Kirchenkunst

Unvollendeter Schatz

Vor seiner Abdankung als Bayernherzog träumte Wilhelm der Fromme von einem opulenten Grab.
Foto: Wiki | Der Weihwasserengel in der Kirche St. Michael

Sie ist die wohl meistfotografierte Frau Münchens – magisches Lächeln, ebenmäßiges Gesicht, junge Mutter. Obwohl sie im Zentrum der hippen Modemetropole an der Isar steht, ist sie nicht unbedingt das, was man sich gemeinhin unter einem Pin-up-Girl vorstellt – die vergoldete Figur der Patrona Bavariae auf der Mariensäule inmitten des Marienplatzes. Auch wenn sie nicht der geographische Mittelpunkt des weißblauen Staats ist, so ist sie doch der Ur-Meter, von dem alle Landesvermessung ausgeht. Wer auf einem Straßenschild den Hinweis liest, dass es bis München noch 100 Kilometer sind, steht nach 100 Kilometern direkt vor der Gottesmutter! Aber wie kommt sie auf die Säule?

Die prominenteste Frau Münchens

Das Wann ist klar. Inmitten des Dreißigjährigen Krieges, am 7. November 1638, ließ Kurfürst Maximilian I. von Bayern die Bronzeskulptur auf die über 11 Meter hohe Marmorsäule hieven; weil die Schweden seine Residenzstadt wundersamerweise verschont hatten. Leider war das Wunder nicht gratis gewesen, denn die Bürger mussten eine „Brandschatzung“ von 300 000 Talern berappen. Seither wacht Maria über Bayern; die Kaiserkrone auf dem Haupt, das Zepter in der erhobenen Rechten und das segnende Christuskind auf dem linken Arm. Zuvor hatte die Statue schon die Liebfrauenkirche geziert; zumindest bis zur Neugestaltung des Hochaltars im Jahre 1620. Aber auch diese Aufstellung scheint nur ein Provisorium gewesen zu sein, denn dort stand die Figur nur mäßig erhöht vor einer Wand, obwohl sie auf eine Rundum-Untersicht modelliert wurde, weswegen sie ihren Hals unnatürlich nach vorne streckt – was auf der Mariensäule freilich nicht auffällt. Die prominenteste Frau Münchens eine wandernde Second-Hand-Madonna?

Kronzeuge Gustav Adolf II.

Um der Lösung dieses Kunstkrimis näher zu kommen, müssen wir als Zeugen zunächst Gustav Adolf II. von Schweden vorladen, dem die Stadt Mitte Mai 1632 kampflos in die Hände fiel. Während seines 10-tägigen München-Aufenthaltes besuchte er auch die touristischen Hotspots, etwa die in der Residenz seines Erzfeindes Maximilian aufgestellten Großbronzen. Nicht überliefert ist, ob auch der Schwedenkönig – wie es heute der Glück verheißende Brauch ist – die Schnauzen der Wappenschilde an den vier berühmten Residenzlöwen streichelte.

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Ein weiterer Besichtigungspunkt Gustav Adolfs war die Michaelskirche. Obwohl von den gegenreformatorischen Jesuiten besetzt, soll ihn der epochale Spätrenaissancebau schwer beeindruckt haben. Neugierig geworden, wollte er sich auch das Stiftergrab zeigen lassen. Als er vernahm, dass Herzogin Renata und Herzog Wilhelm V. in christlicher Demut auf jeglichen Prunk verzichtet hätten, vergoss er angeblich Tränen der Rührung. Nur eine schmucklose, vor dem Treppenaufgang zum Chor eingelassene Bodenplatte erinnerte an das Herzogspaar. Dahinter, wo sich heute der Volksaltar befindet, erhob sich eine große, frei im Raum stehende Kreuzigungsgruppe und auf deren Rückseite, mit dem Gesicht zum Altar, ein wundervoller, bronzener Engel, dessen Hände auf einem marmornen Weihbrunnen ruhten.

München als Zentrum der Bildhauerkunst

Freilich ist die Geschichte, die man dem Schweden seinerzeit auftischte, nicht die ganze Wahrheit. Zwar war Herzogin Renata zeitlebens eine zutiefst gläubige Katholikin gewesen und auch ihr Gatte Wilhelm der Fromme hatte zuletzt ein zurückgezogenes Leben in stiller, geradezu monastischer Kontemplation geführt. Vor seiner Abdankung als Bayernherzog aber sah die Sache anders aus. Schon seine Hochzeit mit der Lothringerprinzessin war eine mondäne Sause, an deren Pomp noch heute das Rathaus-Glockenspiel erinnert. Auch nach Wilhelms Regierungsantritt flossen Unsummen in Künstler und Künste; München wurde unter seiner Ägide zu einem Zentrum der Bildhauerkunst. Gleichzeitig mit der Hofhaltung aber wuchs der bayerische Schuldenberg in astronomische Höhen; zumal Herzog Wilhelm mit seiner 1585 begonnenen Michaelskirche ein ehrgeiziges Projekt verfolgte. Der riesige Kirchenbau sollte Anciennität der Abstammung und potenzielle Kaiserwürde des Hauses Wittelsbach verherrlichen.

