Berlin

„Euer Verwandter hat ein Grab!“

In Berlin liegen in einem Massengrab die Überreste von 18 polnischen Priestern. Jetzt sollen wenigstens ihre Namen zu lesen sein.
Foto: JJ | Zu wenig Kreuze? Katharina Struber und Klaus Gruber meinen: nein.

Ein ungepflegter Rasen und vertrockneter Rhododendron, in der Mitte ein verwitterter Gedenkstein aus der DDR-Zeit: „Den 1234 ermordeten Antifaschisten, deren Asche hier bestattet ist“. Daneben stand ein Behältnis für alte Kränze und anderen Müll. So sah das Massengrab aus, als der Hobbyhistoriker Klaus Leutner es 2004 entdeckte. Es befindet sich auf dem Städtischen Friedhof Altglienicke im Süden Berlins.

Leutner stammt aus Ostpreußen und floh 1945 mit seiner Mutter über Mecklenburg nach West-Berlin, wo er als Eisenbahningenieur tätig war. Die Versöhnung mit den polnischen Nachbarn ist dem Rentner eine Herzensangelegenheit. Deshalb interessiert er sich für das Schicksal der polnischen Zwangsarbeiterin Bronislawa Czubakowska, von der er aus einem Buch erfahren hatte. Die 26-jährige Katholikin aus der Stadt Zgierz war nach einer Widerstandsaktion 1942 in Plötzensee enthauptet worden. 2004 wollte Leutner ihr Grab finden – und stieß bei seiner Suche auf das Urnengrab, das von der Friedhofsverwaltung den Namen U2 bekommen hatte.

In Plötzensee enthauptet

Leutner ließ sich die Unterlagen des Friedhofs zeigen – und merkte rasch, dass es sich bei den als „Antifaschisten“ bezeichneten Personen um eine heterogene Gruppe handelt. Die Begleitdokumente zu den Urnen offenbarten, dass in U2 die sterblichen Überreste von Christen und Juden beerdigt worden waren, von Sinti und Roma, von Euthanasie-Opfern, Zwangsarbeiterinnen, Widerstandskämpfern und Berliner Zivilisten, die bei den Bombenangriffen ums Leben gekommen waren. Viele Menschen waren in KZs ermordet worden, ihre Leichen in Berliner Krematorien verbrannt. Die letzte Beisetzung fand 1952 statt.

Es handelte sich um Asche von 80 Menschen, die in Plötzensee enthauptet worden waren. Ihre Körper waren anschließend in der Charité für pseudowissenschaftliche Untersuchungen benutzt worden. Die Toten von U2 waren zwischen acht und 84 Jahre alt. „Hier zeigt sich die ganze Fratze des Terrorregimes“, sagt Klaus Leutner. Ein Drittel der Toten waren Polen, 800 aus Deutschland, der Rest aus anderen Nationen. Zu den Opfern gehören 19 katholische Priester, einer aus Österreich und 18 aus Polen. Sie waren in deutschen KZs verhungert oder erschlagen worden. Um dem Schicksal der polnischen Opfer nachzugehen, nahm Leutner Kontakt zur Polnischen Katholischen Mission in Berlin auf. Dort traf er Pawel Wozniak, der sich dort ehrenamtlich engagierte. Wozniak, Jahrgang 1965 und von Beruf Techniker, musste wegen seines Engagements für die Gewerkschaft Solidarnosc in den achtziger Jahren in die Bundesrepublik fliehen.

Würdiger Gedenkort

Gemeinsam setzten sich die beiden Männer bei der Stadt Berlin dafür ein, dass die Toten aus U2 einen würdigen Gedenkort bekämen. Wozniak korrigierte die Schreibung der polnischen Namen und nahm Kontakt zu den Familien der Opfer und den Heimatgemeinden der Priester auf. „Ich sagte ihnen: Euer Verwandter hat ein Grab. Das war für alle eine riesige Überraschung“, sagt Pawel Wozniak. Wenn Menschen im KZ ermordet wurden, haben sie normalerweise kein Grab. „Solche Gräber wie U2 gibt es wenige. Deshalb muss man es schätzen, untersuchen und pflegen“, sagt er.

Pawel Wozniak liegen besonders die polnischen Priester am Herzen. Sie seien „Teil der polnischen Elite“ gewesen. Nachdem das Land 1918 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, hätten sie Schulen und Kirchen gebaut, sich für die Armen engagiert. „Es war der Teufelsplan der Nazis, eine Nation zu zerstören durch die Beseitigung der Elite“, sagt der Familienvater. Während der Okkupation engagierten sich die Geistlichen im polnischen Widerstand, halfen Verfolgten, predigten gegen die Besatzer.

