdbetreut werden sollen, ist seit Jahrzehnten heftig in der – oft ideologisch geführten – Diskussion. Stand der Bindungsforschung, Situation in Deutschland und Österreich sowie mögliche Alternativen zur staatlichen Krippenbetreuung sind Thema einer dreiteiligen Serie auf der Familienseite der „Tagespost“. Teil 1 .
Kinderkrippe
Foto: Patrick Seeger (dpa) | Besonders der Kindergarten-Aufenthalt über Mittag ist für Kleinkinder anstrengend.

September 1999. Nie werde ich den Tag vergessen, als meine älteste Tochter Caroline, damals dreieinhalb Jahre, ihren ersten Kindergartentag hatte. Ihr bitterliches Weinen beim Abschied hat mich noch Stunden verfolgt. Mit Tränen in den Augen bin ich ins Büro gefahren, als der „erlösende“ Anruf der „Kindergartentante“ kam (damals durften wir noch „Tante“ sagen, heute nennen die Kinder die Pädagoginnen nurmehr beim Vornamen): Caro hatte schon nach fünf Minuten mit anderen Kindern gespielt. Ich war wohl auch deshalb so betroffen, weil ich offensichtlich einen „Flashback“ zu meinem eigenen ersten Kindergartentag hatte. Frei und unbeschwert bei meiner geliebten Großmutter auf dem Land aufgewachsen kam ich „erst“ mit vier Jahren in den Kindergarten. Auf dem Weg dorthin bin ich mit dem Kopf gegen einen Laternenmast gedonnert und kam mit einer dementsprechenden Beule im Kindergarten an. Vollkommen fassungslos habe ich die „Tante“ jede Stunde gefragt, wann ich abgeholt würde. Dann kam der härteste Teil: ich musste schlafen und zum Essen gab es Erbsen mit Karotten. Unnötig zu erwähnen, dass dieses Gericht seither nie mehr auf meinem Speiseplan stand. Fairerweise muss ich aber erwähnen, dass meine anderen vier Kinder alle ohne Probleme in den Kindergarten gegangen sind. Wohl auch deshalb, weil ihre Geschwister zur Verstärkung da waren und alle Kinder noch vor dem Mittagessen abgeholt wurden, also nur kurze Stippvisiten im Kindergarten gemacht haben – gerade so viel, dass es pädagogisch wertvoll ist. War ich beruflich verhindert, kamen – und das empfinde ich als Gnade und großes Privileg – Großmütter und Aupairmädchen zum Einsatz, letztere allerdings mit unterschiedlichem Erfolg.

Mit 14 Monaten in die Krabbelstube

September 2021. Meine kleine Enkeltochter wird mit gerade einmal 14 Monaten in der Krabbelstube eingewöhnt, mir bricht fast das Herz. Soweit es mir als Selbstständige möglich ist, hole ich Valerie immer zu Mittag ab. Beide Eltern arbeiten im Rettungsdienst, die Arbeitszeiten sind maximal familienunfreundlich, der Wiedereinstieg der Mutter war aber aus verschiedensten Gründen unerlässlich. Die Eingewöhnung in der Kita wurde sehr sanft vollzogen: Über einen Monat hinweg, am Anfang noch in Anwesenheit der Eltern, dann stundenweise ohne Mama und Papa hat Valerie sich langsam an die altersgemischte Gruppe gewöhnen können. Sie war schon immer ein sehr kommunikatives Kind und hat schnell Anschluss gefunden. Auch verbringt sie immer nur einige Stunden in der Woche im Kindergarten. Wenn die Eltern getrennt oder gemeinsam unter der Woche frei haben, bleibt sie nur drei Stunden im Kindergarten oder überhaupt zu Hause, den Rest der Zeit verbringt sie bei mir und der anderen Großmutter.

Warum beschreibe ich den Alltag so episch breit? Weil es zeigen soll, dass die theoretisch geführte Diskussion über Kinderbetreuung leider sehr oft fern der Realität stattfindet und einem Klischee vom Familienleben entspricht, das den Anforderungen des Alltags und der Arbeitswelt nicht entspricht. Die vielbeschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die den familiären Alltag erleichtern soll, gibt es in Wirklichkeit nicht. Oder, wie es der deutsche „Verband Familienarbeit e.V.“ in seinem neuesten Faltblatt formuliert: „Kein Mensch kann gleichzeitig an zwei Orten anwesend und tätig sein. Da-Sein ist nicht teilbar. Die natürlichen Lebenskreise von Eltern und Kind werden durch ständige Zeitnot empfindlich gestört.“

