Soziales Handeln

Aachener Kirche St. Peter Suchtkranke und Wohnungslose

In der Aachener Innenstadtkirche St. Peter werden Suchtkranke und Wohnungslose versorgt und betreut.
Innenstadtkirche St. Peter in Aachen
Foto: G. Felder | Dienst für Menschen an den Rändern: Die Innenstadtkirche St. Peter in Aachen steht nach kurzer Umbauphase vor knapp einem Jahr für die Grundversorgung und Beratung von Suchtkranken und Wohnungslosen zur Verfügung.

Es ist ein Projekt, das bundesweit kaum seinesgleichen haben dürfte: Seit fast einem Jahr steht die Kirche St. Peter mitten in der Aachener Innenstadt Suchtkranken und Wohnungslosen offen. Der Caritasverband der Regionen Aachen-Stadt und -Land, die Pfarrei St. Franziska sowie Stadt und Städteregion Aachen sorgen in einer Maßstäbe setzenden Gemeinschaftsaktion dafür, dass den beiden Gruppen im großen Kirchenschiff warme Mahlzeiten und Betreuung angeboten werden können. Was das niedrigschwellige Angebot aber erst recht so besonders macht, ist die Tatsache, dass die örtliche Kirchengemeinde voll hinter dem Projekt steht und in St. Peter trotz der Sondernutzung durch die Caritas weiter regelmäßig Sonntagsgottesdienste feiert.

„Es geht hier nicht nur um Basisversorgung, sondern auch um Ansprache, Kontakte und soziale Aspekte“, hebt Mark Krznaric, Einrichtungsleitung des Café Plattform, einer Notschlafstelle für Wohnungslose, und des Troddwar, eines Netzwerks für Suchtkranke, hervor. Wie Krznaric erläutert, häuften sich mit Beginn der Corona-Pandemie die Probleme, da die Frühstücks- und Mittagsangebote für bedürftige Menschen wegen der Hygiene- und Abstandsauflagen nicht mehr aufrechterhalten werden konnten.

Kirchenraum als Café

Die meisten Speisen konnten nur noch zur Mitnahme angeboten werden, und die Räumlichkeiten der Einrichtungen Café Plattform und Troddwar erwiesen sich schon bald als zu klein für die Essensausgabe zu Pandemie-Bedingungen sowie erst recht als Aufenthaltsmöglichkeit in der kalten Jahreszeit. Danach setzte eine lange Suche nach einer passenden Örtlichkeit ein, die schließlich zum Erfolg führte. „Ende 2020 bot uns die Pfarrei St. Franziska von Aachen die Kirche St. Peter zur vorübergehenden Nutzung an“, berichtet Krznaric. „Da der große Kirchenraum hell, einladend und freundlich wirkt, entschlossen wir uns, ihn als Café-Raum für unsere Schutzbefohlenen zu gestalten.“ Bei der Gestaltung genossen die beiden Caritas-Einrichtungen viele Freiheiten und bekamen dabei zugleich starke Unterstützung durch das Aachener Unternehmen Walbert-Schmitz, das auf den Kirchenbänken Tische und Bänke anbrachte, die, wenn notwendig, wieder zurückgebaut werden können, und zugleich als Sponsor auftrat. Nach nur drei Wochen Umbauarbeiten und mit finanzieller Unterstützung von Stadt und Städteregion Aachen stand das Gotteshaus ab Ende Januar 2020 den Wohnungslosen und Suchtkranken offen.