Die Standbilderparade

So begann man denn auch die Standbilder-Parade der echten und eingebildeten Vorfahren an der Fassade mit dem legendären Stammesherzog Otto, es folgen u.a. Theodo, Tassilo I., Karl der Große und Ludwig der Bayer; klar, dass Wilhelms Vater, Albrecht V., und sein kaiserlicher Opa Ferdinand I. keinesfalls fehlen durften. Den Gipfel aber sollte das monumentale, im Zentrum der Kirche geplante Stiftermausoleum bilden. Wie eine Pyramide aus schwarzem Marmor und dunkler Bronze wollte man das Hochgrab vor dem weiß getünchten Hintergrund des Kircheninneren unter einer Kuppel auftürmen – bewacht von vier knienden, annähernd lebensgroßen Rittern mit Standarten und umgrenzt von einer Gitterbalustrade mit großen Kandelabern an den Eckpostamenten. Der Entwurf des deutsch-niederländischen Allroundkünstlers Friedrich Sustris sah an den Ecken der mit Auferstehungsreliefs geschmückten Tumba vier bayerische Löwen mit Wappenkartuschen vor. Auf dem Dach sollte das im Gebet versunkene Herzogspaar mit Schleppenträger-Putten zu sehen sein, sowie zwei Schutzengel, die vor den knienden Stiftern auf ein dahinter freistehend aufragendes Kreuz gewiesen hätten; mit der niedergesunkenen, zum Christus aufblickenden Maria Magdalena. An der zum Altar gerichteten Schmalseite war eine Statue Ottos I. vorgesehen, der von Friedrich Barbarossa mit dem Herzogtum belehnt worden war, und auf der anderen, zum Schiff hin, ein Weihbrunnen-Engel. Über allem hätte die Gottesmutter auf der Mondsichel geschwebt, an einer am Gewölbe montierten Aufhängung – zumindest, wenn man den erhaltenen Akten vertraut.

Angespannte Finanzlage

Ein ambitioniertes, anspruchsvolles Projekt – und das bei angespannter Haushaltslage! Doch anders, als zu erwarten wäre, war es nicht der Guss der Großbronzen, der Probleme bereitete. Tatsächlich wurden bis auf das Stifterpaar alle Figuren fertiggestellt; auch die Kandelaber, die Gruftplatte und die Löwen; die meisten wohl in der Werkstatt Hubert Gerhards. Bedeutende Teile schufen auch Carlo Pallago und Hans Reichle. Den Gekreuzigten – ein Geschenk des Medici-Großherzogs Ferdinando I. – schuf Großmeister Giambologna. Tatsächlich scheiterte das Grabmal aus wissenschaftlichen Gründen, denn der Auftraggeber wünschte – wie Kaiser Maximilian bei seinem Grab – auch seine Vorfahren in das Projekt mit einzubeziehen; zumindest virtuell durch ihre Wappen. Anders aber als in Innsbruck, wo man unter Habsburgs „Schwarzen Mandern“ auch Ostgotenkönig Theoderich findet oder so manch altrömischen Kaiser, sollte der Wittelsbacher-Stammbaum den neuesten Wissenschaftsstandards genügen; alle Heroldsstücke „uber 800 jar erstreckt...“ mussten „...ex authoribus et documentis zue verificiern“ sein. Eine Aufgabe, die den Archivar schier zur Verzweiflung trieb. Woher ein Agilolfingerwappen nehmen, wenn die Zeit noch gar keine Heraldik kannte?

Bannerträger wanderten in die Liebfrauenkirche

Je weiter die Planungen gediehen, desto mehr überfrachtete Wilhelm V. seine Sepultur mit zunächst 20, dann 28, später 38 und schließlich 44 Wappenkartuschen, die in lückenlos fortschreitender Folge seine Ahnenreihe dokumentieren sollten. 1594 kamen die genealogischen Mühen zum Erliegen. Weil er keine Verbindung der Wittelsbacher mit Karl dem Großen finden konnte, meldete sich der überforderte Archivar zum Türkenkrieg ab. Dem Wahnsinn machte Herzog Wilhelms Sohn Maximilian ein Ende. Er sperrte den von der Türkenfront heimgekehrten Beamten kurzerhand aus dem Hausarchiv aus, regierte fortan mit dem Rotstift und entließ die teure Hofkünstlerschaft. Maximilian, später Bayerns erster Kurfürst, gelang, woran heutige Finanzminister scheitern – die schwarze Null. Die für das Grabmal gegossenen Bronzen wurden recycelt; das Grabmalprojekt des Vaters löste sich für die Steckenpferde des Sohnes auf. Die Bannerträger wanderten in die Liebfrauenkirche, Otto I. auf einen Brunnen, die Löwen an die Residenz und die schwebende Gottesmutter auf die Mariensäule. In St. Michael blieben nur der Weihwasserengel, die Reliefs, die Leuchter und die Kreuzigungsgruppe, die im 19. Jahrhundert mit der Gruftplatte ins Querhaus verbannt wurde.

Wer diesen nie vollendeten Schatz des Christentums an seinem ursprünglichen Ort sehen möchte, hat seit 2016 Gelegenheit dazu – Giambolognas Gekreuzigter ist provisorisch wieder im Zentrum der Kirche aufgerichtet worden. Er ist dort nicht allein – Maria Magdalena kniet zu seinen Füßen.

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