Brauchtum

Schöne Erinnerung

Aachener Couven-Museum präsentiert Ausstellung „Stille Nächte – süße Printen“.
Holzmodell zeigt  Jesusknaben als Wickelkind mit Ochs und Esel.
Foto: Gerd Felder | Das älteste Holzmodel, das im Couven-Museum zu sehen ist, zeigt den Jesusknaben als Wickelkind mit Ochs und Esel.

Noch steht er kahl und leer dar. Doch demnächst wird der von der Familie Schiffers aus der Umgebung von Aachen in den 1930 und 1940er Jahren selbstgebaute Stall sich nach und nach mit bis zu 350 Jahre alten Krippenfiguren beleben, entsprechend den von der Bibel geschilderten Ereignissen rund um die Geburt Jesu. Die wertvolle Krippe aus dem 19. Jahrhundert ist ein Teil der stimmungsvollen, facettenreichen Ausstellung „Stille Nächte – Süße Printen“, die das Aachener Couven-Museum in diesen Wochen zeigt.

Erinnerungen wachrufen

„Weihnachten verbindet sich für uns alle mit Erinnerungen“, erläuterte Kuratorin Dilara Uygun bei der Präsentation der attraktiven Schau, für die das alte Bürgerhaus mit seinen repräsentativen Wohnräumen vom Rokoko bis zum Biedermeier den idealen Rahmen abgibt. „Damit meine ich eher Erinnerungen wie die, dass man zusammen den Tannenbaum geschmückt oder die Freude in den Augen der Kinder beim Öffnen der Pakete gesehen hat. Der Besuch dieser Ausstellung soll eine schöne Erinnerung werden, mit der man dem Stress der Vorweihnachtszeit entflieht.“ Was Uygun mit der Ausstellung verdeutlichen will und heute oft vergessen wird: Erst in der Epoche des Biedermeiers ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Weihnachten zu einem Fest, das man in Beschaulichkeit und Stille im engsten Familienkreis beging. Im Mittelpunkt des Festgeschehens stand die Jahr für Jahr wieder aufgestellte Familienkrippe, deren Figuren über viele Generationen weitergegeben wurden, und daneben der duftende Tannenbaum mit seinen zauberhaften Anhängseln.

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Wie ein Arrangement im Aachener Couven-Museum zeigt, zimmerte man sich einen wiederverwertbaren Steckbaum als Weihnachtsbaum selbst und schmückte seine Latten mit Tannengrün. Als Schmuck verwendete man – wie könnte es in Aachen anders sein? – Puppen und Reiter aus Printenteig – und natürlich auch Christbaumkugeln, Wattefiguren und Kerzen für die Zweige. Unter der Lichterpracht des Tannenbaums waren von der Pferdekutsche über den Puppenherd bis zur Blechkanone all die Spielzeuggeschenke ausgebreitet, denen die Kinder bereits erwartungsvoll entgegenfieberten.

Im Biedermeier begann das Weihnachtsbacken

Mit der Biedermeierzeit hielt auch das Backen zur Advents- und Weihnachtszeit Einzug in die heimischen Stuben. Dass die Hausfrau sich mit großer Liebe und Sorgfalt der Backtradition widmete und weihnachtliche Köstlichkeiten nach tradierten Rezepten zubereitete, gehörte schon bald zu den bürgerlichen Tugenden. Zur Vorbereitung auf das Fest wurde schon im Advent in der heimischen Küche das Kleingebäck mit viel Liebe und Sorgfalt hergestellt und in größeren Mengen und vielfältigen Formen gebacken. Symbolisch steht dafür in der Aachener Ausstellung ein Ratgeberbuch von Henriette Davidis mit 20 Rezepten, wie man Lebkuchen backt und serviert. Handgeschnitzte Printen-Model und das in ihnen ausgeformte Gebäck spielten eine wichtige Rolle.

Die in der Küchenstube oder in Bäckereien gebackenen Lebkuchen, in der Aachener Region natürlich Printen, schmeckten und schmecken aber nicht nur gut, sondern führen als „Geschichtenerzähler“ durch die Bilderwelt einer fast vergessenen Kunst. Zu den beliebtesten Motiven von Gebäckmodeln gehören Szenen aus der Bibel, Madonnendarstellungen, das Jesuskind, die heiligen drei Könige sowie Nikolaus und Christkind.

Nicht von Coca-Cola?

Eine eigene Abteilung der Aachener Schau ist den mythischen Gabenbringern Nikolaus, Christkind und Weihnachtsmann gewidmet und wartet mit einer überraschenden Erkenntnis auf: „Der Weihnachtsmann ist keineswegs, wie oft behauptet, von Coca-Cola erfunden worden, sondern taucht schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts in bildlichen Darstellungen auf, etwa in Heinrich Hoffmanns berühmtem Struwwelpeter“, hob Kuratorin Uygun hervor. Auch im Hinblick auf den Nikolaus bietet die Ausstellung Überraschendes: Auf einem kolorierten Marzipan taucht er, auf einer Leiter, stehend ohne jegliches Bischofsornat, dafür mit weißer Schürze und einer kegelförmigen Kopfbedeckung auf, wie er in seiner himmlischen Vorratskammer die Geschenke von hochgelegenen Regalen herunterholt und sie seinem Lastesel in die Tragekörbe legt. Darüber hinaus kann sogar das Christkind, wie die Ausstellung dokumentiert, völlig ungewohnte Züge an den Tag legen, indem es gegen böse Kinder - ähnlich wie sonst der Nikolaus oder gar Knecht Ruprecht – selbst die Rute schwingt.

Aachener Liedgut

Den Ausgleich zu diesem strengen Christkind bilden einige schöne Fatschenkinder, also Puppen von Wickelkindern, meist mit Wachsköpfen und schön verzierter Hülle, sowie Christkindfiguren aus Holz, deren Füße nur so leicht angewinkelt sind, dass sie sowohl liegend in einer Krippe als auch stehend als Andachtsbilder genutzt werden können.

Und nicht zuletzt vermittelt die Ausstellung noch eine neue Erkenntnis: Das Aachener Schöffenlied „Syt willekomen heire Kirst“ oder auch „Sys willekomen herre Kerst“ („Sei uns willkommen, Herre Christ“) aus dem frühen 14. Jahrhundert ist das älteste deutschsprachige Weihnachtslied (Video ab Minute 2:00). Wer hätte das gewusst?

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