Haarschmuck

Mehr Mut zum Hut stünde uns gut

Hali Lenthes selbst angefertigte Fascinators sind nichts für graue Mäuse. Der auf Hochzeiten getragene Haarschmuck steht für Extravaganz und katholische Opulenz.
Hali Lenthe findet, Fascinators sollen verspielt
Foto: Reinhild Bues | Hali Lenthe (rechts) findet, Fascinators sollen verspielt, weiblich, individuel und farbenfroh sein. Inspiration holt sie sich aus Spanien und Frankreich.

Goldener Sinamay bildet die Basis, darauf ist ein jadegrüner Seiden-Abaca zu einer Schleife drapiert, dazwischen lugen flamingofarbene Federn oder Pfauenaugen hervor: Es sind die Stoffe, aus denen Hutträume gemacht werden. Und aus denen Hali Lenthe Fascinators zaubert. Nein, dieses Haarkleid – so nennt die Anfang 30-Jährige die Fascinators liebevoll, da es für den englischen Begriff kein deutsches Synonym gibt – ist kein Hut. Leicht wie eine Feder liegt das Kunstwerk auf der Frisur auf. Modelle, Größen und Farben gibt es so zahlreich, wie jede von Halis Kundinnen einzigartig ist. Einmal fertigte die gebürtige Deutsche einen créme-flamingofarbenen Kopfschmuck in Harmonikafaltung an. Als Inspiration diente der Wahlwienerin das Wiener Riesenrad. Nun ist es ihr Aushängeschild geworden und zeigt ihre typische Handschrift. Inspiration sind Hali aber auch die „barocken, katholischen Schönheiten hier in Wien“. Damit spielt sie auf die prächtigen barocken Kirchen an.

Im deutschsprachigen Raum ist die Tradition des Fascinators nicht sehr verbreitet. Vereinzelt ist er hier auf adeligen Hochzeiten zu sehen. Kleinere „Vogelnester“ findet man höchstens auf 50er Jahre Themenpartys. In England, Frankreich und Spanien wird die auffällige Kopfbedeckung häufiger und nicht nur von Adeligen zu Hochzeiten, Pferderennen oder auch Taufen getragen.

„Mir scheint, hier hat man immer etwas Angst,
zu schön zu sein oder zu sehr aufzufallen.“

Laut Hali gibt es noch ein Argument, warum der extravagante Kopfschmuck in unseren Breitengraden nicht so verbreitet ist: „Mir scheint, hier hat man immer etwas Angst, zu schön zu sein oder zu sehr aufzufallen.“ In Frankreich dagegen hätte man eine Blütenpracht an schön bekleideten Frauen auf Hochzeiten. „Doch gerade auf Hochzeiten hat Understatement nichts verloren“, sagt Hali mit Nachdruck. Für eine französische Kundin mittleren Alters gestaltete sie im Sommer einen extravaganten Fascinator, dessen cremefarbener Seidenabaca sich in die Höhe türmt.

Hingucker sind pinke Federn, passend zu dem rosafarbenen Kleid. Die einzige Faustregel bei der Schaffung eines Fascinators: Er muss zum Kostüm passen. Ihren ersten und einzig gekauften Fascinator trug Hali bei einer Hochzeit als sie 17 Jahre alt war. „Ich war unglaublich unglücklich damit. Ich sah aus wie Mousse au Chocolat“, erinnert sich die junge Mutter von Zwillingen, die mit ihrem Promotionsstudium vorübergehend pausiert, aber sonntags regelmäßig die Wiener Pfarrei St. Rochus zum Gottesdienst aufsucht. Die Auswahl in den deutschen und österreichischen Läden enttäuschte sie. „Es kann nicht sein, dass es für junge Frauen keine farbenfrohen Fascinators gibt“, dachte sie sich und beschloss, sich selber ans Werk zu machen.

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Spanier und Franzosen haben einen besseren Geschmack

Da Hali hobbymäßig Kleider nähte, brachte sie das nötige Gespür für Farbkombinationen, Stoffe und Materialien bereits mit. Das spezielle Knowhow für Fascinators holte sie sich von YouTube-Videos. Mit der Zeit kamen immer mehr Freundinnen mit der Bitte auf sie zu, ihnen doch auch ein individuelles Haarkleid anzufertigen. Die Idee ihrer Internetseite „Haarkleidwien“ war geboren. Inspiration holt sich Hali aus Spanien und Frankreich. „Diese Länder haben viel mehr Freude am Weiblichen, Verspielten. Die Spanierinnen und Französinnen trauen sich einfach mehr und haben den besseren Geschmack“, erzählt Hali aus ihrer Erfahrung.

Was weckte Halis Leidenschaft für dieses im Abseits des modischen Mainstreams stehende Accessoire? Es war niemand Geringeres als ihre Großmutter. Die von ihr als „grande dame“ bezeichnete Frau war in ihrer Heimatstadt am Niederrhein bekannt für die „Wagenräder“, die sie auf den Straßen von Dinslaken zur Schau stellte. Ihre „Wagenräder“ wurden nach ihrem Tod sogar im Museum ausgestellt. Bis in die Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten Hüte zur alltäglichen Garderobe von Frauen sowie Männern. Erst mit der allmählichen Verbreitung des Autos geriet das Tragen von Hüten in Vergessenheit, da sie sich in den kleinen Fahrzeugen als unpraktisch erwiesen. Vor ungefähr 30 Jahren interpretierten junge, modebewusste Engländerinnen die vergessene Lust an extravaganten Hüten neu in Form des Fascinators.

Inspiration war die Großmutter

Die Materialien für den Haarschmuck kauft Hali in ganz Europa. „Made in China“ kommt für sie unter keinen Umständen in Frage. Als Basis verwendet Hali Sinamay. Dieses strohartige Material wird aus Hanffasern gewonnen und bekommt durch die Bearbeitung mit Wasserdampf seine Härte. Kleinere Modelle werden auf einem Haarreifen befestigt, größere durch ein Gummiband am Kopf in Position gehalten.

Als nächstes drapiert Hali Abacaseide zu Schleifen oder anderen kunstvollen Formen und näht sie anschließend auf den Sinamay. Abaca, auch Manilahanf genannt, besteht aus einer Mischung aus Bananenblatt und Seide. Den Abschluss bilden oft gefärbte Gänsefedern und Blumen aus Seide. In der Hochzeit- und Pferderennsaison, zwischen Mai und September, fertigt Hali im Durchschnitt 15 bis 30 Fascinators an.

Ihre Hüte wurden schon bei durchaus prominenten Anlässen getragen: Bei einem Pferderennen auf der berühmten Rennbahn im englischen Ascot oder bei fürstlichen Hochzeiten. Mittlerweile plant Hali unter dem klingenden Namen „Papagena“ eine neue Modelinie: Farbenfrohe Gehröcke aus usbekistanischen Ikat-Stoff. Hali will die Stoffe dafür selbst auswählen und nach Anfertigung des Mantels durch einen Schneider, je nach Kundenwunsch, Applikationen wie Perlen, Bordüren oder Pelz annähen. Ihrer Leidenschaft, den Fascinators wird sie sich nach wie vor widmen. Frauen sollen schließlich weiterhin „gut behütet“ auf Anlässen erscheinen.

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