Wissenschaft

Zwischen Kopf und Papier

Alles Anschauliche und Konkrete ist verdächtig: Wie der Jargon in die Wissenschaft kam.
Bibliothek der HU in Berlin
Foto: Symboldpa | Sprachliche Spielräume müssen mitunter erkämpft werden. Gelingt es den Wissenschaftlern von morgen, das Sprachkorsett ihrer Branche erst gar nicht anzulegen?

In seinem Essay „Über Schriftstellerei und Stil“ findet Arthur Schopenhauer ein anschauliches Bild für die Schwierigkeiten des Schreibens. Die Gedanken würden den Gesetzen der Schwerkraft insofern folgen, „als sie den Weg vom Kopfe auf das Papier viel leichter, als den vom Papier zum Kopfe zurücklegen“. So leicht sich manches schreibt, so schwer ist es zu lesen. Deshalb müsse den Gedanken auf dem Weg vom Papier in den Kopf „mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln geholfen werden“, so Schopenhauers Schlussfolgerung.

Gerade die Wissenschaft, bei der es um den Transport von Wissen geht, macht es den Gedanken jedoch manchmal nicht leicht, den Weg vom Papier (oder dem Bildschirm) in den Kopf der Leser zu finden. In seinem Essay polemisiert Schopenhauer gegen das Geschwurbel seiner Zeit, dabei stellt er sprachliche Diagnosen. So kritisiert er etwa die Neigung zu Schachtelsätzen: Ein einziges Verb habe dabei mehreren Sätzen zu dienen, „welche man nun alle, ohne sie zu verstehn und wie im Dunkeln tappend, zu durchlesen hat, bis endlich das Schlußwort kommt und uns ein Licht darüber aufsteckt“. Ebenso ärgert er sich über die Wortwahl des akademischen Stils: „Dunkelheit und Undeutlichkeit des Ausdrucks ist allemal und überall ein sehr schlimmes Zeichen.“

Der akadmische Jargon

Die Zutaten des akademischen Jargons sind heute noch die gleichen wie zu Schopenhauers Zeiten: Fremdwörter, Abstrakta, blasse Verben (gern im Passiv) sowie heillos überladene Satzkonstruktionen. Das will niemand gerne lesen, und doch begegnet man diesem Stil in wissenschaftlichen Publikationen immer wieder. In der Beurteilung einer Dissertation ist die Wendung „feuilletonistischer Stil“ meist nicht als Kompliment gedacht, es kann zu Notenabzug führen, da es als unwissenschaftlich gilt.

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Woher kommt der Hang der Wissenschaft zum Jargon, insbesondere bei den Geisteswissenschaften? Es gibt dafür drei Gründe, allerdings hat nur einer davon hat mit Wissenschaftlichkeit zu tun. Jargon entsteht aus dem Streben nach Objektivität. In den Naturwissenschaften ist Objektivität nicht nur möglich, es ist die Bedingung für Erkenntnis: Bei einem physikalischen Experiment darf es keine Rolle spielen, wer es durchführt, und das Ergebnis muss wiederholbar sein. Wiedergegeben wird es in einer auf den nackten Inhalt reduzierten Sprache, mit Fachbegriffen, die ihren Gegenstand präzise benennen. Die Geisteswissenschaften neigen dazu, den Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften zu übernehmen, obwohl sie sich nicht mit der Vermessung der Welt beschäftigen, sondern mit ihrer Deutung. Es scheint, als solle der Jargon für Objektivität und damit Wissenschaftlichkeit bürgen.

Ein wissenschaftlicher Sound

Der zweite Grund für den Siegeszug des Jargons hat nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun, sondern mit den sozialen Bedingungen der akademischen Welt. Denn die Aufgabe, einen Inhalt von Kopf A in Kopf B zu transportieren, ist nur eine Funktion von Sprache, mit Sprache signalisiert man auch, zu welcher sozialen Gruppe man gehört. Jede Berufsgruppe hat ihren Jargon, ebenso jede kulturelle Szene und jede gesellschaftliche Schicht, und so dient auch der Wissenschaftsjargon als Soziolekt. In der akademischen Welt kann die soziale Funktion der Sprache mit dem Gedankentransport in Konflikt geraten, wie der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace feststellt: In wissenschaftlichen Texten gehe es oft mehr darum, „die eigenen Qualifikationen für die Aufnahme in die Gruppe darzulegen als um die Übertragung von Inhalt“.

