Zusammenleben

Renaissance der Großeltern

Nie waren Großeltern so fit und unternehmungslustig wie heute, und ihre Enkel brauchen sie.
Familiendarlehen-Schutzbrief
Foto: nl | Die Qualität der Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln hängt stark von der Beziehung ab, die Großeltern zu ihren eigenen Kindern haben.

Wir haben alle auf den Knien unserer Großeltern gesessen, die uns in ihren Armen hielten“, hieß es im Sommer in einer Predigt von Papst Franziskus anlässlich des ersten Welttages der Großeltern und Senioren, der nun jedes Jahr um den 26. Juli herum, dem Namenstag von Anna, der Mutter Mariens, stattfinden soll. „Ich leide, wenn ich eine Gesellschaft sehe, die umher hetzt, die sehr beschäftigt und gleichgültig ist, von zu vielen Dingen in Beschlag genommen und unfähig, für einen Blick, einen Gruß, eine Liebkosung innezuhalten“, so der Papst. Die Großeltern, „die unser Leben genährt haben“, seien hungrig nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit.

„Richten wir unseren Blick auf sie, so wie es Jesus mit uns tut“, mahnte Papst Franziskus, auch mit Blick auf die Corona-Zeit, in der viele Großeltern teilweise monatelang ihre Kinder und Enkelkinder nicht sehen, geschweige denn in den Arm nehmen konnten.

Geliebt vom ersten Augenblick an

Die begeisterte Großmutter und Journalistin der Tageszeitung „Die Welt“, Inga Griese, formuliert es so: „Was mich förmlich zerreißt, ist der Umstand, dass ich meiner geliebten Rolle als Mutter und Großmutter nicht nachkommen kann. Alles schien mir möglich, weil ich das große Glück dieser Bestimmung habe. Und nun muss ich möglichst ganz allein bleiben, grundsätzlich und weil ich als gefährdet gelte. Anstatt die Enkelkinder zu mir zu holen, um die Eltern zu entlasten, die Betreuungsaufgaben zu teilen, die Kinder abzulenken, sie im Garten sich ausrennen zu lassen und unserer hochschwangeren Tochter mit ihren beiden Lütten (Töchtern) zur Seite zu stehen.“

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Papst Franziskus argumentiert in seinem Bestreben, Großeltern wieder die Rolle zuzusprechen, die ihnen auch in vielen Studien bescheinigt wird, so: „Die Zukunft der Welt liegt in dem Bund zwischen Jung und Alt. Wer, wenn nicht die Jungen, kann die Träume der Älteren aufnehmen und weitertragen?“

Der Papst selbst erzählt immer wieder liebevoll von seiner Großmutter Rosa. Sie prägte die Glaubenserfahrungen und die Frömmigkeit des jungen Jorge Bergoglio. So habe sie ihm und seinen Geschwistern etwa beigebracht: „Kinder, das letzte Hemd hat keine Taschen“, zitierte er sie in einer seiner ersten Predigten als Papst.

Das reine Glück

„Großmutter zu sein, bedeutet das reine Glück“, so Inga Griese in ihrem viel beachteten Buch „12 Enkel bitte. Als Großmutter an der Familienfront“. Dem kann ich mich als fünffache Großmutter nur anschließen: Als vor neun Jahren unser erstes Enkelkind geboren wurde, hat es sich direkt und ohne Umwege in unser Herz geschlichen. Da waren kein Kennenlernen und Gewöhnen wie beim Mutter-Werden notwendig. Das war der Sohn unserer Tochter und somit ein Teil unserer Familie, vom ersten Augenblick an unbeschreiblich geliebt. Während unsere Tochter nach der Geburt versorgt wurde und sich der frische gebackene Vater erschöpft von vielen Stunden der Wehen der Ehefrau ein wenig erholte, durfte ich das kleine Bündel Leben in meinen Armen halten und es in der Welt willkommen heißen. Das war und ist das reine Glück!

Zeit, Gelassenheit und soziale Bindung

Auch die Geburten der folgenden vier Enkelinnen waren Ereignisse der Hoffnung und Liebe. Besonders die Geburt unseres vierten Enkelkindes in Corona-Zeiten, wo wir dank unseres verständnisvollen Schwiegersohns fast live dabei sein konnten: Die letzten Minuten vor dem notwendigen Kaiserschnitt und die ersten Minuten als kleine Familie, noch im Kreißsaal, fanden in Minutenschnelle über WhatsApp den Weg zu uns. Auch unser fünftes Enkelkind musste unter erschwerten Corona-Umständen im Februar das Licht der Welt erblicken. Erst Ende April durften wir die kleine Marie endlich in unsere Arme schließen.

Abgesehen von solchen persönlichen Erfahrungen und emotionalen Statements, finden wir auch in Studien die Bestätigung der Wichtigkeit von Großeltern als Teil des kulturellen Kapitals einer Familie, von dem die Enkelkinder profitieren können. So kommt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2016 zu dem Schluss, dass Großeltern heute hohe Akzeptanz genießen. Ihre gesellschaftliche Bedeutung beziehen sie aus ihrer Rolle als zusätzliche Bezugspersonen und durch die Betreuung von Kleinkindern – „ohne sich in die Erziehung der Enkel einzumischen“. Eine Herausforderung für Großeltern, die ihnen viel Einfühlungsvermögen abverlangt.

Getrennte Haushalte

Die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern wird heute enger als in früheren Generationen erlebt und dies, obwohl die junge Familie und die Großeltern ihr Alltagsleben weitgehend voneinander getrennt organisieren. Nur sieben Prozent der Kinder wohnen im selben Haushalt wie ihre Großeltern.

