Corona & Psyche

„Covid nimmt Kindern das Du“

Papst Franziskus fordert die Jugend auf, nach der Corona-Krise nun ein „neues Kapitel der Menschheitsgeschichte“ aufzuschlagen. Aber haben Kinder und Jugendliche dazu jetzt die Kraft? „Die Tagespost“ sprach mit dem österreichischen Kinder- und Jugendpsychiater Bernhard Lindbichler über psychische Schäden bei Kindern und Jugendlichen

Von Stephan Baier

Trauriges Mädchen
Foto: Nicolas Armer (dpa) | Die Politischen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung stellen für die Bevölkerung eine enorme psychische Belastung dar. Besonders Kinder und Jugendliche sind davon betroffen.

Herr Dr. Lindbichler, Kinder und Jugendliche sind durch Covid-19 medizinisch wenig, psychisch aber hochgradig gefährdet. Warum ist das so?

Diese Analyse stimmt auf jeden Fall. Der Alltag der Kinder und Jugendlichen hat sich stark verändert. Das Virus zwingt uns, Abstand zu halten, aber gerade für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen sind soziale Kontakte enorm wichtig. Kinder brauchen Vorbilder, die ihnen die Welt erklären und verfügbar machen. Das Virus nimmt ihnen das Du, an dem sie wachsen können.

Was macht die Corona-Krise mit Kindern und Jugendlichen, die schon bisher psychisch gelitten haben, etwa an Depressionen oder Ängsten?

Ihnen geht es jetzt noch viel schlechter. Ohne Corona würde man therapeutisch versuchen, bei ihnen eine Tagesstruktur aufzubauen, die Ernährung richtig einzustellen, Sozialkontakte oder ein Vereinsleben zu aktivieren. Das war jetzt lange unmöglich. Wer bisher Schulängste hatte, etwa wegen Mobbing-Situationen, hat das Homeschooling vielleicht genossen. Wer aber gerade dabei war, seine Wirkung auf andere zu erproben oder in einem Vermeidungsverhalten war, ist jetzt ganz schwer wieder in den normalen Schulalltag zu bringen. Viele freuen sich, dass wieder Möglichkeiten bestehen, sich zu treffen. Aber Sozialphobiker dümpelten zwei Jahre vor sich hin und können jetzt keine Sozialkontakte entwickeln. Dadurch ist die Schere der Entwicklung im Vergleich zu den Gleichaltrigen weiter auseinander gegangen und der Anschluss in die Gleichaltrigengruppe oder Klassengemeinschaft ist für diese Jugendlichen noch schwerer geworden.

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Manche Medien und Politiker machten den Kindern zusätzlich Angst mit der Botschaft, sie müssten aus Rücksicht auf die vulnerablen Älteren jetzt Verantwortung übernehmen. Wachsen da Schuldgefühle und Ängste?

Grundsätzlich besteht eine große Solidarität der Jungen mit den älteren Generationen. Aber es gab natürlich die Sorge, andere anzustecken und die Infektion weiterzugeben. Verunsichert hat auch die Frage: Wie geht es mit Lehre und Ausbildung weiter, welche Berufe sind krisensicher und was wird aus meinen Berufsplänen? In der aktuellen Debatte um das Impfen gibt es die Frage: Bin ich böse, wenn ich mich dagegen entscheide? Muss ich mich für die Oma impfen lassen? Da erleben wir viele Extreme.

Lässt sich die Zunahme psychischer Störungen durch die Corona-Krise bereits quantifizieren?

Sehr stark angestiegen sind die Depressionen, wie etwa die Befragungen der niederösterreichischen Donau-Universität zeigen konnten. Depressive Symptome zeigten sich vor der Corona-Krise bei den 14- bis 18-Jährigen bei etwa 20 Prozent, jetzt laut einer Online-Befragung bei 58 Prozent; bei den 18- bis 25-Jährigen lagen sie bei 46 Prozent. 39 Prozent derer, die sagten, sie seien depressiv, nannten auch Suizidgedanken. Das ist signifikant gestiegen! Auch bei denen, die vorher unauffällig waren, haben durch den Wegfall von beruflichen Perspektiven und durch Lebensüberdruss die Suizidgedanken zugenommen. Gewachsen sind auch die Essstörungen. Ich kenne einige junge Patientinnen, die wegen des Wegfalls des Vereinssports meinten, nun selbstständig trainieren zu müssen um fit zu bleiben. Dabei haben sie sich Anleitungen aus dem Netz geholt, wobei sie auf einschlägige Seiten gestoßen sind, die sie zum Abnehmen animierten. Letztlich sind sie in eine Essstörung geschlittert. Die Zunahme an Essstörungen in Österreich zeigt, dass dies keine Einzelphänomene waren.

„Wir wissen einerseits von einem Anstieg der körperlichen und sexuellen Gewalt,
andererseits kam es häufiger zu psychischer Gewalt und Vernachlässigung“
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Gibt es auch psychische Langzeitfolgen, eine Art psychisches „Long Covid“?

