Medizin

Außerklinische Geburt im Aufwind

Immer mehr Frauen in Deutschland entscheiden sich für eine Hausgeburt oder ein Geburtshaus. Grund ist oft der Wunsch nach einer stressfreien Umgebung mit qualitätsvoller Einzelbetreuung.
Geburtszimmer im Geburtshaus Erlangen
Foto: Cornelia Huber | Geburtszimmer im Geburtshaus Erlangen: Äußere Ruhe ist für eine reibungslose Geburt entscheidend.

Der häufigste Geburtsort in Deutschland sind die Kliniken. Dort steht die ganze Palette der modernen Medizin zur Verfügung, und der hohe Standard sorgt für ein Gefühl der Sicherheit. Jedoch verläuft dann manches doch anders, als es sich die werdenden Eltern vorgestellt haben: der Einsatz medizinischer Geräte, medikamentöse Einleitung und Anästhesie sind an der Tagesordnung. Die Zahlen bei den Kaiserschnitten haben sich seit 1991 fast verdoppelt, inzwischen erhält jede dritte Frau einen Kaiserschnitt (2019: 29,6 Prozent bundesweit mit einer Schwankungsbreite von 24,5 Prozent in Sachsen bis 34,8 Prozent im Saarland). Die amtliche Krankenhausstatistik für 2020 ist noch nicht veröffentlicht. Für eine weitere Steigerung spricht eine Auswertung der bundesweiten Kaufmännischen Krankenkasse für ihre Versicherten, die für das gesamte Bundesgebiet auf einen Durchschnitt von 32,8 Prozent kommt, mit 35,8 Prozent bei Spitzenreiter Hessen.

Obwohl der natürliche Vorgang der Geburt bestimmten Prozessen folgt, wird er zunehmend technisiert. Der physiologische Ablauf ist wie die frühkindlichen primitiven Reflexe im ältesten Teil des Gehirns, dem Stammhirn, gespeichert und abrufbar. Ein anderer Teil des Gehirns, der sogenannte Neocortex, ist dagegen für die Kontrolle der Reflexe und kulturelle Anpassungsleistungen zuständig. Während der Geburt ist die Aktivität des Neokortex vermindert, damit der unwillkürliche Geburtsablauf ungehindert stattfinden kann. Der Neocortex sollte in dieser Zeit nicht zusätzlich beansprucht oder stimuliert werden, etwa durch Fachgespräche oder eine lückenlose Kontrolle der Gebärenden mittels technischer Geräte. Äußere Ruhe ist ein wichtiger Faktor für eine komplikationslose Geburt. Weil das wichtige Geburtshormon Melatonin bei Dunkelheit ausgeschüttet wird und den Neokortex hemmt, sollte des Weiteren helles gleißendes Licht vermieden werden. Die Stressoren Angst, Frieren, Durst oder Hunger behindern die Ausschüttung der Geburtshormone, die am besten dann arbeiten, wenn die Bedürfnisse der Gebärenden nach Sicherheit, Vertrautheit und guter Versorgung erfüllt werden.

Anheimelnde Atmosphäre im Geburtshaus

All diese Aspekte sahen im Jahr 2020 über 16.000 Frauen am besten bei einer außerklinischen Geburt berücksichtigt und brachten ihre Kinder mit 1:1 Betreuung durch eine Hebamme geplant zu Hause beziehungsweise in einer hebammengeleiteten Einrichtung wie Geburtshaus oder Hebammenpraxis zur Welt. Dabei beobachtet die Hebamme den Verlauf, wartet mit der Gebärenden geduldig ab und entscheidet aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz, wann es notwendig wird, einzugreifen oder Medizin und Technik einzusetzen.

Die entscheidenden Motivationen der Schwangeren für eine außerklinische Geburt sind in erster Linie der Wunsch nach Selbstbestimmung, eine angenehme und vertraute Umgebung und der Kontakt zur vertrauten Hebamme, zu der durch Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und Gespräche zur Geburtsvorbereitung eine intensive Beziehung entsteht.

Auch das Geburtshaus Erlangen möchte werdende Eltern individuell und auf der Basis eines guten Vertrauensverhältnisses durch die natürlichen Prozesse von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett begleiten. Mit neun Hebammen in zwei Teams und über 900 Geburten seit der Gründung im Mai 2017 gehört es bundesweit zu den größten hebammengeleiteten Einrichtungen.

Ein Korb mit Wollsocken

Bei einem Vorortbesuch fällt die wohnliche Atmosphäre der Räumlichkeiten auf. Am Eingang steht ein Korb mit warmen Wollsocken für die Füße und im Wartebereich wird Tee angeboten, denn Schwangere sollen ja ausreichend trinken. Zwei großzügige, behaglich eingerichtete Zimmer mit breiten Betten, einer Gebärwanne bzw. einer Dusche, Gebärhocker und Vorrichtungen zum Aufhängen von Tüchern stehen für Wehen und Geburt zur Verfügung. „Am längsten hat es gedauert, einen Vermieter zu finden“, erinnert sich Hebamme Johanna Huber an die zweijährige Gründungsphase.

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Die lange Suche hat sich gelohnt, denn das Geburtshaus ist sowohl mit dem Auto als auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Jede Schwangere wird einem der beiden Teams zugeteilt und lernt die Hebammen durch die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen gut kennen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die anfallenden Kosten nach festen Gebührensätzen, viele Kassen erstatten überdies einen Teil der privat in Rechnung gestellten Pauschale für die 24-Stunden-Rufbereitschaft. Jede Gebärende wird von einer Hebamme begleitet. Zur Geburt selbst kommt eine zweite Hebamme dazu, die auf Wunsch vor der Tür wartet. Fortbildungen, Supervision und das Qualitätsmanagementsystem des Deutschen Hebammenverbandes zielen auf Überprüfung und stete Verbesserung der fachlichen Kompetenz. Besonderen Wert legen die Erlanger Hebammen auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Gynäkologen. „Mit den Kliniken haben wir einen guten, wertschätzenden Kontakt“, ist Johanna Huber zufrieden.

