Geschichte

„Wer bestimmt, wer ich bin?“

Mitten in Berlin, in einem früheren jüdischen Viertel der Hauptstadt, erinnert heute das Anne-Frank-Zentrum an das deutsch-jüdische Mädchen, dessen Tagebuch in der ganzen Welt bekannt wurde.
Foto: Oliver Gierens | „Das Anne-Frank-Zentrum ist ein pädagogischer Lern- und Erinnerungsort, interaktiv und inklusiv“, sagt die Leiterin Veronika Nahm.

Auf den ersten Blick ist es einer der typischen Berliner Hinterhöfe. Durch ein großes Eingangstor gelangt man auf einen engen Innenhof, ringsum mit vierstöckigen Gebäuden umbaut. Hier, in der Rosenthaler Straße 39 gleich hinter den Hackeschen Höfen in Berlin-Mitte, blühte einst das jüdische Leben. Heute sind viele kleine Kunst- und Kulturprojekte zu Hause. Es ist ein lebendiger Hinterhof, der zum Austausch einlädt. Unter anderem befindet sich hier das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt.

Hier beschäftigte der Kleinfabrikant Weidt während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich blinde und gehörlose Juden. Wer den Hof komplett durchquert, sieht an der Wand ein riesiges Graffiti von Anne Frank, die 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet wurde und durch ihr weltberühmtes Tagebuch der Nachwelt ein einzigartiges Zeitdokument hinterlassen hat. Wer die Treppenstufen zum Berliner Anne-Frank-Zentrum erklimmt (oder den Aufzug benutzt), das hier beheimatet ist, findet das besagte Tagebuch in seinem rot-weiß-karierten Leinenumschlag gleich am Eingang in einem gläsernen Schaukasten ausgestellt. Es ist allerdings nur ein Faksimile, doch um dieses Buch und die Person dahinter dreht sich die ganze Ausstellung.

Ausstellung rund um das Tagebuch

Die richtet sich vorwiegend an Jugendliche und junge Erwachsene – und will daher mehr bieten als mehr oder weniger spannende Schautafeln. Hier können und sollen die Besucher aktiv mitmachen, die Ausstellung mit ihren eigenen Ideen und Gedanken bereichern. Das beginnt schon beim ersten Teil, der Anne Franks Lebensgeschichte weitgehend chronologisch erzählt, von der frühen Kindheit in Frankfurt am Main über die Flucht in die Niederlande, dann, nach dem dortigen Einmarsch der Wehrmacht, das Leben im Versteck und am Ende die Deportation und Ermordung in Bergen-Belsen.

Gleich zu Beginn können die Besucher Teile der Ausstellung nach ihren Vorstellungen verändern. Zum Leben der Familie Frank in Frankfurt gibt es historische Fotos mit kurzen Erklärungen, alte Stadtpläne oder Kopien von Original-Dokumenten. Alle sind auf kleinen Täfelchen angebracht, die die Besucher beliebig anordnen oder auch ganz beiseite legen können. „Das Anne-Frank-Zentrum ist ein pädagogischer Lern- und Erinnerungsort, interaktiv und inklusiv“, sagt Veronika Nahm

im Gespräch mit der „Tagespost“. Zum 1. Juni dieses Jahres hat sie die Leitung des Hauses übernommen, bereits zuvor war die Historikerin und Juristin für die Berliner Ausstellung und das pädagogische Konzept verantwortlich.

Inklusives Konzept

Inklusion soll hier groß geschrieben werden: So ist die gesamte Ausstellung rollstuhlgerecht gestaltet. Es gibt ein Bodenleitsystem, in kurzen Erklärfilmen wird ein Gebärdendolmetscher eingeblendet. Sehbehinderte können sich über Tastobjekte oder Informationen in Brailleschrift zurechtfinden. Auch will die Ausstellung auf eine einfache, klare Sprache achten, beispielsweise schwierige Wörter erklären. Doch dieses Konzept zieht sie leider nicht konsequent durch. So sind alle Texte durchweg „gegendert“. Statt dem generischen Maskulin, das alle Geschlechter ausnahmslos einschließt, finden sich hinter den Hauptwörtern Gendersternchen, die insbesondere in der gesprochenen Sprache irreführend sind. Man habe das diskutiert, gesteht Veronika Nahm ein. Aber es sei ihnen wichtiger gewesen, alle möglichen Geschlechter einzuschließen, als beim Lesen zu stolpern. Trotz dieses stilistischen Mangels ist die Ausstellung übersichtlich und leicht verständlich. So zeigt beispielsweise eine Infografik in vielen kleinen comicartigen Bildern, was Anne Frank gerne in ihrer Freizeit gemacht hat: Ins Kino gehen, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, in die Schule gehen und einiges mehr. All diese Dinge waren den Juden während der deutschen Besatzung in den Niederlanden – wie auch in Deutschland selbst – verboten. Daher sind sie auf dem Bild mit roten Kreuzen durchgestrichen.