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„Es ist ein besonderer Ort mit einer ungewöhnlichen Atmosphäre geworden“, bilanziert Krznaric. „Alles passt hier gut zusammen. Die Besucher sollen sich hier wohl und geborgen fühlen, aber wir wollen auch Veränderungsprozesse bei ihnen anregen.“ Bis zu 80 Personen finden in der Kirche an Tischen und Bänken Platz und können täglich mit Speisen und Getränken versorgt werden. Im Rahmen eines Rundumangebots können hier aber darüber hinaus auch Arbeitsmaßnahmen initiiert und Leistungen beantragt werden, stehen Streetworker und eine medizinische Ambulanz bereit. „Nicht jeder, der kommt, ist suchtkrank oder wohnungslos, aber jeder ist willkommen“, unterstreicht Krznaric. Acht Sozialarbeiter und insgesamt 15 Ehrenamtliche kümmern sich um die Schutzbedürftigen, die zwischen 18 und 80 Jahren alt sind. Deren Beratung findet in einem provisorischen Büro auf der Empore der Kirche St. Peter statt. Nicht zuletzt sind hier bereits drei große Impfaktionen abgehalten worden, bei denen zunächst 208 Personen mit dem Impfstoff von Johnson und Johnson geimpft und jüngst auch mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna geboostert wurden.

Angepasst an die Pandemielage

Das ungewöhnliche Projekt ist bisher, angepasst an die Pandemie-Situation, immer wieder um drei Monate verlängert worden. Nach derzeitigem Stand ist es bis zum 31. Januar 2022 genehmigt. „Was danach passiert, wird dann entschieden“, erklärt der Leiter von Café Plattform und Troddwar mit Nachdruck und will darüber nicht spekulieren. „Klar ist: Die pandemische Lage wird sich eher weiter verschlimmern.“ Im Ernstfall werde man mit vielen denkbaren Lösungen zurechtkommen. Die entscheidende Frage sei, wo die Projekte, die derzeit in St. Peter liefen, an einem ähnlich zentralen, fußläufig schnell erreichbaren, hellen und freundlichen Ort fortgeführt werden könnten.

Krznaric räumt ein, dass von Seiten der Geschäftsleute des umliegenden Viertels Vorwürfe laut geworden seien, das Quartier werde durch die neue Nutzung von St. Peter abgewertet. „Wir stehen mit den Einzelhändlern im regen Austausch und setzen auf die Bereitschaft zum Miteinander auf beiden Seiten“, betont der Sozialarbeiter. „Man muss uns ganz einfach diese Möglichkeit lassen und verstehen, dass es Menschen gibt, deren Isolation während der Pandemie noch stärker geworden ist. Wir wollen dieser Isolation entgegenwirken.“ Seiner Beobachtung nach würden die Aha-Regeln (Abstand-Halten, Maske-Tragen und das Desinfizieren der Hände) von den Besuchern der Kirche eingehalten. „Das hat uns gut durch diese Zeit geführt, denn wir mussten nicht einen einzigen Tag schließen.“ Genau genommen werde die Beschwerde zudem nur von einer einzigen Geschäftsfrau vorgetragen.

Beschwerden werden ernst genommen

Auch Timotheus Eller, Pfarrer von St. Franziska von Aachen und damit Hausherr der Kirche, versichert, die Beschwerden der Geschäftsleute würden ernst genommen und es werde versucht, dem Abhilfe zu schaffen. Über die Zusammenarbeit von Caritas und Kirchengemeinde ist Eller voll des Lobes. „Wir arbeiten Hand in Hand, und als die Caritas mich angesprochen hat, haben wir Ausnahmeregelungen getroffen und einige Gruppen wie etwa die kroatische Gemeinde, die in St. Peter normalerweise ihre Messen feiert, mussten sich in Bewegung setzen und umziehen“, berichtet der Pfarrer.

„Von der Idee bis zur Realisierung hat alles schnell ineinander gegriffen.“ Nur ganz am Anfang habe es in der Pfarrei kurzzeitig eine gewisse Verstimmung wegen der Schnelligkeit des Prozesses gegeben, aber das sei bei Informations-Versammlungen ausgeräumt und geklärt worden. „Es war die richtige Entscheidung“, urteilt der Pfarrer. „Die Kombination von Gottesdienst und sozialer Einrichtung, Liturgie und praktischer Hilfe für Menschen ist etwas Besonderes. Demnächst werden wir dazu passend hier auch eine Krippe aufbauen.“

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