Marienverehrung

Maria vor den Vulkanen

Das Inselheiligtum auf Lanzarote – Zum Gedenktag der Mater Dolorosa am 15. September.
Foto: Drouve | Magnet aller Blicke: Auf Lanzarote erinnert das Bildnis der stehenden, gekrönten Schmerzensmutter im Hochaltar an den Beistand in großer Gefahr.

Ein Marienbildnis und ein Kreuz aus Kakteenholz sorgten im 18. Jahrhundert auf Lanzarote wundersamerweise für den abrupten Stopp eines Lavastroms. Dort, im Dorf Mancha Blanca, entstand ein Heiligtum für die Jungfrau und Gottesmutter. Es ist bis heute das wichtigste auf der beliebten Urlaubsinsel der Kanaren und der Festtag der 15. September, unter Katholiken der Gedenktag der Mater Dolorosa.

Veränderte Landschaften

Blättern wir in jene Zeiten zurück, in denen auf Lanzarote buchstäblich der Boden brannte. In kaum vorstellbarer Urgewalt brachen ab dem Spätsommer 1730 die Vulkane aus, rissen Menschen, Felder, fruchtbare Täler, ganze Orte ins Verderben. Die Eruptionen hielten mehrere Jahre lang an, begleitet von Lavaflüssen und gewaltigen Ascheregen. Maßgeblicher Chronist der Geschehnisse war der Pfarrer des Ortes Yaiza, Andrés Lorenzo Curbelo, der über die Anfänge des Naturdesasters notierte: „Zwischen neun und zehn Uhr abends öffnete sich mit einem Male in der Nähe von Timanfaya, gut zwei Meilen von Yaiza, die Erde. Während der ersten Nacht erhob sich ein gewaltiger Berg aus dem Schoß der Erde, und aus seinem Gipfel schlugen Flammen, die 19 Tage lang brannten.“ Wochen später schrieb der Gottesmann: „Die durch Aschemassen verursachte Dunkelheit und der Rauch, der die gesamte Insel einhüllte, trieben mehr als einmal die Einwohner von Yaiza in die Flucht.“ Letztlich begruben die Lavamassen ein Viertel der Kanareninsel unter sich und veränderten die Landschaft für immer. Dass Lanzarote der Katastrophe die touristische Attraktivität von heute zu verdanken hat, steht auf einem anderen Blatt.

Mit der Madonna dem Lavastrom entgegen

Eine Melange aus Geschichte und Legende verbürgt, dass sich 1735 verzweifelte Bewohner entschieden, der Lava entgegen zu ziehen, die sich bedrohlich auf ihre Dörfer zuwälzte. und so machten sie sich auf den Weg in einer Prozession mit dem Bildnis der Schmerzreichen Muttergottes, das sich im Ort Tinajo in der Kirche des heiligen Rochus befand. Initiator war der Franziskaner Esteban de la Guardia, der sich gerade in der Gegend aufhielt. Außer der Marienskulptur trugen die Wallfahrer ein Kreuz aus Kakteenholz voran. Als der glühende Strom der Vernichtung immer näher kam, fasste sich einer der Männer ein Herz und rammte das schwere Holzkreuz in die Erde.

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Darauf kam die Lava im Dorf Mancha Blanca wie durch Wunderhand zum Stillstand. So verbürgt es die Überlieferung. Als Dank für den wundersamen Beistand gelobten die Gläubigen, der Muttergottes an dieser Stelle eine Wallfahrtskirche zu errichten – doch nichts geschah. Nach der Rettung legte sich der Schleier des Vergessens über den frommen Plan. Damit war Maria nicht einverstanden. Einige Jahrzehnte später erschien sie einem Hirtenmädchen namens Juana Rafaela und trug ihr auf, die Menschen an ihr Versprechen zu erinnern. Niemand schenkte der jungen Schäferin Glauben, worauf ihr die Gottesmutter ein zweites Mal erschien und als Beweis einen Handabdruck auf der Schulter des Kindes hinterließ. Dies zeigte Wirkung bei der Obrigkeit und den Bewohnern. Nun ging es plötzlich ganz schnell. 1779 wurde die Genehmigung zum Bau einer Kirche beantragt, drei Jahre darauf war sie vollendet. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Pilgerzüge in Gang setzten. Das Heiligtum nannte man „Unsere Liebe Frau der Schmerzen“, auf Spanisch: Nuestra Senora de los Dolores.

