Museen

Sammeln mit Konzept

Barbara Rommé leitet das Stadtmuseum Münster – die Werte des Glaubens prägen ihren Alltag.
Foto: GF | Expertin für die Stadtgeschichte Münsters: Barbara Rommé.

Wenn Museen geschlossen und Ausstellungen abgebaut werden müssen, die letztlich nie gezeigt worden sind, gehört das zu den deprimierenden Erfahrungen der Corona-Zeit. Genauso ist es der Leiterin des Stadtmuseums Münster, Barbara Rommé, ergangen, die die Beschlüsse der Politik und die Schließungen aber im Rückblick trotzdem pragmatisch sieht. „Wo Menschen sich begegnen, gibt es nun einmal mehr Möglichkeiten, sich mit Corona anzustecken“, räumt die Katholikin ein, die aus ihrem Glauben eine besondere Verantwortung für ihre Mitmenschen ableitet. „Ich bin keine Virologin, sehe aber die Gefahren und Risiken, denen ich die Mitarbeitenden und die Besucher nicht aussetzen will.“ Kritisch sieht sie allerdings, dass Museen von der Politik zuerst zwischen „Spielhalle“ und „Bordell“ eingeordnet wurden, während Archive und Bibliotheken der Bildung zugeordnet waren. „Da müssen wir noch mehr am gesellschaftlichen Ansehen arbeiten“, fordert Rommé.

Social Media bietet kein echtes Raumerlebnis

Barbara Rommé, 1963 in Aachen geboren, studierte in Trier, München und Heidelberg Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik und ist seit 1998 Leiterin des Stadtmuseums Münster. „Ich erinnere mich, dass ich zu Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 die Schließung unseres Museums innerhalb eines Tages organisieren musste“, sagt Rommé. „Natürlich haben wir alle nicht ,super‘ gerufen, aber wir hatten uns über die Corona-Pandemie informiert und sind dem Urteil der Experten gefolgt.“ Neben Corona stellte sich aber gleichzeitig eine andere Herausforderung, denn 12 000 Museumsobjekte mussten in ein neues Depot in Münsters Stadtteil Coerde umziehen. „Das war extrem anstrengend, aber wir konnten uns nach der Museumsschließung ganz darauf konzentrieren. Corona hat also manches erschwert und manches ermöglicht.“

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Außerdem musste mit Sponsoren, Geldgebern und Kooperationspartnern über Ausstellungswechsel und -verschiebungen gesprochen werden. Die aufwendige Ausstellung „Münster 1570“ musste erst einmal und dann noch einmal ins Jahr 2022 verschoben werden. An einer solchen Schau hängt auch, wie die Museumleitern betont, die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen, denn alle Vermittler arbeiten mit Honorarverträgen; ihnen fehlten durch die Verschiebung die Einnahmen. „Wir präsentieren viel über Instagram und Facebook im Netz und haben schon bald unsere erste Online-Ausstellung veranstaltet, aber wir sind für die Präsentation von Originalen da und können Zusammenhänge analog und real ganz anders vermitteln als nur virtuell“, erläutert Rommé. „Die nötige Differenzierung fällt bei Instagram und Facebook, wo alles kurz sein muss, weg.“ Auch fehle das eigentliche Raumerlebnis, das sich nur im Museum selbst einstelle. Das Museum aber sei grundsätzlich dazu da, Fremdheitserfahrungen am selben Ort zu vermitteln.

