Nigeria

Die „Pfingstrepublik“

Nirgendwo in Afrika sind die Pfingstkirchen so stark wie in Nigeria. Für 2023 schickt sich der Pastor einer Pfingstkirche sogar an, Präsident des Landes zu werden.
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Foto: dpa | Politik mit Herz, Heiligem Geist und Verstand? Nigerias Vizepräsident Yemi Osinbajo ist Pfingstpastor.

Islamismus und Pfingstkirchen sind die dynamischsten und sich am schnellsten ausbreitenden religiösen Phänomene der Gegenwart. Das gilt vor allem für Nigeria, von dessen 200 Millionen Einwohnern die Hälfte Muslime und die andere Hälfte Christen sind. Pfingstkirchen und Islamismus sind zwar sehr verschiedene religiöse Phänomene, aber sie praktizieren beide eine enge Vermischung von Religion und Politik. Beide sind auf die Vermehrung ihrer geistlichen und irdischen Macht aus; der Islamismus versucht dies mit Gewalt und Terror und bezieht sich auf den Koran, die Pfingstkirchen praktizieren eine Wohlstands-Botschaft, für die sie sich auf die Bibel berufen. Nirgendwo sonst wie in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, leben so viele Christen und Muslime in einem Staat zusammen, hier gibt es sogar erstaunliche Überschneidungspunkte der beiden eigentlich konträren Bewegungen.

Schleichender Aufstieg der Pfingstbewegung

In Nigeria, das zwischen 1979–1999 von zumeist muslimischen Militärherrschern regiert wurde, kam es mit Beginn der Vierten Republik in den 1990iger Jahren zu einem schleichenden Aufstieg der Pfingstbewegung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, einschließlich Kultur, Unterhaltung, Hochschule, Wirtschaft und nach jüngsten Berichten sogar in der Armee. Mitverantwortlich für den rasanten Aufstieg des Pentekostalismus in Nigeria waren charismatische pfingstlerische Prediger, darunter auch der deutsche, aus Königsberg stammende, freikirchliche Missionar Reinhard Bonnke (1940-2019), der mit seiner Missionierungsmethode „Evangelism by fire“ an das Pfingsterlebnis der Urkirche anknüpfen wollte.

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In den Pfingstkirchen spielen neben der Bibel nicht nur Wunderheilungen und Prophezeiungen eine wichtige Rolle, sondern auch Geister, Dämonen und Exorzismus. Wichtig sind die Gemeinschaft und das Wir-Gefühl. Der Heilige Geist und das In-Zungen-Reden verbanden sich in den Pfingstkirchen oft mit dem in Afrika noch weit verbreiteten traditionellen Glauben an Geister und Hexen. Die Inkulturation des Christentums in Afrika, wie sie einst bei katholischen Missionsorden zur Maxime wurde, hat in den Pfingstkirchen eine viel praktischere Bedeutung, bis hin zur Massenpsychose, erlangt.

Aufstieg durch Einfluss

Der Aufstieg des Pentekostalismus in Afrika hängt mit dem Erfolg dieser charismatischen, überbordenden Form des Christentums weltweit zusammen. Innerhalb Nigerias zeigt sich dies an einer „Machtverschiebung“, bei der 1999 ein Mitglied einer Pfingstkirche, Olusegun Obasanjo, aus dem christlichen Südwesten zum Präsidenten Nigerias aufstieg. Der politische Erfolg des Südwestens Nigerias, früher auch bekannt als Biafra, war verbunden mit den reichen Ölvorkommen, die dort vorhanden sind, es war gleichzeitig ein Erfolgsmoment für das Christentum in Nigeria insgesamt. Die Kirchen wurden in dieser Zeit die lautstärksten Stimmen innerhalb einer Zivilgesellschaft, die das Militärregime mit Erfolg bekämpften. Den größten Anteil am Erfolg hatte zwar die damalige katholische Mehrheitskirche, aber nach dem Fall des Militärregimes konnte der Pentekostalismus diesen Erfolg auf sein Konto verbuchen und im vergangenen Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zum dominierenden Ausdruck des Christentums in Nigeria werden.

