Die Bischöfin und der Reformer

Die Kirche Santa Prassede stellt eine Frau als „Bischöfin“ vor und erinnert an Kardinal Karl Borromeo, einen Vordenker der Tridentinischen Reform. Von Lothar C. Rilinger
Die linke Frauengestalt auf einem Mosaik der Kirche wird als "Theodora Episcopa" bezeichnet.
Foto: IN | Die linke Frauengestalt auf einem Mosaik der Kirche wird als „Theodora Episcopa“ bezeichnet.

In einer schmalen Gasse unweit der Kirche Santa Maria Maggiore stoßen wir auf den unscheinbaren Seiteneingang der Kirche Santa Prassede. Der Haupteingang, der in einer anderen, noch schmaleren Seitenstraße liegt, ist verschlossen und in einer Front von Wohnhäusern kaum zu erkennen. Als wir die Kirche zum ersten Mal betraten, fühlten wir uns ins erste nachchristliche Jahrtausend versetzt. Macht die Kirche von außen so gut wie nichts her, erwartete einen in ihr das überwältigende Gegenteil. Das ausladende Kirchenschiff ist bis zu den in großer Höhe angesetzten Fenstern mit einer Fülle von Monumentalgemälden ausgeschmückt, auf denen Geschichten aus der Bibel zu sehen sind. Fasziniert schauten wir jedoch auf die Mosaike im Altarraum und versuchten, die vielfältige Bildersprache zu enträtseln. Diese Mosaike erzählen uns aber nicht nur Begebenheiten aus der Heiligen Schrift, sondern verkünden auch das Ende einer innerkirchlichen Auseinandersetzung, die als Bilderstreit in die Kirchengeschichte eingegangen ist.

Vornehmlich in der Ostkirche wurde dieser Streit ausgetragen, doch schloss sich auch Papst Hadrian I. der ostkirchlichen Auffassung an und verbot ebenfalls Bilder in der weströmischen Kirche. König Karl der Große ließ daraufhin das Verbot rechtlich und theologisch überprüfen und erklärte abschließend auf der Frankfurter Synode 794 den Bilderstreit für beendet. Vor diesem Hintergrund ist die üppige Ausgestaltung der Kirche mit Mosaiken im nachfolgenden Jahrhundert zu betrachten. Wir wollen uns nur dem Zentrum des Mosaiks im Chorraum zuwenden und damit einen Blick in die Zukunft der Menschheit werfen. Im Scheitelpunkt des Gewölbes tritt uns Christus als Erlöser entgegen. Er überragt die ihn umgebenden sechs Personen. Zur Linken Jesu erkennen wir Petrus, der seinen Arm auf die Schulter der heiligen Pudenzia, der Schwester der heiligen Prassede, legt. Über ihren Arm hat sie einen weißen Schleier als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit gelegt und trägt eine Krone, die sie als Märtyrerin ausweist. Zur ihrer Linken ist ein Heiliger abgebildet, wahrscheinlich Xenon, dem wir noch in seiner Kapelle begegnen werden. Zur Rechten Jesu ist Paulus zu sehen, der neben der heiligen Prassede steht. Sie trägt ebenfalls den weißen Schleier über ihren Arm und auch ihren Kopf schmückt die Märtyrerkrone. Neben ihr ist der Erbauer der Kirche zu sehen ist: Papst Paschalis, der, wie der viereckige Nimbus ersichtlich macht, zur Zeit des Kirchbaues noch lebte.

In der neben dem Seiteneingang gelegenen Kapelle des heiligen Xenon, die Papst Paschalis für seine verstorbene Mutter Theodora hatte anlegen lassen, begegnen wir einem Mosaik, dem theologische Sprengkraft innewohnt. Das Antlitz von Theodora umgibt ein Schriftzug, auf dem zu lesen ist: „Theodora Episcopa“. Das Wort episcopa stellt die feminine Form des Substantivs episcopus dar, was in der Übersetzung „Bischof“ lautet. Demnach bedeutet episcopa: Bischöfin. Dieses Mosaik führt uns direkt in das Zentrum der feministischen Theologie, die vehement die Zulassung von Frauen zum Priesteramt fordert. Wenn Theodora als Bischöfin beschrieben worden sei, wird vorgetragen, stehe fest, dass schon im neunten Jahrhundert Frauen zu Priesterinnen geweiht worden seien. Der Ausschluss von Frauen zum Priesteramt sei deshalb kein göttliches Recht, sondern lediglich menschliches. Aus welchem Grund Theodora als episcopa bezeichnet wurde, ist nicht bekannt. Man nimmt an, dass hierdurch auf das Amt ihres Sohnes hingewiesen werden sollte.

