Psychiatrie

Der Schutzfaktor Familie hilft in der Krise

Kinderpsychiatrien sind überlastet. Starken Familien und aufmerksamen Eltern kommen eine wichtige Rolle in der Prävention psychischer Krankheiten zu. Zuversicht vermitteln ist wichtig.
Familie mit sieben Kindern
Foto: Waltraud Grubitzsch (ZB)

Berichte über heillos überlastete Kinder- und Jugendpsychiatrien in Bayern haben im November für einige Aufmerksamkeit gesorgt. Auch wenn die Belastung aufgrund der jeweils vorhandenen Bettenkapazitäten je nach Bundesland recht unterschiedlich ist, machen sich die Auswirkungen der Lockdowns auf Kinder und Jugendliche überall deutlich bemerkbar. Schulschließungen, Mangel an sozialen Kontakten und eine dauerhaft angsterfüllte Atmosphäre hinterlassen ihre Spuren in den jungen Gemütern. Im Gespräch mit der „Tagespost“ erklärt Ekkehart Englert, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Erfurt: „Bundesweit gibt es eine wesentlich häufigere Inanspruchnahme sowohl von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und Psychiatern im ambulanten Bereich als auch von Kliniken.

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Rolle der Familie

Der Schweregrad der Störungen hat zugenommen; auch dies ist deutschlandweit durch wissenschaftliche Studien belegt.“ Dies betreffe vor allem Angststörungen und Depressionen. „Wir haben massiv verzweifelte Kinder und Jugendliche und schwerstdepressive Patienten, die bereits mit 11 oder 12 Jahren mit Suizidphantasien zu kämpfen haben“, so Englert. Auch Kinder mit einer Tendenz zu sozialen Ängsten seien durch den Lockdown erst recht aus den schulischen Kontakten und anderen sozialen Bezügen herausgerissen worden, was zu einem breiten Anstieg von Angststörungen geführt habe.

Eine kürzlich erschienene SINUS-Studie im Auftrag der „Deutschen Kinder- und Jugendstiftung“ hat die hohe Bedeutung von Familie und Freundeskreis in der Bewältigung der Krise herausgestellt. 67 Prozent der befragten Jugendlichen hat angegeben, ihnen helfe ihre Familie im Umgang mit der Krise. Auch Englert bestätigt, dass ein starkes familiäres Umfeld und ein tragendes soziales Netzwerk zu den wichtigsten Resilienzfaktoren zählen. „Krisensituationen verstärken die Kontraste. Diejenigen, die schon vor der Krise aufgrund von familiären und psychischen Problemen zu den Benachteiligten zählten, sind die, die am stärksten in Krisensituationen geschädigt werden.“

Kindern und Jugendlichen Zuversicht vermitteln

Um präventiv tätig zu werden, sei es entscheidend, dass Eltern versuchen, ihren Kindern Zuversicht, Vertrauen in die Zukunft und eine positive Weltsicht vermitteln. Gerade Jugendliche bräuchten viel positive Verstärkung und Ansporn. Katastrophal sei es für junge Menschen, „wenn in der Familie alle nur noch am Jammern sind, wie furchtbar alles ist“.  Auch Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, betont im Gespräch mit der „Tagespost“ die Rolle der Eltern in der Prävention. Am wichtigsten sei es, aufmerksam zu sein und viel mit seinen Kindern zu kommunizieren. Auch müssten kreative Lösungen gefunden werden, um die sozialen Kontakte nach außen aufrecht zu erhalten. Eine große Hilfe sei es auch, selbst in Lockdown und Quarantäne einen geregelten Tagesablauf beizubehalten, „trotzdem früh aufstehen, sich trotzdem zum Essen gemeinsam an den Tisch setzen, gewisse Abläufe beibehalten, auf körperliche Bewegung achten“.

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Maske appelliert an die Politik: „Schulen und Kitas dürfen nicht mehr geschlossen werden. Das ist die absolute Priorität.“ Die Jugend selbst sei nicht gefährdet; die Wahrscheinlichkeit, selbst schwer an Corona zu erkranken, absolut gering. Die Schulen seien zum Schutz der Älteren geschlossen worden, die sich aber mittlerweile schützen konnten, weshalb jetzt keine weiteren Schließungen mehr erfolgen dürften.

Schlusslicht Bayern


Im November hat die Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie eine Statistik zu den vollstationären Bettenkapazitäten in Kinder- und Jugendpsychiatrien herausgegeben. Da die Krankenhausplanung in Deutschland Ländersache ist, gibt es hier große Differenzen. Was die Anzahl von kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlungsbetten angeht, bildet Bayern mit 3,61 Betten pro 10 000 Einwohner das Schlusslicht, dicht gefolgt von Baden-Württemberg. In Thüringen existieren fast dreimal so viele Betten, trotzdem sei auch hier die Auslastung in Krisenzeiten grenzwertig, so Englert. Die starken Unterschiede in den Behandlungskapazitäten liegen laut dem Chefarzt auch an den Strukturen: „In Bayern und Baden-Württemberg sind die Mehrzahl der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken meist noch in Landeshand und werden dadurch hin und wieder Opfer von finanziellen Interessenskonflikten. In Thüringen herrscht dagegen höhere Trägervielfalt.“

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