Ahrtal

Wie wird es weitergehen?

Zwischen Zermürbung und Hoffnung – das Ahrtal am Jahresende nach der Flut.
Erster Advent im Ahrtal
Foto: dpa | Festlich geschmückte Weihnachtsbäume vor vernagelten Fenstern an menschenleeren Straßen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal wirkt weiter.

Grauer Nebel hängt über dem Ahrtal. „Normal“, sagt man hier. Dezemberwetter im Rheinland, wo es nur selten schneit. Aber normal ist nichts mehr, seit die gewaltige Flutwelle im Juli das gesamte Tal erfasste und alles mitriss, was ihr im Wege stand. Die kleine Ahr, die „normal“ höchstens achtzig Zentimeter hohes Wasser führt, schwoll an zu einem weit über sieben Meter hohen Monster, das Tod und Zerstörung bringend bis zu einem halben Kilometer rechts und links ihres Betts Landschaft, Dörfer und Städte in einer Weise verwüstete, von der die Alten sagen, so etwas habe es „seit Menschengedenken“ nicht gegeben.

Nun währt das Menschengedenken meist nur so lange, wie ein Mensch lebt. In der Tat müsste ein Ahrtaler 111 Jahre alt sein, um sich an die letzte Flut am 13. Juni 1910 zu erinnern, die mit ähnlicher Brutalität über das Ahrtal herfiel, unfassbare Zerstörung anrichtete und zahlreiche Menschenleben kostete. Auch damals konnte man sich, so steht es in archivierten Dokumenten, „seit Menschengedenken“ nicht an eine solche Flut erinnern, weil die letzte Flut im Juli 1804 auch bereits mehr als ein Menschengedenken entfernt war: obwohl auch diese nahezu alle Brücken im Ahrtal hinweggefegt und nur Trümmer sowie eine große Zahl von Toten zurückgelassen hatte.

Die zugrundeliegenden geologischen Gegebenheiten des Ahrtals in Kombination mit extremem Regen haben nichts mit dem vielzitierten Klimawandel zu tun. Allerdings steht zu befürchten, dass sich durch eine künftige Häufung von Starkregenereignissen die Gefahr erhöht, dass das Menschengedenken bald nicht mehr zu lang sein dürfte, um sich der Grauen der letzten Flut zu erinnern.

142 Tote nach der Flutwelle

142 Tote wurden nach der Flutwelle im Juli 2021 im Ahrtal gezählt, darunter eine junge Feuerwehrfrau. Zwei Menschen werden bis heute noch vermisst. Bei acht der Toten hieß es behördlicherseits diskret, sie seien „schon vor der Flut verstorben“. Die aufgewühlten, völlig zerstörten Friedhöfe entlang der Ahr kündeten vom Unaussprechlichen. Die Zerstörung war und ist namenlos. Ein Drittel der Bewohner des Ahrtals hat alles verloren.

Sobald am 15. Juli die ersten Bilder aus dem Flutgebiet öffentlich wurden, setzte ein Strom der spontanen Hilfsbereitschaft ein: Buchstäblich Hunderttausende von spontanen Helfern bevölkern seither das Tal. Die Rettungskräfte von Feuerwehr, THW, Polizei und Bundeswehr aus dem ganzen Bundesgebiet leisteten, teils unter Lebensgefahr, zunächst Ersthilfe in Form von Lebensrettung: Mehr als 300 Menschen wurden mit Hubschraubern, Booten und mittels Baggerschaufeln von Dächern, aus Bäumen und aus zur Falle gewordenen Häusern gerettet. Die großen Hilfsorganisationen waren zur Versorgung zur Stelle: Essen, Trinkwasser und medizinische Betreuung wurden trotz der schwierigen Versorgungslage angesichts der Zerstörung nahezu aller Brücken im Ahrtal bereitgestellt. Dann rückten die Bauern an: Tausende von ihnen kamen mit ihren Baggern, Treckern und Kipplastern, um den meterhohen Schutt zu räumen. Zurecht sagen die Menschen im Ahrtal: „Ohne euch wären wir verloren gewesen“.

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Dasselbe gilt für die vielen, vielen Helfer, die monatelang in „Eimerketten“ den stinkenden Schlamm sowie die zerstörten Möbel aus den Häusern schafften, den matschigen Putz von den Wänden schlugen, den Estrich aus Fußböden stemmten. Die meisten Häuser und Wohnungen im Ahrtal sind dank der vielen Helfer von Organisationen wie „Helfer-Shuttle“ und der „Dachzeltnomaden“, inzwischen auf Rohbau zurückgesetzt und müssen nun trocknen. Die Reparatur der völlig zerstörten Infrastruktur kommt voran: Nahezu alle Häuser haben wieder Strom und Trinkwasser, die Gasleitung ist in Rekordgeschwindigkeit wiederhergestellt worden, der Bahnverkehr zwischen Remagen und Walportsheim ist seit wenigen Tagen wieder möglich. Mehr als 20 Brücken hat das THW im Ahrtal errichtet.

„Oh Maria Hilf!“

Jede Neuerung ist Erleichterung und Grund zur tiefen Freude. Freiwillige gründeten das „Ahrtal-Radio“, das gute Musik, aktuelle Neuigkeiten sowie Jobangebote und weiteres Wissenswertes aus dem Ahrtal sendet – seine Antenne steht hoch auf dem Berg Landskrone an der Kapelle, von der in großen Lettern die Worte „Oh Maria Hilf!“ weit übers Tal sichtbar sind. In den Städten wurden „Pop-up-Malls“ errichtet, temporäre Einkaufsstätten, wo die örtlichen Geschäfte Raum für ihre Waren und Kunden Möglichkeit zum Einkaufen finden: fast schon wie Luxus anmutende Normalität in all der Zerstörung rührt bisher unbekannte Saiten der Seele an. Viele Dörfer wirken abends und nachts aber nahezu unbewohnt. Die Bewohner sind in Ferienwohnungen oder bei Verwandten einquartiert und kommen nur tagsüber an ihre Baustellen.

