Esoterik

Der „reine“ Körper

Die Pandemie hat es ans Licht gebracht: Verschwörungsmythen und sektiererische Verirrungen gibt es auch in der Esoterik-Szene. In Yoga-Zirkeln scheint man besonders anfällig zu sein.
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Foto: dpa | Populär bei Hipstern, aber auch bei suspekten Gestalten: Yoga.

Die Ursprünge des Yoga liegen in Indien und reichen 5000 Jahre zurück. Yoga umfasst sowohl geistige als auch körperliche Übungen. Der Körper soll auf diese Art mit der Seele vereint und das eigene Körperbewusstsein sowie die Selbsterkenntnis gestärkt werden. Yoga kann bei dem durch die Pandemie oder den Lockdown ausgelösten Stress durch seinen ganzheitlichen Ansatz körperliche und seelische Beschwerden lindern. Auch bei einer Infektion kann Yoga die Nebenwirkungen, insbesondere das Fatigue-Syndrom, lindern helfen. Yoga kann einem Menschen Kraft und Gelassenheit geben, die er braucht, um die Krankheit zu überwinden. Deshalb ist Yoga gerade in der Corona-Krise auch ein großer Segen für den Menschen.

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie plagen jedoch immer mehr Verschwörungstheorien die Gesellschaft und dringen bis in die tiefsten Schichten vor. Yoga scheint davon nicht verschont zu bleiben. Yoga hat eigentlich drei Überzeugungen mit Verschwörungstheorien gemeinsam: dass alles zusammenhängt, dass nichts ohne Grund geschieht und dass nichts so ist, wie es scheint. Die Mehrheit der Yogapraktizierenden sind keine Verschwörungstheoretiker, ganz im Gegenteil. Aber die Verschwörungsanhänger unter den Yogis sind eine „aktive Minderheit“, die bei vielen Demonstrationen den Ton angeben. Ein Umfeld, das lange Zeit von Liebe, Licht und Toleranz geprägt war, wird nun von einem anderen Trend beeinflusst: QAnon. Diese Verschwörungsbewegung, die eher mit der extremen Rechten in Verbindung gebracht wird, breitet sich in den Kreisen des Yoga, der Meditation und anderer Wellness-Praktiken sehr stark aus.

Anhängerzahlen explodierten unter Trump

In den Kreisen, die auf Selbstverwirklichung und Spiritualität abzielen, blühen Verschwörungstheorien, magisches Denken, zweifelhafte Nahrungsergänzungsmittel und Misstrauen gegenüber der Schulmedizin, einschließlich Impfstoffen. QAnon begann als Randbewegung, aber dank Donald Trump sind die Anhängerzahlen explodiert, so dass es heute mehr Anhänger hat als einige Religionen. Zwei aktuellen Umfragen zufolge glaubt einer von sechs amerikanischen Erwachsenen an die Hauptdoktrin von QAnon, nämlich dass eine Gruppe satanistischer Pädophiler versucht, die politische Macht, die Mainstream-Medien und die Finanzsysteme zu übernehmen. Die Überschneidungen zwischen Wellness- und New-Age-Gruppen beruhen auf zwei Kernüberzeugungen, von denen die erste traditionell in der Verschwörungstheorie und die zweite im New Age verwurzelt ist. Erstens: eine geheime Gruppe kontrolliert im Verborgenen die politische und soziale Ordnung oder versucht, sie zu kontrollieren. Zweitens: die Menschheit durchläuft einen ,Paradigmenwechsel‘ im Bewusstsein.

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„Erweckungserlebnis“ durch Yoga

Zentral in der Verbindung zwischen Wellness-Industrie und Verschwörungstheorien ist die Vorstellung von der Souveränität über unseren Körper.  Für viele Yoga-Anhänger ist der souveräne Körper der Körper in einem "reinen" Zustand, der nicht auf Chemikalien angewiesen ist, ein Körper, dem man zutraut, dass er seine eigene Immunreaktion auslöst, wenn er mit einem Virus konfrontiert wird - selbst mit einem neuen wie Covid-19. Für viele in der Wellness-Branche ist ein reiner Körper ihr Lebenswerk.