Die Zahlen sprechen für den Erfolg

Insgesamt nehmen die Zahlen der außerklinischen Geburten zu. Im Jahr 2020 lag ihr Anteil an allen Geburten in Deutschland bei 1,8 Prozent. 16.202 geplante außerklinische Geburten, davon 7.546 Hausgeburten und 8.656 Geburten in hebammengeleiteten Einrichtungen wurden von der „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“ (QUAG)erfasst. Die „QUAG“ ist ein gemeinsamer Verein der Hebammenverbände mit einem wissenschaftlichen Beirat. 1999 gegründet, erhebt, dokumentiert und koordiniert „QUAG“ bundesweit Daten zur außerklinischen Geburtshilfe. „Das große Ziel vor dem Hintergrund „informierte Entscheidung“ ist eine sachliche, möglichst wertfreie Darlegung und Veröffentlichung der erhobenen Daten / ausgewerteten Zahlen und Fakten in dem jährlichen Qualitätsbericht und das verbunden mit dem Wissen, dass jeder Geburtsort seine Vor- und Nachteile hat“, heißt es in der 2019 erschienenen Publikation zu 20 Jahren Qualitätssicherung in der außerklinischen Geburtshilfe. Dem jährlich erstellten Qualitätsbericht von 2020 ist zu entnehmen, dass bezogen auf die außerklinisch geplanten Einlingsgeburten in Deutschland die Geburt bei 98 von 100 Frauen am oder nach dem errechneten Termin begann, und 85 von 100 Frauen ihr Kind wie gewünscht zu Hause oder in einer hebammengeleiteten Einrichtung gebaren. Die meisten außerklinischen Geburten erfolgten in Bayern, die wenigsten im Saarland. 92,6 Prozent der Frauen hatten eine Spontangeburt und 41,8 Prozent wiesen keinerlei Geburtsverletzung bei der vaginalen Geburt auf.

15 von 100 Frauen wurden während der Geburt in eine Klinik verlegt, Erstgebärende häufiger als Zweit- oder Mehrgebärende. Der häufigste Grund für eine Verlegung war ein Stillstand während der Eröffnungsphase der Geburt. Die meisten Gebärenden wechseln in Ruhe vom geplanten außerklinischen Geburtsort in die Klinik, durchweg wird die vorher vereinbarte Wunschklinik angefahren. Nur bei 1 von 100 Frauen ging es um eine direkte und schnelle Verlegung in die nächste Klinik, meist aus Sorge um das ungeborene Kind wegen auffälliger kindlicher Herztöne.

Nach der Geburt wird routinemäßig der sogenannte „ABGAR-Index“ erhoben, um die Anpassung des Neugeborenen an das Leben außerhalb des Mutterleibs zu beurteilen. Im Deutschen steht APGAR für Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen und Reflexe, die standardisiert nach einer, fünf und zehn Minuten überprüft werden. 99 von 100 geplant außerklinisch geborenen Babys hatten nach fünf Minuten einen ABGAR-Wert von sieben und mehr, das heißt es ging ihnen gut bis sehr gut. Die erhobenen Daten sprechen für eine hohe Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe und können Frauen helfen, die vor der Entscheidung für einen Geburtsort stehen. Die freie Wahl des Geburtsorts ist in § 24 f des Fünften Buchs des Sozialgesetzbuch (SGB V)normiert, der folgendes festschreibt: „Die Versicherte hat Anspruch auf ambulante oder stationäre Entbindung. Die Versicherte kann ambulant in einem Krankenhaus, in einer von einer Hebamme oder einem Entbindungspfleger geleiteten Einrichtung, in einer ärztlich geleiteten Einrichtung, in einer Hebammenpraxis oder im Rahmen einer Hausgeburt entbinden. Wird die Versicherte zur stationären Entbindung in einem Krankenhaus oder in einer anderen stationären Einrichtung aufgenommen, hat sie für sich und das Neugeborene Anspruch auf Unterkunft, Pflege und Verpflegung.“

Den natürlichen Ablauf bestmöglich unterstützen

Für alle Geburtsorte gleichermaßen gilt der Grundgedanke der neuen medizinischen Leitlinie zur normalen Geburt (vaginale Geburt am Termin) von 2020/2021: „Gute Geburtshilfe stellt daher das Wohlergehen und die Sicherheit für Mutter und Kind in das Zentrum.“ Sie wurde interdisziplinär und gemeinschaftlich von einem großen Autorenteam verfasst und federführend von der „Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“ sowie der „Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft“ erstellt. Auch „QUAG“, der Elternverein „Mother Hood e.V.“ und pädiatrische Verbände beteiligten sich. Die Leitlinie behandelt viele Aspekte, die in der außerklinischen Geburtshilfe bereits üblich sind, und empfiehlt dringend eine 1:1-Betreuung ab der Eröffnungsphase der Geburt, die zum Wohl der Frauen unbedingt auch in den Kliniken umgesetzt werden sollte. An allen Geburtsorten sollte es selbstverständlich sein, dass der natürliche Ablauf bestmöglich unterstützt wird. Einer der bedeutendsten Förderer der natürlichen Geburt, der französische Gynäkologe Michel Oden, zieht folgende Quintessenz: „Einen physiologischen Vorgang kann man nicht vermeiden. Der Punkt ist, ihn nicht zu verhindern!“

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