Geschichte

Klein-Kuba in der Südpfalz

Der Pionier des Tabakanbaus in Deutschland war ein Pfarrer. Bis heute findet man die Pflanzen vor der Kulisse des Pfälzerwaldes.
Hatzenbühler Tabakpflanzer Markus Seither vor einem Ofen mit getrockneten Blättern
Foto: AD | Der Hatzenbühler Tabakpflanzer Markus Seither vor einem Ofen mit getrockneten Blättern.

Tabakanbau in Deutschland? Das passt nicht zusammen, mag man meinen. Die Südpfalz beweist seit Jahrhunderten das Gegenteil und injiziert die Exotik eines „Klein-Kuba“ – wobei das nicht ganz genau stimmt. Pionier beim Anbau war im 16. Jahrhundert ein Pfarrer. „Bei mir ist der Tabak im Blut, auch wenn ich nicht rauche“, sagt Tabakpflanzer Markus Fischer, der von seinem Hof im Dorf Hördt weit hinausfahren muss zu den verstreuten Parzellen. Tabakfelder vor den Kulissen des Pfälzerwalds im Hintergrund – da glaubt man sich plötzlich in der Karibik.

„Ein Genussmittel wie Wein“

Fischer kultiviert Biotabak und fühlt sich im Agrarbusiness „definitiv als Exot“, wie er bekennt. Die Ernte läuft von Juli bis Oktober. Statt Lufttrocknung wie einst in Holzschuppen kommen die geernteten Blätter gut eine Woche in Trocknungsöfen. Dabei verlieren sie Riesenmengen an Feuchtigkeit. „Drei Tonnen gehen rein, 300 Kilo kommen raus. Alles andere ist Wasser“, so Fischer. Am Ende haben sich die grünen Blätter zitronengelb verfärbt, gehen kartonweise an ein Zigarettenunternehmen in Lübeck und „verschwinden dort in einem Gemisch“, so Fischer. So genau weiß er das selber nicht. Der Frage nach einem Gewissenskonflikt bei der Gesundheitsschädigung weicht er aus. Lieber spricht er davon, dass eine Tabakpflanze viel Sauerstoff produziert, zieht sich aber letztlich mit einer diplomatischen Antwort aus der Affäre: „Wir produzieren ein Genussmittel, so wie andere Wein produzieren. Beim Konsum kommt es auf die Menge an.“ Dann fällt ihm ein, dass Tabak in Kleinstmengen anderweitig nutzbar ist: „Zuhause legen wir getrocknete Tabakblätter in die Kleiderschränke. Dann kommen keine Motten rein.“

1573: Ein Pfarrer als erster Tabakpflanzer

Hatzenbühl ist ein Fixpunkt bei der Entdeckung der Tabakwelten in der Südpfalz. Dort wurzelt der Ursprung des Tabakanbaus in Deutschland – betrieben vom örtlichen Pfarrer Anselm Anselmann, der 1573 erstmalig Tabak in seinem Pfarrgarten neben der Kirche anpflanzte. Warum? Dazu muss man weiter in der Geschichte zurückblättern. Nach der europäischen Entdeckung Amerikas 1492 durch Christoph Kolumbus gelangte der Tabak von dort nach Europa und wurde etwa Mitte des 16. Jahrhunderts als Zierpflanze kultiviert und auch als Heilpflanze zur Linderung verschiedener Leiden eingesetzt. 1565, so heißt es, empfahl die Augsburger Ärztefamilie Occo das Schnupfen, Rauchen und Kauen von Tabak als Heilmittel. Um 1570 wurde in Lothringen der Anbau des Tabaks wegen seiner Heilwirkung gefördert. In dieser Zeit dürfte der Tabak auch in die Pfalz gekommen sein – und damit zu Pfarrer Anselmann.

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Der knapp zwei Kilometer lange Tabakrundweg durch Hatzenbühl vertieft ins Thema. Start ist am Pfarrgarten der Kirche Sankt Wendelin. Stationen beim Spaziergang sind exemplarische Tabakpflanzungen, historische Trocknungsschuppen und Schautafeln, die das Vegetationsjahr des Tabaks thematisieren, die Tabaksorten, das Brauchtum. Eine neuere Tradition besteht darin, für die Dauer von drei Jahren eine Tabakkönigin zu krönen. Derzeit ist das Studentin Ann-Kathrin Wendel, 21, die als überzeugte Nichtraucherin immer gefragt wird, ob sie Zigaretten dabei hat, und sich daran erinnert, dass ihre Oma und die Mutter „noch auf dem Acker“ waren. Emi Wünstel, 68, Mitglied in der Hatzenbühler Interessengruppe Tabakrundweg, kannte das ebenfalls von klein auf. Im Familienverbund pflegte sie ab März die Frühbeete, rutschte beim Auspflanzen ab Mai auf den Knien über den Boden, fädelte nach der Ernte im Sommer die Tabakblätter auf Schnüre, Bandeliere genannt, und balancierte im Trocknungsschuppen in schwindelnder Höhe über Stangen, um die Bandeliere auf- und später abzuhängen. „Die ganze Erntezeit rochen die Hände nach Tabak. Und sie sahen gelblich-bräunlich aus, wie bei einem starken Raucher“, blättert Wünstel in den Bildern ihrer Kindheit.