Bezüge zur Gegenwart

Doch neben der Lebensgeschichte Anne Franks sollen den Jugendlichen auch die Bezüge zur Gegenwart vermittelt werden. Denn immer wieder wird deutlich: Der Antisemitismus ist in Deutschland wie in vielen anderen Ländern keineswegs ausgestorben. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie die Flüchtlingskrise 2015, grassierende Verschwörungstheorien oder antiisraelische Tendenzen wollen die rund 40 Mitarbeiter des Anne-Frank-Zentrums konkret aufgreifen und in den historischen Bezug setzen. „Kinder werden früh mit dem Thema Holocaust konfrontiert“, berichtet Veronika Nahm. Und sie betont: Alle Phänomene, die man in der gesamten Gesellschaft beobachten könne, sehe sie auch bei Jugendlichen. Das gilt nicht zuletzt für muslimische Schülerinnen und Schüler. Dort werde in den Familien kaum über den Holocaust gesprochen – und mittlerweile trauten sich viele Lehrer kaum noch, in Schulklassen mit hohem muslimischem Anteil das Thema allzu intensiv aufzugreifen – daher sei diese Gruppe gleich doppelt benachteiligt.

Kreative Auseinandersetzug

Um den Besuchern diese Bezüge zu aktuellen Diskussionen und gesellschaftlichen Tendenzen zu verdeutlichen und sie zum aktiven Mitmachen anzuregen, darum dreht sich der zweite Teil der Ausstellung. Zunächst zeigt sie in einem riesigen Bücherregal das Tagebuch von Anne Frank in unzähligen Übersetzungen. Hier finden sich Ausgaben auf Englisch, Französisch, Japanisch, Gälisch, Finnisch und in vielen anderen Sprachen. Darüber steht die Frage „Warum sind Tagebücher wichtig?“ Die Besucher lernen die Lebensgeschichte eines jungen Mädchens kennen, aber auch ihre Gefühle und Gedanken. So sollen insbesondere Jugendliche ermuntert werden, selbst kreativ zu sein, sich mit ihren eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. An einer „Mitmachstation“ können sie Briefe an sich selbst in der Zukunft schreiben. Diese können sie in einem Umschlag in einen Briefkasten werfen und sie damit öffentlich zugänglich machen – oder sie nehmen sie mit nach Hause.

Antisemitismus gestern und heute

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Eine weitere Station zeigt Beispiele für Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart. Dort liegen Zettel aus, die die Besucher ausfüllen können. „Meine Meldung eines antisemitischen Vorfalls“ steht auf den Bögen – und was dort zu lesen ist, ist nicht immer ganz unproblematisch, gesteht auch Veronika Nahm ein. Manche Vorfälle, die an der Pinnwand zu lesen sind, haben nichts mit Antisemitismus zu tun, andere schreiben ganz freimütig Namen und Orte auf. Doch solche Zettel würden schnell wieder entfernt. An einer weiteren Station sind die Jugendlichen eingeladen, ihre ganz persönlichen Entwürfe für Denkmäler zu entwerfen. Eine Bastelstation, die allerdings aufgrund der Corona-Beschränkungen derzeit nur eingeschränkt nutzbar ist, stellt ihnen dafür Papier, Pappe, Legosteine und andere Materialien bereit. So sollen sich die Schüler mit der Frage auseinandersetzen, welche Denkmale, welche Formen von Gedenken heute fehlen.

Und letztlich weist die abschließende Station über die Themen Holocaust und Antisemitismus hinaus. Es geht um die Frage „Wer bestimmt, wer ich bin?“. Anne Frank hat sie sich in ihrem Tagebuch oft gestellt, und auch Diskriminierungserfahrungen beruhen unter anderem darauf, dass Menschen unter einem bestimmten Blickwinkel – beispielsweise als Juden, Migranten oder Andersdenkende – gesehen und auf ihn reduziert werden. Eine Videowand zeigt kurze Filme, in denen Menschen ihre Lebensgeschichte erzählen und darüber sprechen, wer sie sind und wie sie mit diskriminierenden Zuschreibungen umgehen. Hier können die Besucher wiederum mitmachen. An einer großen Magnetwand sind kleine Täfelchen mit Wörtern aus dem Tagebuch angebracht. Sie beschreiben Aspekte von Identität – ängstlich, mutig, sportlich, faul und viele mehr. Die Besucher können hier alle Begriffe, die sie für zutreffend halten, in einer Denkblase anbringen und damit ein Selfie machen.

Deutsche Partnerorganisation

Träger des Anne-Frank-Zentrums ist ein gemeinnütziger Verein, der 1994 entstanden ist. Er ist mittlerweile die deutsche Partnerorganisation des offiziellen Anne-Frank-Hauses in Amsterdam und finanziert sich aus Spenden sowie aus öffentlichen Projektförderungen. Für Schulklassen, die nicht die Möglichkeit haben, die Berliner Ausstellung zu besuchen, gibt es auch eine Wanderausstellung. Die will Veronika Nahm neu konzipieren, noch inklusiver gestalten, wie sie im Gespräch erzählt. Von 2004 bis 2007 arbeitete sie für den Bereich Bildung und Vermittlung des Deutschen Historischen Museums. Sie ist Mitglied der Kommission Jugendbildung im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten und bringt somit viel Erfahrung für die Bildungsarbeit im Anne-Frank-Zentrum mit. Eine Arbeit, die angesichts aktueller gesellschaftlicher Tendenzen und einer immer geringeren Zahl noch lebender Zeitzeugen des Holocaust eher noch an Bedeutung gewinnt.

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