Corona

Beim Impfen hat der Staat versagt

Nicht die Ungeimpften, sondern fortgesetztes Staatsversagen und überzogene Erwartungen an die Wirksamkeit von Impfstoffen sind ursächlich für die Heftigkeit der vierten Welle.
Coronavirus - Booster-Impfungen in Hausarztpraxen
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | Der Kampf gegen die Pandemie ist geprägt von vielen handwerklichen Fehlern.

Manchmal öffnet erst der Blick in die Zukunft unsere Augen für die Gegenwart. Meist reicht jedoch bereits ein Blick in die Vergangenheit. Am 9. November 2020 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe von Mitgliedern der Ständigen Impfkommission (STIKO), des Deutschen Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein gemeinsames Positionspapier mit dem Titel: „Wie soll der Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff geregelt werden?“

Mit einem Umfang von nur sechs Seiten fällt das Papier, dessen Verfasser gewissermaßen den geballten wissenschaftlichen Sachverstand jener Institutionen repräsentieren, die die Politik in der Pandemie beraten, ziemlich kurz aus. Auch nach mehr als einem Jahr ist es immer noch sehr lesenswert. Schon damals konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, seine Autoren müssten bei seiner Abfassung die Empfänger, deren Hauptlektüre in aller Regel aus Vermerken besteht, vor Augen gehabt und sich gedacht haben: „Sechs Seiten, schaffst Du schon!“

Zu optimistisch eingeschätzt

Heute ist man geneigt, zu sagen: Das war wohl zu optimistisch. Denn auf Seite fünf finden sich Sätze wie: „Wenn ein Impfstoff gegen COVID-19 bei der Eindämmung der Pandemie zukünftig breit und erfolgreich eingesetzt werden soll, muss das Vertrauen der Öffentlichkeit in seine Sicherheit und Wirksamkeit gewonnen, gesteigert und aufrechterhalten werden.“ Und weiter: „Umfragen zufolge liegt die Bereitschaft, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, derzeit bei unter 60 Prozent. Daher besteht Handlungsbedarf.“ Es folgen fünf Abschnitte, die mit Zwischenüberschriften wie „Vertrauen aufbauen“, „Maßgeschneiderte Informationen“, „Bedenken erkennen, anerkennen und darauf reagieren“, „Transparenz“ sowie „Feedback einholen, Monitoring der Akzeptanz“ auch für eilige Leser eigentlich unmissverständlich überschrieben sind und sich in Summe wie eine Blaupause für eine erfolgreiche Impfkampagne lesen.

Und was machte der Staat? So ziemlich das genaue Gegenteil. Oder wer wollte behaupten, dass es das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in neuartige Vakzine fördert, wenn der Bundesgesundheitsminister Druck bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) macht, die bedingte Zulassung von Impfstoffen vorzuverlegen, die in Windeseile entwickelt wurden? Noch dazu nach einem Verfahren, das zuvor noch nie bei Menschen zur Anwendung kam?

Beschimpfung der Impfspektiker

Wer wollte behaupten, dass die Bedenken von Impfskeptikern „erkannt“ oder gar „anerkannt“ werden, wenn der Bundesgesundheitsminister und Ministerpräsidenten fast jedweder politischer Couleur Impfskeptiker vor laufenden Kameras wahlweise als „Impffaule“, „Impfgegner“ oder „Impfverweigerer“ beschimpfen, oder sie – so ungeniert wie pauschal – gar unter die Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker rechnen?

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Wer mag noch von „maßgeschneiderten Informationen“ sprechen, wenn Menschen, die sich über seltene, schwerwiegende Nebenwirkungen der COVID-19-Impfstoffe informieren wollen, den ursprünglich monatlich, inzwischen nur noch alle zwei Monate fortgeschriebenen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts aus den Tiefen des Internets ausgraben müssen, während ihnen das Infektionsgeschehen täglich auf allen Kanälen um Augen und Ohren gehauen wird? Wer mag von „Transparenz“ sprechen, wenn Mr. Corona, alias Karl Lauterbach, jede diesbezügliche Frage mit dem Hinweis abbügelt, die Folgen einer Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2, die in vielen Fällen symptomfrei verlaufen, seien in jedem Fall schwerwiegender?

