Diskriminierung

Konflikt in Rio

Seit Monaten streiten die Erzdiözese Rio de Janeiro und das brasilianische Umweltministerium um die berühmte Christusstatue auf dem Corcovado-Berg.
Cristo Redentor in Rio bleibt geschlossen
Foto: dpa | Während die Christus-Erlöser-Statue weiterhin Frieden ausstrahlt, verschärft sich in Rio de Janeiro das religiöse Klima.

Erst im August hatten Brasiliens Tourismuszentren nach fünf Monaten Lockdown wieder geöffnet. Die bekannteste Attraktion Brasiliens ist die 30 Meter hohe berühmte Christusstatue von Rio, die auf dem 710 Meter hohen Corcovado-Berg steht und von fast allen Straßen der Stadt aus sichtbar ist. Seit 1961 wurde in dem Gelände um die Figur ein geschützter Naturpark errichtet. Das Chico Mendes Institut für die Erhaltung der Biodiversität (ICMBio) ist die Behörde, die für den Tijucapark am Corcovado-Berg zuständig ist und die Einhaltung der Naturschutzbedingungen dort kontrolliert. Obwohl seit 2006 die Christusstatue Rios ein offizieller katholischer Wallfahrtsort ist, hat diese Behörde dem Wallfahrtsleiter, Pater Omar Raposo und anderen Mitarbeitern der Erzdiözese von Rio de Janeiro mehrfach in den letzten Wochen den Zugang zu dem Wallfahrtsort verweigert, heißt es in brasilianischen Medien. Mehrfach hätten liturgische Feiern abgesagt werden müssen, weil die Priester die Wallfahrtsstätte nicht erreichen konnten. Deshalb hat die Erzdiözese die Naturschutzbehörde wegen religiöser Diskriminierung verklagt.

Streit schadet dem Tourismus

Auch das Landesparlament des Bundesstaates Rio de Janeiro, das in dem Streit eigene Interessen verfolgt, obwohl es in keiner Weise in den Konflikt involviert ist, hat sich eingemischt. Der Streit zwischen Kirche und Behörde schade zusehends dem Tourismus, einer wichtigen Einnahmequelle und dem Ansehen Brasiliens, erklärten Abgeordnete des Landesparlaments von Rio de Janeiro. Sie brachten deshalb einen Gesetzentwurf in das Parlament ein, das eine Enteignung der Kirche vorschlägt. Danach soll das Monument exklusiv der Landesregierung unterstellt werden. Die Landesregierung möchte das Monument in Zukunft für liturgische Feiern aller Religionen offenhalten, sagte der Abgeordnete Dionisio Lins, Autor des Gesetzentwurfs, der Zeitung „O Dia“. Mit „anderen Religionen“ sind vor allem die vielen stark wachsenden Pfingstkirchen gemeint, denen bereits eine Mehrheit der Abgeordneten angehört.

Nur eine Fahrstraße

Es gibt nur eine einzige befahrbare Straße zum Gipfel des Corcovado. Eine andere Möglichkeit ist, den kleinen Zug am Bahnhof Cosme Velho zu nehmen, der die Besucher praktisch am Fuß der Statue absetzt. Aber hier bestehen in der Regel sehr lange Wartezeiten. In der Vergangenheit konnten Pkw, Taxis und Busse bis zur Christusstatue fahren. Zug und Fahrzeuge zum Corcovado müssen den vom ICMBio verwalteten Park durchqueren. Seit einigen Wochen dürfen nur noch ICMBio-Wagen das Terrain passieren, mit Ausnahme von zuvor genehmigten Fremdfahrzeugen, dazu gehören nicht mehr die Fahrzeuge des Erzbistums. Die Christus-Erlöser-Statue, das Aussichtsplateau und die Kapelle „Unserer Lieben Frau von Aparecida“, bilden das Heiligtum und gehören der Erzdiözese von Rio. Die Erzdiözese ist auch für die Instandhaltung des Denkmals und der Kapelle, in der Messen, Taufen, Hochzeiten und Nachtwachen stattfinden, zuständig.