Frauenfeindlichkeit ist nicht der Grund

In der Weigerung der Kirche, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, ist keine Frauenfeindlichkeit begründet. Ausdrücklich wird auf den hohen Stellenwert der Frauen in der Heilsgeschichte hingewiesen. Allerdings entspricht die Priesterinnenweihe nicht der theologischen Tradition der römisch-katholischen Kirche. Dies ergibt sich schon aus dem Verhalten Jesu, der nur Männer als Apostel um sich scharte. Sogar als Judas aus dem Kreis ausscherte, ernannte Jesus, obwohl Frauen bereit gewesen wären, einen Mann als Ersatz.

Joseph Ratzinger weist darauf hin, dass das Amt des Priesters kein Beruf im arbeitsrechtlichen Sinn ist. Es fußt vielmehr auf einem Sakrament, folglich besteht auf die Weihe kein Anspruch – weder für einen Mann, noch für eine Frau. Wollte man das Priesteramt auch für Frauen öffnen, müsste man den Weg gehen, den Luther gegangen ist. Er hat das Amt von der sakramentalen Bindung gelöst und damit die Möglichkeit geschaffen, auch Frauen zu ordinieren. Obwohl diese Rechtslage fünfhundert Jahre alt ist, hat sich die evangelische Kirche dennoch erst vor einigen Jahrzehnten entschlossen, Frauen zu ordinieren.

Wir wollten noch einer weiteren Kapelle einen Besuch abstatten – der Kapelle, in der an den vormaligen Titelinhaber Kardinal Carlo Borromeo erinnert wird. Dieser war ein Neffe von Kardinal Joannes Angelo de Medici, der 6. Januar 1560 zum Papst gewählt wurde und sich den Namen Paul IV. gab. Kurz nach seiner Wahl wurde Borromeo sein engster Mitarbeiter und bekleidete die Funktion, die wir heute als Kardinalstaatssekretär bezeichnen. Im gleichen Jahr wurde der 22-jährige Borromeo zum Kardinal erhoben und als Jurist mit der Aufgabe betraut, das Bistum Mailand zu verwalten. Es wurde ihm erlaubt, diese Aufgabe von Rom aus wahrzunehmen, was er später aufgrund der Beschlüsse des Konzils von Trient scharf verurteilen sollte. Dieses Konzil endete am 4. Dezember 1563. Da sich Borromeo intensiv mit den Konzilstexten beschäftigt hatte, konnte er sich ein fundiertes theologisches Wissen aneignen, so dass ihn sein Onkel am 7. Dezember 1563 zum Bischof von Mailand weihte. In dieser Funktion konnte er der Bitte seines Onkels nachkommen, sich um die Durchsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient zu kümmern.

Auf dem Konzil wurde in dem Dekret über die Schrift und über die Tradition der theologische Unterschied zur protestantischen Lehre herausgearbeitet. Zwar sollte auch das Prinzip des sola scriptura eine authentische Glaubensquelle sein, doch ebenfalls die mündlichen Überlieferungen des Evangeliums Christi sowie die apostolische Tradition. Nicht durch die Gnade Gottes allein soll die Herrlichkeit Gottes erreicht werden können, auch gute Werke seien notwendig. Weiterhin wurde die Realpräsenz im Abendmahl festgestellt. Der Laienkelch wurde verboten, ebenso die Kinderkommunion. Darüber hinaus sollte auch die Kirche reformiert werden. Die Residenzpflicht für Bischöfe wurde eingeführt, vermehrt sollten Priesterseminare gegründet werden, um die Ausbildung der Priester auf ein höheres Niveau zu heben. Bischöfen wurde auferlegt, Visitationen vorzunehmen, um die Nähe zu den Gläubigen zu suchen, um nur einige Regelungen zu erwähnen.

Zwar stieß Borromeo anfänglich in seinem Versuch, die Kirche auf der Grundlage der Konzilsbeschlüsse zu reformieren, auf große Vorbehalte, da dadurch viele Gewohnheiten aufgehoben werden mussten, doch konnte er sich letztendlich durchsetzen. Das Tridentinische Zeitalter konnte beginnen, bis es dann auf dem Zweiten Vatikanum zu Grabe getragen wurde.

Der Autor hat im Bernardus-Verlag über seine Streifzüge durch Rom zwei Bücher veröffentlicht: Vrbs Aeterna: Spaziergänge durch geistige und geistliche Landschaften der Ewigen Stadt. Aachen 2017, 460 Seiten,19,80 Euro und Aachen 2018, 336 Seiten, EUR 16,80

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