Druck auf die STIKO

Wie soll Vertrauen entstehen, wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der STIKO öffentlich zügigere Empfehlungen für die Impfung immer jüngerer Altersgruppen fordern und, wenn die STIKO dem nicht rasch genug nachkommt, laut darüber nachdenken, ob nicht die Zusammensetzung des Gremiums geändert werden müsse? Und wer soll sich einen Reim darauf machen können, wenn Politiker die Erfordernis, sich impfen zu lassen, zunächst mit der „Solidarität“ mit der Gruppe der Vulnerablen begründen, und kaum, dass diese überwiegend doppelt geimpft ist, mit den Kindern und Jugendlichen, die sich zwar noch nicht impfen lassen können, allerdings auch kein erhöhtes Risiko besitzen, schwer an COVID-19 zu erkranken?

Führende Medizinethiker und erklärte Impfbefürworter, wie die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, und ihre Vorvorgängerin im Amt, Christiane Woopen, empfehlen in Talkshows niederschwellige Impfangebote und aufsuchende Kommunikation. Und was macht die Politik? Sie übersetzt das bislang vor allem mit Gratis-Bratwürsten und Techno-Nächten. Mehr demonstrativ zur Schau getragene Verachtung der politischen Klasse für ihren Souverän ist kaum vorstellbar. Was kommt demnächst? Der „Shrimps-Salat mini“ für Gäste der „Tafel“ oder die Flasche Wodka für alkoholabhängige Obdachlose?

Handwerkliche Managementfehler

Damit nicht genug: Zu der grandios vergeigten Impfkampagne gesellen sich auch eine Vielzahl handwerklicher Fehler beim Pandemie-Management, die in Summe dazu führen, dass die Verantwortlichen längst jeden Überblick über das tatsächliche Infektionsgeschehen verloren haben. Am Mittwoch vergangener Woche erklärte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bei einer Online-Veranstaltung mit der sächsischen Landesregierung: „Die Unterfassung der wahren Zahlen verstärkt sich.“ Hinter den mehr als 50.000 Neuinfektionen, die zu diesem Zeitpunkt pro Tag registriert wurden, „verbergen sich mindestens noch einmal doppelt oder dreimal zu viele“. Heißt: Auch nach rund zwei Jahren Pandemie erweisen sich die Gesundheitsämter weiterhin als völlig unzureichende Instrumente im Kampf gegen das Virus. Waren die 375 Gesundheitsämter anfänglich völlig überfordert damit, die Kontaktverfolgung von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zu bewerkstelligen, weshalb viele Infektionsketten nicht gebrochen wurden, so scheitern sie jetzt offenbar bereits an der Erfassung und Meldung von bundeweit weniger als 100.000 Neuinfektionen.

Mit der Abschaffung der erst kürzlich wieder eingeführten kostenfreien Schnelltests, die von den Bürgerinnen und Bürgern als das verstanden wurde, als das sie gemeint war, nämlich als Bestrafung derjenigen, die sich bisher nicht haben impfen lassen, hat der Staat nicht nur in Kauf genommen, dass Infektionen unerkannt blieben und sich vielfach unbemerkt weiter verbreiten konnten, er hat sich auch einer weiteren Möglichkeit beraubt, ein realistisches Lagebild zu entwickeln.

Proteste gegen Schikanen

Nicht einmal über die Zahl der tatsächlich Genesenen und damit jener, die einen natürlichen Immunschutz gegen das Virus aufgebaut haben, weiß der Staat wirklich Bescheid. Bis heute gilt als „genesen“ nur, wer einen positiven PCR-Test vorweisen kann, der älter als 28 Tage und jünger als sechs Monate ist. Bei einer Erkrankung, die wie COVID-19 in vielen Fällen symptomfrei verläuft, kann damit jedoch nur ein Bruchteil der tatsächlich Genesenen erfasst werden. Antikörpertests, mit denen sich die Menge der Antikörper (Titer) bestimmen ließen, die ein Organismus im Kampf gegen eine Infektion gebildet hat und die Aufschluss darüber geben könnten, wie gut oder aber auch wie schlecht ein Genesener gegen eine erneute Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus geschützt ist, werden als Nachweis für eine überwundene Infektion schlicht nicht akzeptiert.