Überhaupt macht die frühe Dunkelheit im Winter den Seelen der Menschen zu schaffen. Das ohnmächtige Gefühl, dass alles viel länger dauert als gedacht und das Trocknen der Häuser in der Kälte nur minimalen Fortschritt macht, die immer noch nicht fließenden Gelder aus dem gigantischen Aufbaufonds von Bund und Ländern, teils zögerlich zahlende Versicherungen, der Fachkräftemangel, der im Ahrtal bei dem riesigen Bedarf an Handwerkern schmerzlich sichtbar wird, die Lieferkettenprobleme, die Baumaterial zum Luxusgut werden lassen können, die teilweise noch nicht funktionierenden Heizungen, die ständige Angst vor Dieben und Plünderern: all das macht die Menschen mürbe. Die frühe Dunkelheit verstärkt die Gefühle von Zukunftsangst und Depression. Dass Licht tröstlich wirken kann, erwies sich bereits am St. Martinsabend: Noch nie haben so viele Menschen an den Martinszügen im Ahrtal teilgenommen. Mit Laternen, Pechfackeln und Martinsfeuern, die Weinberge erleuchtet von Botschaften aus Licht.

Fenster der Ruinen wurden adventlich geschmückt

Der Pfarrer von Ahrweiler, Jörg Meyrer, machte einen Vorschlag für die Vorweihnachtszeit, der vielerorts aufgenommen wurde: Die Fenster der dunklen Ruinen mit beleuchtetem Adventsschmuck und Weihnachtskrippen zu schmücken. Es rührt merklich ans Herz, durch das mittelalterliche Ahrweiler in all seiner Zerstörtheit zu gehen, und in den dunklen Fassaden Krippenszenen aufleuchten zu sehen, die dem Original in Bethlehem so nah kommen wie noch nie. Überall im Ahrtal sind erleuchtete Weihnachtsbäume aufgestellt, die Tore der Stadt Ahrweiler sind mit Lichterglanz geschmückt. Auch Bad Neuenahr beleuchtet sein brutal deformiertes Ahrufer mit Lichtinstallationen. Plötzlich sind das nicht mehr beschaulich-adventliche Inszenierungen für Touristen, sondern Hoffnungszeichen, die den Bewohnern für einige Stunden am Tag tröstend die Seele wärmen.

Wo aber Licht ist, fehlt auch der Schatten nicht. Manche der guten Helfer erliegen inzwischen einem Helfersyndrom, das sie wie Helikoptereltern gegenüber den Ahrtalern agieren lässt: Jede langsam in Selbstverwaltung übergehende Hilfsleistung wird argwöhnisch kritisiert – die „armen Menschen“ müssen in ihren Augen weiterhin rund um die Uhr versorgt, verpflegt und beschenkt werden wie unmündige Kinder. Der freiwillige Helfer, der in einem der Orte ein Versorgungszelt organisiert und verwaltet hat, lässt auf Facebook seiner Empörung darüber freien Lauf, dass nun ein ansässiger Gastronom diese Aufgabe übernehmen soll, um selbst wieder auf die Beine zu kommen: „Ich kann nicht mehr ohne das Ahrtal!“

Unbürokratische Spenden

Und seine zahlreichen Follower schimpfen tausendfach auf „unbarmherzige“ Behörden und auf jeden Betroffenen, der ihnen versucht zu erklären, dass auch im Ahrtal langsam wieder Selbstverantwortung einziehen soll und muss. Überhaupt die Internet-Videos: Anfangs dienten sie dazu, Tausende auf die Not im Ahrtal aufmerksam und sich auf den Weg zu machen, um zu helfen. Inzwischen werden sie aber von Bewohnern des Ahrtals zunehmend als Selbstinszenierung und oft sogar als distanzlos erlebt: Der Preis dafür, eine private Barspende „unbürokratisch“ im Umschlag überreicht zu bekommen, ist beispielsweise häufig die Bereitschaft, für rührselige Live-Videos bereitzustehen.

Solcher Wohltätigkeitsinszenierung im weltweiten Netz wohnt bedrückende Peinlichkeit inne. Oder die Aufforderung an potentielle Helfer: „Kommt ins Ahrtal! Das ist hier wie ein großer Abenteuerspielplatz! Schöner als Urlaub auf Aida!“ – das schafft Befremden bei der schwer gebeutelten Bevölkerung. Das Schwanken zwischen Dankbarkeit und wachsender Genervtheit ist schwer in Worte zu fassen – deshalb schweigen die meisten darüber, oft mit zusammengebissenen Zähnen. Auch die Geschäftemacher und Glücksritter der Katastrophe bleiben nicht aus: Um begehrte, teuer bezahlte Aufträge im Ahrtal wird sich zuweilen so gebissen, dass einander buchstäblich Sand ins Getriebe der Baustellenfahrzeuge geschüttet wird: Hier ist jeder sich selbst der Nächste – auf dem Rücken des Ahrtals.

Das Jahresende im Ahrtal ist also geprägt von Zermürbung und Hoffnung, von Dankbarkeit und Befremden, von Verlust und Geschäft, von Depression – und zuweilen auch Freude. Wie wird es weitergehen nun, da wieder die andere Naturkatastrophe, das Corona-Virus, ihr Haupt erhebt und die tägliche Mühsal noch erschwert? Die Hoffnung stirbt aber, wie seit Menschengedenken, zuletzt.

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