Wissenschaft

Das neugierige Auge der Theologie

Was christliche Sozialwissenschaft im 21. Jahrhundert zum Motor theologischer Erkenntnis macht.
Numerus clausus
Foto: dpa | Es gibt gute Gründe für das Theologiestudium. Dazu gehört auch die Suche nach Antworten, was die Welt aus Sicht der christlichen Soziallehre im Innersten zusammenhält.

Gewinnende Theologie wäre ein Zeichen der Zeit, das wieder Hoffnung macht. Die Umstände in Kirche, Medien und Gesellschaft von heute sind bekanntermaßen schwierig. Daneben steht der missionarische Auftrag Jesu. Dessen Herausforderung haben die französischen Bischöfe schon 1996 auf den Punkt gebracht: Wir müssten den Glauben vorschlagen in der Zeit von heute.

Das verlangt von der Theologie zugleich Bekenntnis und Dialog auf dem Marktplatz der Meinungen. Hier ist „Christliche Sozialwissenschaft“ (CSW) besonders gefragt. Sie ist ihrem Wesen nach interdisziplinär. Neugier an Wirtschaft, Recht, Medizin, Soziologie unter anderem ist Teil ihrer DNA. Ebenso das Ringen mit unterschiedlichen Sozialphilosophien, die mit je eigenen Wertepostulaten Antworten auf gesellschaftliche Fragen anbieten.

Christliche Sozialwissenschaft

Das Fach CSW hat an Bedeutung verloren, sei es im theologischen Fächerkanon, sei es in gesellschaftlicher Resonanz. Dabei kann sie begeistern als Wertekompass für große Fragen unserer Zeit. Hierzu seien im Sinne der französischen Bischöfe Voraussetzungen als Propädeutik, eine Systematik als Hermeneutik und schließlich Tugenden vorgeschlagen. Voraussetzungen glaubwürdiger CSW kreisen um Bekenntnis, Neugier und Relevanz:

1. Am Anfang steht das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott und dem heilsgeschichtlichen Auftrag zur Weltgestaltung. CSW als theologische Disziplin fragt neugierig und dialogoffen nach der Anschlussfähigkeit anderer Perspektiven an dieses Profil.

2. Ökumenische Offenheit bedeutet, gemeinsam mit Vertretern anderer Konfessionen die christliche Anthropologie als Grundlage unbedingter Menschenwürde zu schärfen. So profiliert sie die Semantik von sozialer Gerechtigkeit, Freiheit, Lebensschutz, Gemeinwohl, Personalität, Solidarität und Subsidiarität und Familie.

3. Der interdisziplinäre Charakter verlangt Empathie zu theologischer und sozialwissenschaftlicher Reflexion. Fachübergreifende Sprachspiele zu beherrschen und Sachkenntnisse sind Voraussetzung für den Dialog auf Augenhöhe. CSW ist so das neugierige Auge der Theologie auf die Gesellschaft.

4. Als heuristische Orientierungswissenschaft muss sie relevante soziale Fragen identifizieren und nach Antworten suchen.

5. Dabei sind vernunftmäßig nachvollziehbare Orientierungen anzubieten. Sie müssen theologisch profiliert sein, also nicht einfach austauschbar mit beliebigen säkularen Positionen. Ansonsten wären sie überflüssig. Es reicht also nicht aus, dass sie aktuell und verstehbar sind. Sie müssen die Orientierungsdiskussionen substanziell bereichern.

Profil, Dialog und Mission

CSW-Systematik kreist um Profil, Dialog und Mission: Vor den Antworten steht immer die Reflexion der eigenen Wertebasis. Das in Schöpfung und Jesus Christus begründete Menschen- und irenische Gesellschaftsbild gehört ebenso dazu wie die dreifache Verantwortung des Menschen vor Gott, sich selbst und dem Nächsten. Das begründet Lebensschutz vom Anfang bis zum Ende. Es schließt die Nivellierung der Würde des Menschen mit anderen Geschöpfen oder gar mit digitalen Artefakten – etwa E-Personalitäten, Cyborgs – aus. Es begründet soziale Gerechtigkeit als Befähigung zur Eigen- und Sozialverantwortung. Laissez-faire scheidet ebenso aus wie ein Wohlfahrtsstaat und Planwirtschaft.