Darf sich der Staat wundern, wenn Bürgerinnen und Bürger das als Schikane empfinden und ihrerseits mauern, wenn Politiker, die ihnen den möglichen Genesenen-Status verweigern, zum Impfen rufen? Erschwerend kommt hinzu: Bis vor kurzem lautete der Werbeslogan für die Impfung gegen COVID-19: „Wer sich impfen lässt, schützt sich und andere.“ Auch jetzt bekommt man ihn noch vereinzelt zu hören. Dabei ist längst klar: Wer sich impfen lässt, minimiert in erster Linie das eigene Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken.

Da keiner der erhältlichen COVID-19-Impfstoffe eine „sterile Immunität“ gewährt, können sich auch vollständig geimpfte Personen mit dem Virus infizieren und anschließend mit ihm weitere Personen infizieren. Der aktuelle Wochenbericht des RKIs (Stand 18.11.) registriert mittlerweile 214.815 solcher sogenannter Impfdurchbrüche.

Ratschläge des RKI

In diesem Bericht rät das RKI nun „dringend dazu, größere Veranstaltungen und enge Kontaktsituationen, wie z.B. Tanzveranstaltungen und Clubs abzusagen bzw. zu meiden“. Veranstaltungen also, zu denen Ungeimpfte inzwischen in aller Regel überhaupt keinen Zugang besitzen. „Dringend“ rät das RKI ferner, „auch alle anderen nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren“. Und weiter: Vor notwendigen Kontakten zu Personen mit einem Risiko fur einen schweren Krankheitsverlauf (altere Personen, chronisch Kranke) sollte – unabhangig vom Impf- oder Genesenenstatus – ein Test durchgefuhrt werden.“

Was ist dies anderes als das bundesbehördliche Eingeständnis, dass jeder – unabhängig vom Impf- und Genesenstatus – weiterhin für die Verbreitung des Virus sorgen kann. Und weil das so ist, ist auch die Vorstellung absurd, in einem 82 Millionen Einwohner zählenden Land ließe sich eine Herdenimmunität herbeiimpfen oder -boostern, wenn einem nur genug Menschen einen ihrer Oberarme reichten. Studien in renommierten Fachzeitschriften wie „Science“ und „Lancet“ zeigen längst, dass der Schutz vor einer Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 bei allen bislang erhältlichen COVID-19-Impfstoffen bereits nach fünf Monaten rapide nachlässt. Im Falle des Vakzins von AstraZeneca ist er schon vorher nicht einmal mehr messbar.

Zugegeben, in einem Land wie Israel, das nur neun Millionen Einwohner zählt und über ein durchdigitalisiertes Gesundheitssystem verfügt, lassen sich auch hohe Inzidenzen mit konzertierten Booster-Aktionen vorübergehend recht eindrucksvoll drücken. Nur müsste Deutschland, um den gleichen Effekt zu erzielen, jedes Mal rund 73 Millionen Impfdosen mehr verimpfen. Wer das – zumal in diesem Land – für durchführbar hält, raucht entweder Pilze oder hat die vergangenen zwei Jahre im Winterschlaf zugebracht.

Staatsversagen darf nicht epidemisch werden

Politiker aller Parteien sind gut beraten, dafür zu sorgen, dass das Staatsversagen nicht epidemisch wird, anstatt einen so primitiven wie durchschaubaren Krieg gegen die Ungeimpften anzuzetteln. Wenn schon nicht aus Gründen der Wahrhaftigkeit, dann wenigstens im eigenen Interesse. Denn die nächste Wahl kommt ganz bestimmt.

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