Boko Haram im Nordosten Nigerias

Der Pentekostalismus hat mit der Rückkehr zur Demokratie in Nigeria 1999 noch sehr stark an Einfluss gewonnen. Von den vier Präsidenten, die das Land seit 1999 regierten, waren zwei, Olusegun Obasanjo und Goodluck Jonathan (2010-2015), Pfingstler. Der derzeitige Vizepräsident, Yemi Osinbajo, ist Pfingstpastor und Mitglied der „Erlösten Christlichen Kirche Gottes“ (RCCG), der mit Abstand politisch einflussreichsten Kirche im heutigen Nigeria. Der nigerianische Pentekostalismus ist, wie in vielen anderen Ländern auch, eine reaktionäre und anti-intellektuelle Kraft, die die Bibel wörtlich zu verstehen sucht und die Idee der kritischen Vernunft in Frage stellt, ohne die eine Demokratie zwangsläufig verkümmert.

Zur gleichen Zeit, als im ölreichen Südwesten Nigerias die Pfingstkirchen immer mehr Macht erlangten, erstarkten im armen muslimischen Nordosten Nigerias islamistische Kräfte, die sich zur Terrorbewegung Boko Haram zusammenschlossen. Ihr Hauptziel ist die Bekämpfung des westlichen Einflusses in Nigeria, der durch die Kolonialzeit und das Öl in das Land gekommen war.

Die Mitglieder dieser Bewegung fühlten sich, neben anderen Missständen, auch politisch ausgegrenzt und unterrepräsentiert. Auf das Mittel des islamistischen Terrors, der in Afrika keinerlei Tradition hat, griff diese Gruppe zurück, weil Boko Haram glaubte, sich nur so politischen Einfluss sichern zu können. In Nigeria – einem zur Hälfte muslimischen und zur anderen Hälfte christlichen Land – wird sich die Zukunft ganz Afrikas entscheiden. Seit einigen Jahren hat Nigeria wieder mit Präsident Muhammadu Buhari einen Muslim als Staatsoberhaupt.

Korruption und Machtmissbrauch

Aber auch Buhari, dessen Stellvertreter ein Pfingstpastor ist, ist auf die fortgesetzte Unterstützung mächtiger Pfingstpastoren angewiesen. In vielen afrikanischen Ländern suchen Politiker aller Couleur die Unterstützung von Pfingstpastoren, weil nur diese die Macht haben, die Massen zu begeistern und ihre Anhänger anzuweisen, bestimmte Politiker zu wählen. Deshalb müssen sogar muslimische Führer bei Wahlen auf diese Pfingstpolitiker zurückgreifen, weil es keine muslimischen Führer gibt, die die Massen begeistern könnten. Diese Unterstützung lassen sich Pfingstkirchenführer dann oft durch Teilhabe an der Macht bezahlen. In Nigeria ist das beste Beispiel Pastor Tunde Bakare, ein vom Islam zum Christentum konvertierter Pfingstler, der nach vielen Zwischenstationen in anderen Pfingstkirchen seine eigene Kirche, der „Latter Rain Ministries“ mit Sitz in Atlanta, gegründet hat. Obwohl er 2011 als Vize-Präsidentschaftskandidat unter Buhari gescheitert war, erklärte er kürzlich seine Absicht, 2023 nach dem Ende der zweiten Amtszeit von Buhari, selbst für die Präsidentschaft zu kandidieren.

Nigeria ist also auf dem Weg, eine „Pfingstrepublik“ zu werden, in der allerdings noch immer Korruption und Machtmissbrauch, welches die Pfingstler einst bekämpft haben, wuchert. Die Pfingstkirchen sind selbst zu Brutstätten der Korruption geworden, weil sie in den Missbrauch von Macht verwickelt werden.

Pastoren häufen Vermögen an

Vor allem die pfingstlerische Befürwortung des Wohlstandsevangeliums, wobei die Art und Weise des Vermögenserwerbs irrelevant ist, führte dazu, dass Pastoren dieser Kirche als Vorbilder selbst riesige Vermögen anhäuften. Es scheint sicher, dass der Pentekostalismus auf absehbare Zeit weiterhin seinen Einfluss auf die Politik in immer mehr afrikanischen Staaten ausüben wird.

In Nigeria hat der wachsende pfingstlerische Einfluss bereits eine Gegenreaktion der Muslime in Form der Boko Haram Bewegung ausgelöst. Auch diese Bewegung ist dabei, sich mit Hilfe der muslimischen Fulani-Bevölkerung auf weitere Gebiete Westafrikas auszudehnen. Ein Teil der Stärke von Boko Haram, die militärisch schon oft totgesagt wurden, ist eben auch die Stärke des Pentekostalismus in Nigeria.

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