Der Jargon opfert Klarheit und Präzision dem wissenschaftlichen Sound – in diesen Fällen ist er eine Konvention, der man sich anzupassen hat, wenn man in der Wissenschaft dazugehören will. Zur Zugehörigkeit jedoch gehört auch die Abgrenzung: Deshalb stört sich die Wissenschaft nicht daran, dass ihre Texte außerhalb der akademischen Community nicht verstanden werden, im Gegenteil, es ist Beweis der Wissenschaftlichkeit. Jargon kommt vom französischen „gargoter“ für „schlürfend und schmatzend fressen und saufen“. Jargon bedeutet also schlicht und einfach Kauderwelsch. In der Wissenschaft stehen oft nicht diejenigen unter Verdacht, die unverständlich sprechen, sondern diejenigen, die das Unverständliche nicht verstehen.

Alles Konkrete ist verdächtig

Diese Gemengelage führt zu einer Wissenschaftssprache, die sich schwer damit tut, ihr Wissen von Kopf A in Kopf B zu transportieren. Denn die Techniken des Jargons entfernen systematisch alles aus dem Text, was den Gedanken helfen würde, den Weg vom Papier in den Kopf zurückzulegen. Alles Konkrete, Anschauliche ist verdächtig: Wer in seiner Dissertation Beispiele anführt, gerät in den Ruch der unzulässigen Vereinfachung, und wer Fremdwörter konsequent durch gleichwertige deutsche Wörter ersetzt, muss sich den Vorwurf der Popularisierung gefallen lassen.

In Fremdwörtern könne man weder fühlen noch träumen, sagt der Stilkundler und Fremdwörter-Hasser Eduard Engel in „Deutsche Stilkunst“ (1911). Lesen ist ein körperlicher Akt: Sobald wir etwas sehen, hören, fühlen, sind wir als Leser beteiligt, doch der Wissenschaft ist das, was Texte mit Energie auflädt, suspekt: Metaphern und Emotionen ebenso wie eine Autorin, die „Ich“ sagt. Statt wahrheitsgemäß zu sagen: „Ich setze mich in meiner Dissertation mit der Rolle des Adjektivs bei Thomas Mann auseinander“, heißt es etwa: „Die Dissertation setzt sich mit … auseinander“. Bisweilen liest man gar: „In dieser Dissertation wird sich auseinandergesetzt mit…“. Das ist grammatikalisch zwar falsch, doch die umständliche Formulierung bestätigt den wissenschaftlichen Habitus.

Schreiben, so dass keiner es verstehen kann

„Nichts ist leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es verstehen kann“, schreibt Schopenhauer maliziös. Er beklagt die inhaltliche Dürftigkeit geschraubter Texte: Es sei „ein unermüdliches, klappermühlenhaftes, betäubendes Gesaalbader“, unter dem sich „die bitterste Gedankenarmuth“ verberge. Man könne in solchen Texten stundenlang lesen, „ohne irgend eines deutlich ausgeprägten und bestimmten Gedankens habhaft zu werden“.

„Es ist viel leichter, mit ungewöhnlichen Worten gewöhnliche Dinge zu sagen als umgekehrt.“
Arthur Schopenhauer

Damit ist die Katze aus dem Sack: Gerade in besonders hochkomplexen und abstrakten Texten steht manchmal nicht viel drin. Der dritte Grund für den Jargon liegt möglicherweise im Publikationsdruck. In der von extremem Konkurrenzdruck geprägten akademischen Welt gilt die Regel: „publish or perish“. Verfolgt man eine akademische Karriere, ist man zum Publizieren gezwungen, auch wenn man nicht viel Neues zu sagen hat.

Um noch einmal Schopenhauer zu zitieren: Es ist viel leichter, mit ungewöhnlichen Worten gewöhnliche Dinge zu sagen als umgekehrt. Wenn es darum geht, ein gedankliches Defizit zu bemänteln, kommen die komplizierten Versatzstücke des Jargons und ein unübersichtlicher Satzbau nur gelegen. Dass gerade in der Wissenschaft ineffektives Schreiben nicht nur meistens nicht bestraft, sondern toleriert, ja sogar gefördert wird, hat daher durchaus seine Folgerichtigkeit.

Glaubwürdigkeitsverlust durch Fake-News-Debatten 

Zumindest im deutschen Sprachraum. Denn die sehr viel zugänglichere Schreibtradition im Englischen zeigt zum Glück, dass Wissenschaft auch anders geht. Denn die Neigung zum Unverständlichen ist für die Wissenschaft durchaus ein Problem: Ihr alarmierender Glaubwürdigkeitsverlust angesichts der Fake-News-Debatten im Zusammenhang mit Corona und Klimawandel ist nicht nur dem Populismus geschuldet, sondern auch eine Folge der sprachlichen Entfremdung.

Würde die Wissenschaft sich ihres Jargons entledigen, käme sie wieder ins Gespräch mit der Gesellschaft. Und nicht nur das: Texte, bei denen die Gedanken auf dem Weg vom Papier in den Kopf keine Schwerstarbeit verrichten müssten, wären auch für die Wissenschaft ein Gewinn.

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