Kleinkinder und der Stresspegel

Fünf Tage in der Woche ganztags Kleinkinder in eine Kinderkrippe zu geben, bedeutet unendlichen Stress für diese. Wie kann man eigentlich feststellen, ob ein Kleinkind in der Krippe unter Stress steht? Auch wenn sich Kinder äußerlich vollkommen unauffällig verhalten, heißt das nicht, dass es ihnen psychisch gut geht. Stress ist objektiv feststellbar, indem man den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Speichel misst. Bereits 1998 wurde dies im Zuge der Day-Care-Cortisol-Studien in den USA untersucht. Die Studien kamen zum Ergebnis, dass selbst bei höchster Betreuungsqualität bei 75 Prozent, bei „nur“ gehobener Qualität sogar bei fast 100 Prozent der unter drei Jahre alten Kinder die Cortisolwerte erhöht waren. Diese Ergebnisse wurden 2006 durch die Metaanalyse von neun Studien der niederländischen Psychologen Harriet J. Vermeer und Marinus van IJzendoorn bestätigt. Man fand heraus, dass die Krippenbetreuung für die Mehrheit der Kinder einer hohen Anstrengung gleicht. Sie weisen eine chronisch zu hohe Stressbelastung auf, wie dieser etwa auch bei Spitzenmanagern zu finden ist.

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Die Langzeitfolgen einer zu hohen frühen Stressbelastung wurden im Rahmen der amerikanischen NICHD-Studie untersucht. Die multivariate, mehrere statistische Variablen gleichzeitig untersuchende Langzeitstudie des „National Institute of Child Health and Development“ beobachtete 1300 Kinder im Zeitraum von 1991 bis 2016 unter Beteiligung von zehn Universitäten. Ergebnis: Die zeitintensive Krippenbetreuung wirkt sich unabhängig von allen anderen Faktoren, die ein Kinderleben beeinflussen können, negativ auf die sozio-emotionale Kompetenz aus. Je früher und je länger Kleinkinder während der Woche institutionell betreut wurden, desto stärker zeigten sie später „dissoziales“ Verhalten. Die Verhaltensauffälligkeiten lagen zwar im moderaten Bereich, aber ein Viertel der ganztags betreuten Kleinkinder zeigte bereits im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten im klinischen Risikobereich.

Studie von Margit Averdijk

Die gleichfalls multivariate Studie von Margit Averdijk vom Institut für Soziologie in Zürich an 1 000 Kindern kam 2011 zu den gleichen problematischen Ergebnissen. Volksschulkinder mit früher Krippenerfahrung etwa neigten zu depressiven und aggressiven Verhaltensauffälligkeiten. Die Bindungsforscherin Karin Grossman schlussfolgerte bereits 1999: „Aus der Sicht der Bindungstheorie muss man die ganztägige Betreuung von Kindern unter drei Jahren in Gruppen mit größter Skepsis sehen.“

Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld schreibt, die vorzeitige Trennung – also dann, wenn ein Kind noch nicht dazu in der Lage ist, das Gefühl der Bindung eigenständig aufrechtzuerhalten – sei eines der am schwersten wiegenden seelischen Traumata, deren Folgen unter anderem eine seelische Verhärtung sei: Der Mensch gestattet sich keine Gefühle mehr, um nie wieder so verletzt werden zu können. Oder er ist zu allen nett, aber unverbindlich, damit er nicht erneut durch eine Trennung leiden muss.

Von eigenen Erfahrungen geprägte Debatte

Interessant, zu welchem Ergebnis der Berliner Soziologe und Geschäftsführer der „Deutschen Liga für das Kind“, Jörg Maywald, kommt: „Kaum ein anderes politisches Thema ist so sehr geprägt von den eigenen Erfahrungen wie die Debatte über frühkindliche Betreuung“. Maywald hat Expertenmeinungen und Studienergebnisse in einer Untersuchung zusammengeführt und stellt fest: Ein eindeutiges Votum pro oder kontra Krippenbetreuung gibt es nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass die außerhäusliche Betreuung von Kleinstkindern sowohl in Österreich als auch in Deutschland von nahezu allen politisch relevanten Kräften forciert wird, ungeachtet der vorliegenden Studien. Gerade bei dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei dem Kinder(fremd)-betreuung ein wesentlicher Faktor ist, besteht eine unheilige Allianz zwischen Gewerkschaften und Wirtschaftsvertretern. Beide wollen Frauen und Mütter möglichst bald nach der Geburt ihrer Kinder wieder am Arbeitsmarkt sehen, die einen aus vermeintlich emanzipatorischen Gründen, die anderen, weil Frauen am Arbeitsmarkt einfach gebraucht werden.

Die sogenannte family-work balance stellt auf den Bedarf der Wirtschaft ab, treibt Frauen und Mütter in eine kaum zu bewältigende Dreifachbelastung und vergisst das Wohl und die Bedürfnisse unserer Kinder. Neue Lösungsansätze für die Zukunft unsrer Kinder sind dringend gefragt.

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