Drei-Generationen-Haushalte sind relativ selten geworden. Trotzdem werden im Durchschnitt Zwei- bis Fünfjährige drei bis fünf Stunden pro Woche von Großeltern, anderen Haushaltsmitgliedern (nicht Eltern), Freunden oder Nachbarn betreut. Das ist im internationalen Vergleich hoch, wie im 6. Familienbericht des österreichischen Familienministeriums nachzulesen ist. Ist eine solche Unterstützung verfügbar, beeinflusst diese die Entscheidung von Müttern, weitere Kinder zu bekommen, vor allem in südeuropäischen Ländern, wo öffentliche Betreuungsangebote für Kleinkinder rar sind.

Interessant ist, dass die Qualität der Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln stark von der Beziehung abhängt, die Großeltern zu ihren eigenen Kindern haben. Auch das kann ich vollkommen unempirisch bestätigen. Gibt es unbewältigte Probleme zwischen meinen Töchtern und mir, so verhalten sich die (größeren) Enkelkinder auch unentspannt und vorsichtig.

Freizeit gestalten

Großeltern gestalten vor allem die Freizeit der Enkel und bieten ihnen, was in jungen Familien häufig auf Grund des Alltagsstresses Mangelware ist: Zeit, Gelassenheit, Kontinuität und soziale Bindung. Auch das ist für mich als Großmutter eine neue Erfahrung: Ich kann Geduld aufbringen, die mir bei meinen Kindern versagt geblieben ist. Interessant ist auch, dass die Hauptträgerin der Familienbeziehungen in der Regel die Großmutter mütterlicherseits ist. Das möchte ich persönlich jetzt nicht bestätigen, da die Großmütter väterlicherseits in unserer Familie auch sehr präsent sind. Aber natürlich bin ich der uneitlen Meinung, dass ich als fünffache Mutter als „Nonna“ (ital. für Großmutter) unschlagbar bin.

Pubertät und Omas unendliche Geduld

Wird im Kleinkindalter vor allem die Betreuungsleistung von Großeltern geschätzt, so zeigt sich in der Pubertät, dass Oma und Opa oft Brückenbauer zwischen Eltern und Kindern sind. Im Jugendalter können Großeltern wertvolle Ratschläge geben, weil sie selbst nicht zu stark in familiäre und alltägliche Konflikte involviert sind. Sie spielen nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von religiösen Werten und haben somit auch einen sozialisatorischen Einfluss.

Speziell gegenüber ihren Enkelkindern verhalten sich Großeltern oft bewusst großzügig und tolerant. Wer von uns hat nicht von den Großeltern eine finanzielle Zuwendung für Wünsche bekommen, die Eltern eher nicht bereit waren zu erfüllen?

Basis für ein gutes Zusammenleben

Großeltern vermitteln Bodenständigkeit, sind häufig frei von Alltagsproblemen beruflicher und finanzieller Natur. Wenn Jugendliche einen regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern pflegen, ist auch das Zusammenleben der Generationen im Allgemeinen positiver. Jugendliche beurteilen dann das Verhältnis zwischen den Generationen als weniger angespannt, im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Großeltern-Kontakte, so das einhellige Ergebnis zahlreicher Studien.

Angesichts hoher Scheidungsraten können sich komplexe Familienkonstellationen ergeben. Speziell wenn nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern Zweit- oder Drittbeziehungen eingehen und beispielsweise Stiefgroßeltern oder Zweitgroßeltern auftreten. So kommen Kinder sehr schnell in den Genuss von mehr als vier Großeltern, die möglicherweise im Laufe der Zeit wieder verschwinden.

Allerdings werden biologische Großeltern familial weiterhin stärker einbezogen als soziale Großeltern. Leibliche Großmütter betreuen ihre Enkelkinder deutlich häufiger als Stiefgroßmütter. Die Großelternrolle wird, so Studien des „Deutschen Instituts für Jugendforschung“, von den meisten Betroffenen als positiv erlebt. Die große Mehrheit der Großeltern bezeichnete ihre Großeltern-Rolle im Jahr 2014 subjektiv als sehr wichtig (55,8 Prozent) oder wichtig.

Golfplatz statt Wickelstube?

Noch nie haben Großeltern so viel Lebenszeit mit ihren Enkeln verbracht wie heute. Die gemeinsam verbrachte Lebenszeit von Großeltern des Jahrgangs 1940 mit dem ersten Enkelkind betrug im Durchschnitt 30 Jahre für Großmütter und 26 Jahre für Großväter. Die sehr lange gemeinsam verbrachte Lebenszeit von Großeltern und Enkelkindern ist ein relativ junges Phänomen. Allerdings waren auch Großeltern noch nie so fit und unternehmungslustig wie heute. So beschäftigen sich bereits Talkshows und jüngst auch der österreichische Radiosender Ö3 mit der Frage „Wie egoistisch dürfen Großeltern eigentlich sein?“.

Auch meine Kinder neigen zu emotionalen Gefühlsausbrüchen, wenn unsere Urlaubs- und sogar noch berufliche Planung („Mama, du bist selbstständig, du kannst dir das doch einteilen!“) nicht mit ihren Betreuungs-Erfordernissen kompatibel sind. Schon packt mich das schlechte Gewissen, und ich folge der Erkenntnis von Inga Griese: „Großeltern heilen über Enkel, was sie an ihren Kindern versäumt haben.“

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