Es fehlt historisches Grundwissen

Online sei das aber fast nur mit Objekten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich. „Insofern fehlt da eine ganze Ebene“, bedauert die Museumsleiterin. Das sei umso bedauerlicher, als es besonders jüngeren Leuten immer mehr an historischem Grundwissen mangele. Bei den Älteren („für Geschichte interessieren sich vorrangig Menschen, die selbst eine Geschichte haben“) aber habe es aus Vorsicht und Angst vor einem möglichen Infektionsrisiko in den Sommermonaten des vorigen Jahres Rückgänge gegeben. „Wir hatten im Sommer 2020 etwa 50 bis 60 Prozent der Besucherzahlen aus Vor-Corona-Zeiten“, erläutert die Museumschefin. „In einem normalen Jahr zählen wir 80 000 bis 100 000 Besucher.“

Umstrukturierungen in der Pandemie

Überraschend kam nach der Öffnungsperiode im Sommer und frühen Herbst auch der Beginn des zweiten Lockdowns. „Als wir am 30. Oktober von den neuerlichen Schließungen erfuhren, hatten wir gerade erst die neue Ausstellung ,Stadtgeschichten Münster. Playmobil-Sammlung Oliver Schaffer

‘ vorgestellt, berichtet Rommé. „Dass wir danach sofort schließen mussten, war für uns und unseren Förderverein deprimierend.“ Eine Hauptarbeit in der Corona-Zeit habe im Umstrukturieren bestanden. So sei es zwar gelungen, einzelne Ausstellungen zu verlängern, aber das sei auch nicht immer einfach; außerdem sei es nicht mit jeder Schau möglich.

Doch es gibt auch Mut machende Entwicklungen: Die Schenkungen an das Stadtmuseum, die 2019 den Stand von 1 000 Stück erreicht hatten, gingen weiter und zeigen nach Ansicht von Rommé, „dass wir mitten in dieser Stadtgesellschaft drin sind und die Menschen in Münster an die Stadtgeschichte und unser Museum denken“. Erklärter Schwerpunkt des Stadtmuseums ist naturgemäß die Stadtgeschichte Münsters und sind Objekte, die Münster produziert oder in Münster genutzt wurden und mit denen Stadtgeschichte geschrieben worden ist. „Unsere Sammelleidenschaft ist also von einem klaren Konzept gelenkt, und auch die Schenkungen müssen in dieses Konzept hineinpassen“, unterstreicht Rommé.

Entschleunigung im Lockdown

Immerhin: Bereits Ende 2020 konnte die Verlagerung der Objekte ins neue Depot abgeschlossen werden, und im März dieses Jahres – und damit deutlich früher als viele andere Museen in Deutschland – konnte das Stadtmuseum wieder geöffnet werden. Für Barbara Rommé selbst hat die Corona-Zeit besonders im zweiten Lockdown eine gewisse Entschleunigung mit sich gebracht, denn sie konnte vieles aufarbeiten, zu dem sie sonst nicht kommt, die Aktenordner wurden weniger, aber das Organisieren insgesamt war sehr beanspruchend. Auch privat hat Barbara Rommé unter der Einschränkung von Kontakten gelitten, besonders im Hinblick auf ihre alte, demente Mutter, die in einem Pflegeheim in Saarbrücken lebt und dort wegen der Corona-Auflagen zeitweise total abgeschottet wurde. „Dass wir sie trotzdem noch besuchen konnten, war ein Geschenk“, fügt sie hinzu.

Der Glaube gibt Kraft in Corona-Zeiten

Hat sich am Glauben der Katholikin etwas verändert? „Diese Frage habe ich mir selbst oft gestellt, denn die Glaubensfestigkeit kann über viele Höhen und Tiefen hinweghelfen“, erklärt sie. „Ich besitze einen gewissen regelmäßigen Bezug zum Glauben, und für mich sind Kirchen Räume der Besinnung, der Reflexion und der spirituellen Konzentration.“ Sie hört regelmäßig Radiogottesdienste und liebt den frühmorgendlichen Gottesdienst am Ostersonntag in der Johanniskirche, die sie als Kleinod schätzt.

Die Predigt ist für sie dabei besonders wichtig. Ansonsten drückt der Glaube sich für sie auch in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen aus, die in der Corona-Zeit weniger privilegiert und wirtschaftlich abgesichert sind als sie selbst. „Ich versuche immer die Menschen, die gesundheitlich gefährdet oder finanziell nicht abgesichert sind, mitzusehen.“

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