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Nach dieser Vergewisserung werden konkrete gesellschaftliche Dilemmasituationen betrachtet, die nach Orientierung schreien. Herausforderungen für Menschenwürde und Gesellschaft wie etwa Anfang und Ende des Lebens, sich ändernde Familien- und Identitätsbilder, Migration, Kriegseinsätze und Christenverfolgung, wachsender Einfluss Chinas und islamistische Bedrohung, Steuergerechtigkeit und Geldpolitik, Organspende und die Zukunft der Pflege, KI, Big-Data und VR-Welten, Familien-, Klima- und Corona-Politik – etwa Fragen nach Triage, Einsamkeit, Schulden, Arbeitslosigkeit, internationaler Hilfe, Impfpriorisierung oder Patenten – sind auf Grundlage theologischer Reflexion in den Blick zu nehmen.

Keine Scheu vor Komplexität

Anschließend sind die relevanten Fachdisziplinen mit ihren Kenntnissen und Empfehlungen zu Rate zu ziehen. Auf dieser ersten Dialogebene werden neugierig Kompetenzen aus Medizin, Jura, Ökonomie und Technik abgefragt und anschließend mit der theologischen Wertebasis konfrontiert. Keine Scheu vor solcher Komplexität! Das erfordert theologischen Mut ebenso wie wie hilfreicher Expertenrat in sehr unterschiedlichen Anwendungsbereichen.

Daraus ergeben sich christlich verantwortbare Orientierungen zur Lösung der Dilemmata: etwa ein begründetes Nein zur utilitaristischen Triage, wie sie 2020 in Italien praktiziert wurde oder ein begründetes Ja zur Familie in der Semantik der Enzyklika Familiaris Consortio. Oder eine begründete Position zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Dazu ließen sich unterschiedliche Positionen christlich gut begründen.

Es gibt also nicht immer die eine eindeutige Antwort. Dies macht eine spannende Streitkultur innerhalb des Fachs nötig, die menschlich fair und deshalb unideologisch zu führen ist. Das wäre eine zweite Ebene des Dialogs.

Andere Perspektiven betrachten

Sodann folgt die dritte, diesmal im Austausch mit Antworten, die aus anderen weltanschaulichen Perspektiven gewonnen werden. Hier sind Nähe und Distanz klar abzustecken. So entdecken wir einerseits gleiche Argumente, die nur unterschiedlich begründet sein mögen. Grenzen ziehen wir andererseits gegenüber Positionen, deren Wertebasis fundamental christlichem Verständnis widersprechen. Deshalb können etwa libertäre, utilitaristische, darwinistische, säkularistische, religiös oder politisch fundamentalistische, rechts- oder linksradikale Relativierungen menschlicher Würde oder Kampfideologien jeder Art keine Partner einer CSW sein.

Es können bei gemeinsamen Argumenten über die Brücke der Vernunft im religiösen oder säkularen Umfeld nunmehr Koalitionen zur Durchsetzung christlicher Positionen geschlossen werden etwa mit kantischen oder neu-aristotelischen, mit phänomenologischen, gemäßigt säkularen (Charles Taylor) oder anderen theologischen Humanismen.

Solche Bündnisse bieten Einflussmöglichkeiten in zunehmend säkularem Umfeld. Das ist wirksame Mission zur gesellschaftlichen Gestaltung im Sinne unseres Menschen- und Gesellschaftsbildes.

Argumente theologisch herleiten

Essenziell bleibt dabei für die CSW die erkennbar theologische Herleitung eigener Argumente. Auf der vierten Dialogebene folgt deshalb der wertschätzende Austausch der Koalitionäre über die je unterschiedlichen Begründungswege, etwa für die unbedingte Würde von Menschen mit Behinderung und die daraus abgeleitete Ablehnung der Euthanasie, oder für eine geldpolitische Berücksichtigung von Solidität und Subsidiarität.

Hier kann die CSW erneut missionarisch wirken, ohne die Koalition zu gefährden. Sie hört neugierig die Begründungen der Partner und stellt ihnen die überzeugende christliche Begründung solcher unbedingten Würde und sozialer Irenik vor.

Glaubwürdige Theologentugend

CSW kann nur gewinnend wirken mit glaubwürdiger Theologentugend. Dazu zählen das persönliche Bekenntnis und Bereitschaft zur Evangelisierung, innerhalb der CSW-Landschaft ein verbindendes Bekenntnis-Bewusstsein und faire Streitkultur.

Hinzu kommen in zunehmend entchristlichter Gesellschaft realistische Bescheidenheit, ehrliche interdisziplinäre Neugier ohne theologische Hybris, Mut zu unpopulären Orientierungen, zur Abgrenzung gegenüber unvereinbaren Positionen und zur Koalition mit inhaltlich nahestehenden Argumenten, sowie Hoffnung auf den Beistand des Heiligen Geistes.

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