Martyrium von Geistlichen

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Auf seinem Rechner hat Wozniak unzählige Dokumente über U2. Hinzu kommen historische Sachbücher, die er seit vielen Jahren sammelt. Wozniak zieht eine Publikation des Erzbistums Berlin aus seinem Bücherschrank. In dem Band „Priester im KZ Sachsenhausen“ wird das Martyrium der Geistlichen beschrieben. „Einem Kleriker wurde das Medaillon vom Hals gerissen, anschließend wurde ihm befohlen, es mehrmals zu küssen, und bei jedem Kuss erhielt er einen Schlag ins Gesicht“, heißt es. Allein 1940 seien 580 katholische Geistliche nach Sachsenhausen verschleppt worden; 550 von ihnen waren Polen.

2018 schrieb die Stadt Berlin einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Gedenkorts in Altglienicke aus. Ihn gewannen die bildende Künstlerin Katharina Struber und der Architekt Klaus Gruber aus Wien. Sie hatten zuvor schon den Gedenkort Waldniel-Hostert gestaltet, der an die Nazi-Morde an Psychiatriepatienten erinnert. Ihr Entwurf für Altglienicke sieht eine grüne Glaswand vor, auf der handgeschrieben die Namen aller 1375 Opfer stehen. So viele Tote sind es nach jüngsten Recherchen. Ein kleines Kreuz und ein kleiner Davidstern sind die einzigen religiösen Zeichen. Am 27. September um 12 Uhr weihen ein jüdischer, ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher den Erinnerungsort mit einer interreligiösen Zeremonie ein.

Gemeinde will Urne nach Polen holen

Lutz Nehk, Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit, bereitet diesen Akt mit vor. Der Priester bedauert, dass die Kirche an der Auswahl des Entwurfs für die Gedenkstätte Altglienicke nicht stärker beteiligt worden ist. Pawel Wozniak ist mit der Glaswand überhaupt nicht einverstanden. Er behauptet, dass sie nicht beständig sei, welchem Katharina Struber und Klaus Gruber widersprechen. Vor allem wünscht sich Wozniak Einzelgräber mit christlichen Kreuzen drauf. „Ein Kreuz ist ein Zeichen unserer Zivilisation seit tausend Jahren!“, sagt er.

Noch lieber als ein Einzelgrab in Altglienicke wäre es ihm, wenn wenigstens die Urnen der polnischen Priester exhumiert, nach Polen überführt und dort bestattet werden würden. Es sei der Wunsch vieler Naziopfer gewesen, wenigstens nicht im Land der Täter begraben zu liegen. Unter den Menschen in Polen und den polnischen Einwanderern in Deutschland gibt es einige, die diese Meinung teilen. „Die Gemeinde Rawa Mazowiecka, aus welcher Priester Zienkowski stammt, will unbedingt die Urne mit seiner Asche wieder in die Heimat holen“, sagt Wozniak. Waclaw Zienkowski, Jahrgang 1885, hatte sich im polnischen Widerstand engagiert und geholfen, polnische Kriegsgefangene zu befreien.

Verweis auf die Totenruhe

Pawel Wozniak ruft auf seinem Computer einen Lageplan des Urnengrabs U2 auf, angelegt in der Nazizeit. Er hat auf der akkurat in kleine Quadrate eingeteilten Fläche die Stellen markiert, wo die Urnen der Priester liegen könnten. Wozniak und die Gemeinde Rawa Mazowiecka sind mit ihrem Wunsch nach einer Exhumierung bei der deutschen Seite bislang auf Granit gestoßen, und zwar aus mehreren Gründen. Man weiß man nicht, ob sich die Urnen tatsächlich dort befinden, wo der Lageplan sie verzeichnet. Und ob sie in einem Stück ausgegraben und heil nach Polen transportiert werden könnten. Der Wiener Architekt Gruber sagt, dass in den Krematorien der Nazis oft mehrere Leichen auf einmal verbrannt wurden. So hat er es den historischen Quellen entnommen. Schließlich waren die Häftlinge dünn und die Nazis bestrebt, Kosten zu sparen. Würde man eine Urne ausgraben, wüsste man nicht, ob darin nicht auch die Asche eines Juden oder einer Atheistin ist, die sich keinesfalls ein Grab mit einem Kreuz darauf gewünscht hätten.

Notfalls, sagt Pawel Wozniak, solle man halt symbolisch ein wenig Asche oder Knochenreste nach Polen überführen. Doch die deutsche Seite lehnt auch das mit Verweis auf die Totenruhe ab. Trotz dieser unterschiedlichen Ansichten setzt Lutz Nehk weiter auf deutsch-polnische Freundschaft: „Wir müssen sehen, dass wir – inspiriert durch diesen Ort – zu mehr Gemeinsamkeit kommen“, betont er. Die Einweihung am 27. September ist für Nehk überhaupt erst der erste Schritt, wie künftig mit dem Erinnerungsort umzugehen sei. „Die christlichen Gemeinden sollten diesen Ort zum Gegenstand ihrer eigenen Gedenkkultur machen und ihn in ihr Gemeindeleben integrieren“, fordert er.

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