Nur noch zwei Pflanzbetriebe in Hatzenbühl

„In den 1960er Jahren gab es in Hatzenbühl 500 Tabakpflanzer“, erzählt Ernst Wünstel, der Begründer der Hatzenbühler Interessengruppe Tabakrundweg. Durch den Wegfall der EU-Subventionen kam es später zum Einbruch des Anbaus in der Region. Heute ist die Zahl in Hatzenbühl auf zwei Betriebe geschrumpft. Einen davon führt Markus Seither, dessen Tabak der Sorte Virgin in Wasserpfeifen wandert, wie die meiste Produktion in der Südpfalz. Dem 48-Jährigen raucht der Kopf, wenn er daran denkt, wie er die steigenden Produktionskosten stemmen soll. Öl, Gas, Strom, die Manpower. Alles wird teurer. „Irgendwann könnten die Abnehmer dorthin gehen, wo es billiger ist“, fürchtet er. Zum Glück ist er mit einem Hofladen und dem Anbau von Kartoffeln, Getreide, Spargel, Petersilie, Erdbeeren und Kohl breit aufgestellt. Hatzenbühl liegt ebenso am 40 Kilometer langen Radweg „Tabaktour“ wie der nordwestliche Nachbarort Hayna, ein Freilichtmuseum der Trocknungsschuppen.

Offiziell erfasst sind im Ortsbild etwa hundert, besonders prägnant jene, die sich im Kapellenweg aufreihen: massige Bauten aus dunklem Holz, gewöhnlich Lärche, durchsetzt von Luftschlitzen. Die Schuppen sind Wahrzeichen und Problematik zugleich, denn ihren Besitzern verursachen sie erhebliche Kosten der Unterhaltung. Die Dächer sind windgefährdet, ständig müssen Dachziegel ersetzt und Regenrinnen ausgebessert werden. Sofern die Schuppen nicht leer stehen, nutzt man sie als Stellplätze für Traktoren und Wohnmobile, als Lager für Gerümpel, Brennholz, Baumaterial. Abrissgenehmigungen hält Florian Metz, der in Hayna wohnt und bei Tabakführungen die Tore in Schuppen öffnet, für unrealistisch. Stattdessen bringt der 38-jährige Historiker sie als Unesco-Weltkulturerbe ins Gespräch.

Straußenfarm und Museum

Der Radweg „Tabaktour“ hält nicht überall, was er verspricht. Im Vergleich zu Getreide, Möhren, Mais, Obstbäumen sind die Tabakfelder rar gesät. Das macht die flache Landschaft in Sicht des Pfälzerwalds nicht schlechter. Einen anderweitigen Input Exotik gibt ein Abstecher zur Straußenfarm Mhou bei Rülzheim, wo die Vögel wie in Südafrika über die Wiesen stolzieren und die Küken vor allem die Herzen der Jüngsten erobern. Aufschlussreich an der Radstrecke ist die Tabaksektion im Museum in Herxheim. Erst im Dreißigjährigen Krieg 1618–1648, so erfährt man hier, wurde in Deutschland das Rauchen von Tabak durch umherziehende Soldaten populär. Mit der wachsenden Nachfrage stieg der Anbau, der in der Rheinebene der Pfalz buchstäblich auf fruchtbaren Boden stieß: leichte, humusreiche Sand-Lehm-Böden. Hinzu kam das Klima mit viel Sonne.

Durch den Tabakanbau vermarktet sich die Südpfalz mit dem Gefühl von „ein bisschen Kuba“. Doch der Vergleich zur Karibikinsel Kuba hinkt, was nicht nur an tropischen Temperaturen, dem fehlenden Meer und bleichen Menschen liegt. Wo sieht der Profi den Hauptunterschied? „Wir sind kontrolliert von A bis Z“, sagt Tabakpflanzer Markus Fischer.

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