Arche Noah

Mythos Ararat

Die Armenier blicken mit Sehnsucht auf den „Vaterberg“ – Forscher wittern bei ihm die Arche Noah.
Mount Ararat, Ararat Province, Armenia, Middle East. (Juan Carlos Muñoz)
Foto: Image | Im Mythos des Berges Ararat vermischen sich für die Armenier Völkermord und Sintflut, Gewalt und Unterdrückung durch fremde Eroberer.

Die Armenier nennen den Ararat den „Vaterberg“. Seit dem Völkermord von 1915/16, dem 1, 5 Mio. Armenier im Osmanischen Reich zum Opfer fielen, und dem sowjetischtürkischen Grenzvertrag von 1921 liegt er jedoch in der Türkei, aber man kann den mächtigen Berg fast von jeder Stelle in Armenien aus sehen, am besten in der Hauptstadt Erewan. Wie ein stiller Zeuge erinnert er die Armenier an ihre verlorene Ur-Heimat im heute als Ostanatolien bezeichneten Land, das bis zum Völkermord West-Armenien hieß. Das ist der Grund, warum jeder Armenier mit Sehnsucht auf den Vaterberg schaut und die traurigen Geschichten von den von der armenisch-orthodoxen Kirche heiliggesprochenen Opfern des Völkermordes immer weitererzählt werden. Im Mythos des Berges Ararat vermischen sich für die Armenier Völkermord und Sintflut, Gewalt und Unterdrückung durch fremde Eroberer. Der Berg Ararat ist aber gleichzeitig auch ein Symbol des Verzeihens, weil der Herr durch die Arche seinen Erbauer Noah und seine Schöpfung verschonte und sogar segnete. Der Berg Ararat wurde dadurch wie ein zweiter Ort der Schöpfung, nach dem Garten Eden.

Erste Gipfelersteigung 1829

Seit der ersten historisch belegten Gipfelersteigung des Großen Ararats 1829 durch eine kleine Expedition, angeführt von Friedrich Parrot, dem damaligen Rektor der Universität Dorpat (heute Tartu, Estland), hat es immer wieder vermeintliche Indizien für die biblisch belegte Landung der Arche Noah auf dem Ararat gegeben. 1876 bestieg der britische Jurist und Politiker James Bryce den Ararat und fand auf ca. 4000 Meter Höhe, ca. 600 Meter über der Baumgrenze, ein Stück handgefertigtes Holz, 1, 2 Meter lang. Er glaubte, dieses Stück sei von der Arche. Später sahen viele auch in einer durch Satellitenfotos belegten Gesteinsformation, deren Form an einen Schiffsrumpf erinnert, einen Hinweis auf die versteinerte Arche Noah, auch wenn es nur eine verspielte Laune der Natur war. Die Erwähnung des Berges im Alten Testament im Zusammenhang mit der Arche Noah beruht nach Ansicht der meisten Theologen auf einem Übersetzungsfehler, weil in dem Namen Ararat dieselbe Wurzel wie im alten Namen Mesopotamiens, Urartu, steckt. Also kann die Arche auch irgendwo in Mesopotamien gestrandet sein. Dennoch konnten diese Erkenntnisse bis zum heutigen Tag nur wenig am Mythos des Berges Ararat ändern.

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Dunkles Rechteck unter dem Eis

Am stärksten zum Mythos Ararat beigetragen hatte der Italiener Angelo Palego aus Novara, der am 15. August dieses Jahres gestorben ist. Palego hatte den Berg bereits 22 Mal bestiegen und wollte noch in diesem Jahr, mit 86 Jahren, den Ararat wieder besteigen. Er befand sich bereits in der Türkei, in Dogubeyazit, einem der Basislager für die Besteigung des Ararat, als er einen Herzanfall erlitt. 2001 hatte er im Pariser Montmartre die Ergebnisse seiner damals 17-jährigen Suche nach der Arche Noah auf dem Berg Ararat präsentiert. Dabei hatte er erstmals angebliche Fotos der Arche gezeigt. Palego behauptete, Reste der biblischen Arche unter einem riesigen Gletscher gefunden zu haben, die Fotos zeigten ein riesiges dunkles Rechteck unter dem Eis.

Wie Heinrich Schliemann

Der Ingenieur Palego hatte 1984 seinen Beruf aufgegeben, um sich ganz der Suche nach der Arche Noah zu widmen. So wie Heinrich Schliemann sich bei seiner Suche nach Troja von der Ilias leiten ließ, so ließ sich Palego vom Buch Genesis leiten: Der Satz, dass Noah durch das kleine Fenster seiner Arche die Spitzen zweier Berge sah, inspirierten ihn zur Suche auf den beiden Gipfeln des Ararat. Das Gebirgssystem des großen (5165 Meter) und des kleinen (3195 Meter) Ararat, die 11 Kilometer voneinander entfernt sind, ist das einzige der Region mit zwei Gipfeln. Um beide Gipfel gleichzeitig zu sehen, musste Noah sich auf einer bestimmten Höhe und an einer bestimmten Stelle des Gebirgsmassivs befunden haben, das hatte Palego geometrisch berechnet. An dieser Stelle hatten dem Forscher zufolge die Überreste der Arche seit biblischen Zeiten unversehrt unter dem Eis geruht, bis ein Erdbeben den Ararat 1840 heimsuchte, das die Arche in zwei ungleiche Teile zerriss und in verschiedene Richtungen verstreute. Ein 56 Meter langes Stück stürzte in die Achora-Schlucht, während das andere, ein 100 Meter langes Stück, ins ewige Eis eines Tales in 4 300 Metern Höhe rutschte.