Wenn Menschen schnell auf frühere Ressourcen zurückgreifen können, schöpfen sie wieder Zuversicht und Hoffnung. Manche werden aufgrund ihrer Resilienz rasch anschließen können. Insgesamt aber werden viele aus dieser Generation die Probleme lange spüren, weil der Mensch zu seiner Entwicklung das Du braucht, um in der Pubertäts-Aufgabe der Identitätsentwicklung voran zu kommen. Wenn über einen langen Zeitraum solche Entwicklungsschritte ausbleiben, ist das schwer nachzuholen. Wie sollen Pubertierende ihr Selbstbild aufbauen, wenn sie entsprechende Rollenbilder nicht oder nur aus dem Internet haben? Die junge Generation erholt sich jedenfalls nicht so schnell wie die Wirtschaft. Ja, es kann in allen Altersstufen Langzeitfolgen geben.

Was fehlt, wenn die Schule fehlt?

Dramatisch ist der Wegfall der Tagesstruktur, der Peer-Groups, der Freunde und der Lehrer. Schule ist mehr als Wissensvermittlung. Die Klasse ist für viele auch Freundesgruppe oder Familienersatz. Lehrer können ermutigen und inspirieren. Schule vermittelt Sicherheit und Tagesstruktur. Natürlich sind in der Corona-Krise jene Kinder besser dran, bei denen die Familie ein sicherer Raum ist, Geschwister präsent sind und Beziehung gelebt wird. Jene, die sehr in der Einsamkeit waren und in keinem Herzen aufbewahrt sind, die emotional instabil oder labil sind, stagnierten in der Entwicklung: in der Sprachentwicklung, aber auch motorisch und geistig.

Eltern an der Grenze

Stiegen durch die Corona-Krise die familiären Konflikte, die Kindesmisshandlungen und die häusliche Gewalt?

Es gab einen deutlichen Anstieg der häuslichen Wegweisungen. Wenn mehr Aufgaben auf der Familie lasten, wachsen die häuslichen Konflikte. Eltern kamen an ihre Grenzen, Erziehungsprobleme wurden deutlicher sichtbar. Wir wissen einerseits von einem Anstieg der körperlichen und sexuellen Gewalt, andererseits kam es häufiger zu psychischer Gewalt und Vernachlässigung.

Wie hat sich das Suchtverhalten bei Kindern und Jugendlichen entwickelt, insbesondere Computer- und Spielsüchte, also exzessiver Medienkonsum?

Wenn eine Situation schwer auszuhalten ist und wenige Ressourcen vorhanden sind, werden Suchtmittel und andere dysfunktionale Verhaltensweisen attraktiv. Die Medienzeit war bereits durch den Online-Unterricht und das Home-Office extrem. Vor allem bei Burschen ist die Zeit der Online-Spiele massiv angewachsen. Wenn sich das auch jetzt, nach der Lockdown-Zeit, nicht bessert und die realen Beziehungen weiter vernachlässigt werden, spricht man von Suchtverhalten. Am Computer wird mit wenigen Klicks Dopamin ausgeschüttet, ohne dass man sich anstrengen muss, etwa bei Online-Spielen oder Pornografie. Das ist wirklich gefährlich.

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Was können Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen tun, um Kinder und Jugendliche zu stabilisieren?

Das Wichtigste wäre, dass Eltern wieder selbst Ressourcen haben, damit Kinder und Jugendliche gesehen werden, und damit sie Entwicklungsräume eröffnet bekommen. In Bindungssicherheit und Annahme etwas ausprobieren, lernen und wachsen zu dürfen, ist entscheidend. Kinder und Jugendliche sollen wissen, welchen Werten sich die Eltern und Lehrer verpflichtet fühlen. Eltern sollten auch deeskalieren: Manches wird anders, vielleicht schwieriger, aber es gibt Gestaltungsspielräume und Platz für Entfaltung. Natürlich ist es für Eltern schwer, zu signalisieren, man wolle die Krise gemeinsam durchstehen und meistern, wenn sie selbst traurig oder perspektivlos sind. Vor allem ist es wichtig, dass Eltern den Kindern eine Tagesstruktur ermöglichen: so dass ein Tag ein Tag und die Nacht die Nacht sein kann.

Keine Angst vor Hilfe

Wann ist trotzdem der Weg zum Psychotherapeuten oder Psychiater angesagt?

Es gibt Symptome, die Anzeichen für eine psychische Erkrankung sind und bei denen ein Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, klinischer Psychologe oder Psychotherapeut empfohlen ist. Zu diesen gehören vor allem die Änderung von früheren Verhaltensweisen des Kindes oder Jugendlichen, etwa vermehrte Ängstlichkeit, Rückzug oder Panikattacken, zunehmend aggressives Verhalten, Zwangshandlungen, extremer Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme, Antriebslosigkeit, Interessenslosigkeit, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Resignation, exzessive Handy- und Internetnutzung, vermehrte Hyperaktivität und Rastlosigkeit, mangelnde Aufmerksamkeit, autoaggressives Verhalten, also Selbstverletzungen, zunehmendes Schweigen und exzessives Nichteinhalten von Regeln. Vor allem wenn Lebensüberdruss-Gedanken oder Suizidgedanken verbalisiert werden, sollte unbedingt sofort ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder eine entsprechende Ambulanz aufgesucht werden. Bei Erziehungsproblemen können Beratungsstellen erste Anlaufstellen sein. Im Schulsetting kommt den Vertrauenslehrern und der Sozialarbeit eine wichtige niederschwellige Versorgung zu.


In der kommenden Ausgabe wird an dieser Stelle die Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Barbara Haid zur Corona-Krise der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Stellung nehmen. Sie ist Präsidiumsmitglied des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP).

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