Spiegelbild des Insellebens

Pompös ist das Sanktuarium nicht, das sich im Vulkanland des westlichen Inselzentrums leuchtendhell aus dem 800-Seelen-Dorf Mancha Blanca abhebt. Es entspricht eher einem Spiegelbild des einfachen, bescheidenen Lebens von damals, als Lanzarote eine Insel der Fischer und Bauern war. Erst ab den 1970er Jahren änderte sich das Panorama mit dem Beginn des Fremdenverkehrs an den Küsten.

Die Kirche liegt an der Durchgangsstraße durchs Dorf. Gekrönt ist sie von einer Kuppel mit oktogonalem Aufsatz, in den Fenster eingearbeitet sind. Draußen rauscht der Verkehr vorbei. Radler legen eine Rast im Schatten des Gotteshauses ein. In Sichtweite liegen Häuser mit kalkweißen Anstrichen, grünen Fensterläden und grünen Holztüren. Dahinter zeichnet sich die schrundige Vulkanwelt in Grau-, Hellbraun- und Kupfertönen ab. Sonntags vormittags findet auf dem Platz gegenüber der Kirche ein kleiner Markt statt. Hier werden Bauernbrote und Käse angeboten, Kartoffeln, Tomaten, Wein.

Ein Originalstück des Kreuzes

Hinter dem Eingangsportal in die Kirche ist es nicht so still wie erwartet. Über Lautsprecher erklingt klassische Musik im einschiffigen, langgestreckten Innern. Zum Altar führen wenige Stufen hinauf, davor steht ein elektrischer Kerzenkasten. Auf der Treppe flackern aber auch Echtkerzen auf einer Metallplatte. Immer wieder treten Gläubige ein, lassen sich auf den schmalen Bänkchen nieder, sprechen still ein Gebet, legen vorne Blumengebinde ab. In den Altarraum selbst flutet das Tageslicht durch den Kuppelaufsatz, zudem hängen drei elegante Silberschalen mit Glühbirnen von der Decke. Rechts im Altarraum zeigt ein Ölgemälde die Schmerzensmutter, links hängt ein geschnitztes Bildnis des Gekreuzigten.

Alle Blicke richten sich auf das Bildnis der stehenden, gekrönten Schmerzensmutter im Hochaltar. Es ist eine Maria, die die Hände inniglich gefaltet und den Mund leicht geöffnet hat. Sie weint bittere, dicke Tränen. Der Ausdruck ist dramatisch, der Blick gesenkt. Dargestellt ist sie ohne das Kind, gehüllt in ein weißgoldenes Kleid und einen dunklen goldverzierten Umhang. Vor ihren Oberkörper platziert ist ein silbernes Herz mit sieben darin steckenden Schwertern: als Darstellung einer Sieben-Schmerzen-Maria, symbolischer Inbegriff ihres Leids.

Zurück an der frischen Luft, führt der Weg von der Straße weg an die Südseite der Kirche. Etwas erhöht gelegen und abgesperrt mit Eisenketten, ragt aus einem Höcker erstarrter Lava ein schlichtes Holzkreuz. Daneben steht eine Palme. Am Rand des kleinen Areals stellt eine Vitrine – laut Beschriftung – ein erhaltenes Originalstück des Holzkreuzes aus, begleitet von einem eingerahmten Foto des Marienbilds und der Ursprungslegende in mehreren Sprachen.

Volksfest vor der Pandemie

Großer Festtag in Mancha Blanca ist eigentlich der 15. September. In den Zeiten vor Corona herrschte dann stets eine Volksfeststimmung des Glaubens. Bis zu 40 000 Wallfahrer fanden sich hier ein, wovon die weit ausgreifende Esplanade ein Stück oberhalb des Heiligtums kündet. In diesem Jahr dürfte der Zustrom der Gläubigen, wie schon 2020, erneut auf Sparflamme laufen und viele Menschen den Hauptgottesdienst nur über den regionalen Fernsehsender verfolgen. Die Stimmen, die vor Jahren eine Basilika als Ersatz für die Kirche gefordert hatten, sind längst verstummt.

„Mutter der Schmerzen, lege deine Hand über mich“, heißt es in einem Gebet. Und weiter: „Heilige Jungfrau des Vulkans, Mutter des Trostes, bitte deinen Sohn für unsere Rettung.“ Das führt zum Anstoß: Wenn es dank der Einwirkung der Schmerzensmutter einst gelang, sogar Lavaströme aufzuhalten, müsste sie auch helfen können, die Pandemie zu stoppen. Doch noch halten die Prüfungen des menschlichen Leids an.

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