Wenn ein Mensch Yoga für sich entdeckt, hat er oft eine Art "Erweckungserlebnis". Für gestresste und unglückliche Menschen können Körperübungen, Meditation und ein gesunder Lebensstil wie eine Erlösung wirken. Bei manchen führt das jedoch zu einer Art „spirituellen Arroganz“. Es ist wie wenn man ein Allheilmittel gefunden hat, oder über eine Art Geheimwissen verfügt. Dies kann ein Gefühl der Überheblichkeit erzeugen. In der Coronakrise kann das zu der absurden Überzeugung führen, dass jemand, der an Covid-19 erkrankt, daran selbst Schuld ist, weil er nicht gesund genug gelebt hat.

Keine klare Haltung in der Szene

Verschwörungstheorien verbreiten sich wie ein Lauffeuer in allen gesellschaftlichen Gruppen. Weder Alter noch Bildungsstand noch politische Haltung scheinen davor zu schützen. Es gibt sogar Ärzte und Naturwissenschaftler, die plötzlich mit unbelegten Behauptungen im Zusammenhang mit Corona von sich reden machen, auch religiöse Menschen oder Agnostiker können dazu gehören. Corona-Verharmlosung ist auch kein reines Yoga-Problem. Etwa fünf Prozent der Deutschen macht regelmäßig Yoga, das sind etwa vier Millionen Menschen. Hier finden sich alle Tendenzen und Meinungen, die es auch im Rest der Gesellschaft gibt. Zahlen dazu, wie viele Yogalehrer Verschwörungstheorien anhängen, gibt es nicht. Es ist eine kleine Minderheit ,aber eine doch wahrscheinlich größere als in der Gesamtbevölkerung.

Die Szene tut sich schwer damit, eine klare Haltung gegenüber diesem Phänomen zu finden. So hat etwa sich der Yoga Vidya-Verein, der sich selbst als „Europas größtes Yoga Netzwerk“ beschreibt, schon im ersten Jahr der Pandemie von Verschwörungsmythen distanziert und darauf hingewiesen, dass von Vereinsmitgliedern erwartet werde, „dass sie bei Yoga Vidya keine politische Werbung oder politische Agitation betreiben“. Viele Menschen kommen jedoch gerade in Lebenskrisen zum Yoga und sind daher anfälliger für Manipulationen aller Art. Corona hat die Hemmschwellen weiter sinken lassen. Der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Kirche von Westfalen, Andreas Hahn, sieht einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsmentalität, alternativen Heilmethoden und der Yoga-Szene über das Bindeglied Esoterik. Eine „braune“ Esoterik mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, als Yoga über Philosophen, aber auch über Lebensreformer, Spiritisten und Okkultisten nach Deutschland kam, sei besonders gefährlich, glaubt er.

Die Nazis praktizierten Yoga zur Stärkung

Auch führende Nazis wie Rosenberg oder Himmler schätzten die altindische Technik der Selbstbeherrschung. Darüber gibt ein neues Buch von Mathias Tietke mit dem Titel „Yogi Hitler“ Auskunft. Tietke zeigt wie es nationalsozialistischen Ideologen gelungen ist, die zentralen pazifistischen Seiten der Yoga-Lehre auszublenden und den Rest des Yoga zu einem Teil der NS-Ideologie zu machen. Selbst Adolf Hitler wurde so zum Yogi erklärt. Führende deutsche Indologen und Religionswissenschaftler hatten dazu die Vorarbeit geleistet. Allen gemeinsam war eine sehr einseitige Betrachtung des Yoga.

Die Gewaltlosigkeit des Yoga und die Körperhaltungen spielten für sie gar keine Rolle. Dagegen dominierten die altindischen Schriften der Upanishaden und die Bhagavad Gita, in denen eine Ethik des Kriegers dominiert, sie waren die Schnittmenge der Yogalehre mit der arisch-völkischen NS-Bewegung. Heinrich Himmler lobte die Lektüre der Bhagavad Gita und Yoga zur Steigerung der Kampfkraft und der Skrupellosigkeit, so die Recherchen von Mathias Tietke. Man erfand so etwas wie den „arischen Yoga“. Den Nationalsozialisten ging es allein um die Kämpfermentalität und um Pflichterfüllung, frei von jeglichen Zweifeln. So wie Gott Krishna den Krieger Arjuna von Zweifeln und Gewissensbissen befreit hatte, sollte auch der germanische Kämpfer im Zweiten Weltkrieg von Skrupeln und Zweifeln frei werden.

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