Expeditionen zum Ararat

Die Armenische Akademie der Wissenschaften verlieh Palego 2001 den Titel eines Ehrenmitglieds, und die Behörden in Eriwan ernannten ihn zum Ehrenbürger der armenischen Hauptstadt und benannten eine Straße nach ihm. Am Vorabend des 1700-jährigen Jubiläums des Christentums in Armenien 2001 hatten seine Entdeckungen eine besondere Bedeutung für das Land. Denn 1915, als noch Armenier selbst am Ararat lebten, hatten diese selbst bereits an derselben Stelle angebliche Überreste der Arche entdeckt. 1916 schickte deshalb der russische Zar Nikolaus II., zu dessen Reich der Ararat damals noch gehörte, trotz des 1. Weltkrieges zwei Expeditionen um die Geschichte zu verifizieren. 1917 wurden die Armenier jedoch nach dem Rückzug der russischen Truppen aus diesem Gebiet von osmanischen Truppen vertrieben oder ermordet. Seit 1921 gehört der Ararat durch einen türkisch-sowjetischen Grenzvertrag offiziell zur Türkei.

Alles für die Leidenschaft geopfert

Umso froher waren die Armenier 1989 über die Entdeckungen Palegos, die mit den ihrigen von 1915 übereinstimmten. Palego stand in Italien in einer altehrwürdigen Tradition, war es doch der Italiener Marco Polo, der im 13. Jahrhundert erstmals die Kunde von dem Berg in Europa verbreitete. Im 16. Jahrhundert war es der Maler Michelangelo, der als erster in der Sixtinischen Kapelle die Arche Noah malte. Für seine Leidenschaft hatte Palego alles geopfert und mehrmals sein Leben riskiert; einmal war er sogar von kurdischen Banditen entführt worden, die Lösegeld für ihn forderten. In mehreren Publikationen hatte er seine Expeditionen und Entdeckungen dokumentiert. Im März war er an die Hänge des Berges zurückgekehrt, um die Arche mit Digitalkameras zu betreten und alles zu filmen, um die seiner Meinung nach ungerechtfertigte Skepsis zu zerstreuen, was er als seine endgültige Expedition bezeichnete. „Es wird die größte archäologische Entdeckung der Geschichte sein“, sagte er vor seiner Abreise im März einer italienischen Zeitung.

Aufstände blutig niedergeschlagen

Die Region um den Berg Ararat, in der Kurden in die nach dem Völkermord verlassenen armenischen Dörfer gezogen waren, gehörte zu den ersten Regionen der modernen Türkei, in der sich die Kurden seit 1923 gegen die Atatürk-Türkei erhoben. Bis 1930 erfolgten drei Aufstände, einmal wurde sogar kurzzeitig eine kurdische „Republik Ararat“ ausgerufen, die von türkischen Militärs blutig niedergeschlagen wurde. Einige Aufstandsversuche wurden sogar von Armeniern jenseits der sowjetischen Seite der Grenze unterstützt. Dies hat dazu geführt, dass der Völkermord an den Armeniern inzwischen zwar von den Vertretern des kurdischen Volkes anerkannt wird, aber nicht von der Türkei. Auch bei dem letzten seit 1984 geführten Kurdenaufstand in der Türkei spielte der Ararat, eine wichtige Rolle. Von 1993 bis 2001 war der Berg für Bergsteiger gesperrt. Seit 2001 erlauben die türkischen Behörden wieder unter Auflagen und nur mit Visum eine Gipfelbesteigung für Ausländer.

Gläubige brauchen keine Beweise

Der französische Archäologe André Parrot hatte in seinem 1953 erschienenen Buch „Die Sintflut und die Arche Noah“ geschrieben, dass die Arche Noah, wie der Garten Eden, als Mythos immer wieder gesucht und gefunden werde. Gläubige brauchen jedoch keine Beweise, Skeptiker lassen sich auch von tausend Beweisen nicht überzeugen. Der Berg Ararat zierte bereits das Wappen der Sowjetrepublik Armenien.

Als sich ein türkischer Präsident einmal darüber beschwerte und sagte, dass der Berg innerhalb der Türkei liege, antwortete der damalige sowjetische Außenminister Gromyko, dass sich auch niemand darüber beschwere, dass der Mond die türkische Flagge ziert, obwohl der Mond nicht in der Türkei liegt. Angelo Palego, der der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehörte, die heute in Russland, der Schutzmacht Armeniens verboten ist, wurde auf seinen Wunsch hin am Fuße des Berges Ararat begraben.

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