Die gesamte Umgebung des Heiligtums ist jedoch Teil des Tijuca-Nationalparks, der von ICMBio verwaltet wird. Sie und nicht das Erzbistum erhält die Eintrittsgelder, die Besucher der Christusfigur bezahlen müssen. Die 1931 eingeweihte Christus-Statue auf dem Berg Corcovado in Rio de Janeiro wurde finanziert durch eine große Mobilisierungskampagne innerhalb der katholischen Bevölkerung Brasiliens. 1922 wurde durch Kardinal Sebastiao Leme der Grundstein gelegt, die Arbeiten begannen 1926. Eigentlich sollte dieses heute weltweit bekannte Symbol Brasiliens bereits zehn Jahre vorher gebaut werden, anlässlich der hundertjährigen Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1922, doch infolge der Weltwirtschaftskrise fehlte das Geld. Erst Finanzspritzen des Vatikans und des brasilianischen Präsidenten Getulio Vargas ermöglichten den Bau. So kam es, dass Präsident Getulio Vargas die Figur mitsamt dem Sockel, auf dem sie steht, der Erzdiözese schenkte, als Dank, dass diese seine Politik der Nationalisierungen seit 1930 unterstützte. Die aus Beton gegossene Figur ist dreißig Meter hoch und steht auf einem acht Meter hohen Sockel. Der etwa 700 Meter hohe Berg Corcovado scheint wie ein natürlicher Sockel eigens für diese Figur geschaffen. Der „Cristo Redentor“ von Rio ist das weltweit größte Kunstwerk, das Christus darstellt.

Konflikt mit Lula da Silva

Zum 75. Jahrestag der Einweihung der Christusfigur 2006 überraschte der damalige Kardinal von Rio, Eusebio Scheid, der im Januar an Corona gestorben ist, die Öffentlichkeit und die Medien, als er das Monument am Ende des Jubiläumsgottesdienstes zu einem Wallfahrtsort erklärte. Hintergrund dieses Vorgehens war ein Konflikt zwischen Brasiliens Staatspräsident Lula da Silva und Kardinal Scheid. Dieser Konflikt hatte 2005 beim Konklave in Rom begonnen, als Kardinal Scheid den brasilianischen Staatspräsidenten, der sich mit einem Personalvorschlag ins Konklave eingemischt hatte, als „Chaoten und schlechten Katholiken“ bezeichnete. 2006 bemühte sich Lula um eine zweite Amtszeit. Während des Wahlkampfs kam es zu einem Konflikt um die Reform der Abtreibungsgesetzgebung. Kardinal Scheid war damals der Wortführer der brasilianischen Bischöfe in dieser Frage, weil er vor seiner Berufung auf den Erzbischofsstuhl von Rio 2001 in der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB) für die Familienpastoral zuständig war. Deshalb gehörte er zu den stärksten Kritikern der in Brasilien seit Frühjahr 2005 ausgetragenen Abtreibungsdebatte, an deren Ende eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetzgebung stehen sollte.

Religiöses Klima hat sich verschärft

Seit 2006 hat sich das religiöse Klima in Brasiliens heimlicher Metropole noch weiter gegen die Kirche verschärft. Präsident Lula war der letzte katholische Präsident Brasiliens, seine Nachfolgerin Dilma war bekennende Atheistin, Übergangspräsident Temer und der jetzige Präsident Bolsonaro sind bekennende Anhänger von Pfingstkirchen. Seit 2017 ist der ehemalige, selbsternannte Bischof der „Kirche vom Reich Gottes“, Crivella, Bürgermeister von Rio, er kämpft derzeit gegen Dutzende Korruptionsvorwürfe und sieht sich auch wegen seiner Coronamaßnahmen, die vor allem den Pfingstkirchen zugutekamen, Vorwürfen des Amtsmissbrauchs ausgesetzt. Gouverneur war von 2019 bis zu seiner Amtsenthebung wegen Korruption 2020 Wilson Witzel, auch er ist ein führender Unterstützter der in Brasilien immer mehr sich ausbreitenden Pfingstkirchen. Kardinal Scheid hatte sich 2008 geweigert, Crivella während des Wahlkampfes die Hand zu geben, mit dem Kommentar, „einem Gangsterbischof gebe er keine Hand“.

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