Voller Leidenschaft für Gott

Ohne die Kraft und die Vision Pater Karl Wallners wäre Heiligenkreuz nicht, was es ist: Glaubensoase und Evangelisationszentrum – Ein Augenzeugenbericht. Von Pater Johannes Paul Chavanne

Pater Karl Wallner: Voller Leidenschaft für Gott
Pater Karls Einsatz zeigt: Wem es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit geht, dem wird alles andere dazugegeben. Foto: Susanne Hammerle

Als ich im August 2006 mit damals 23 Jahren in das Stift Heiligenkreuz eintrat, kannte ich Pater Karl Wallner schon einige Zeit. Mit drei Freunden kam ich mehrere Male zu „Kloster auf Zeit“-Aufenthalten nach Heiligenkreuz. Jugendseelsorger Pater Karl hat sich unser angenommen, mit uns im damals noch recht neu eingerichteten Sportraum des Klosters trainiert und mich dann eingeladen, öfters zu kommen und bei großen Liturgien zu ministrieren. Diese Einladung habe ich gerne angenommen ... Pater Karl hat mich schon damals überzeugt: seine Natürlichkeit, seine unkomplizierte Freude, sein fester Glaube und sein missionarischer Eifer ließen mich in ihm eine überzeugende Priesterpersönlichkeit sehen, von der ich, der ich damals nach meinem Weg und meiner Berufung suchte, sagen konnte: an dem kann ich mich auf meinem Weg orientieren.

Zu diesem Zeitpunkt war Pater Karl schon sieben Jahre lang Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, nachdem er vom damaligen Abt Gregor Henckel-Donnersmarck nach einigen Jahren in der Pfarrseelsorge in das Kloster zurückberufen wurde. Über die Zeit als Pfarrer in Sulz im Wienerwald hört ich Pater Karl oft sagen: „Das waren meine schönsten Jahre! Ich war so gerne Pfarrer!“

Die Hochschule hatte im Studienjahr 2006, als ich mich einschrieb, 167 inskribierte Hörer. 1999, als Pater Karl Rektor wurde, waren es erst 70 gewesen. Damals war von einem Ausbau der Hochschule noch keine Rede. Die Vorlesungen fanden entweder im „unteren Hörsaal“ oder im „oberen Hörsaal“ statt. Viel mehr gab es damals noch nicht. Es waren auch noch keine Institutsräume errichtet und es gab kaum theologische Fachliteratur, da es noch keine richtige Studienbibliothek gab. An ein Fernsehstudio hat damals auch noch niemand gedacht. Die Verwaltungsarbeit wurde von einer Sekretärin gemacht: Frau Waltraud Hohlagschwandtner ist die einzige Person, die an der Hochschule länger in ihrem Amt ist als Pater Karl als Rektor.

In den folgenden Jahren fügte sich ein besonderes Ereignis an das andere: und Pater Karl war immer mitten im Geschehen. Am 09. September 2007 besuchte Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner Apostolischen Reise nach Österreich das Stift Heiligenkreuz und die Hochschule Heiligenkreuz. Die Vorbereitungen für dieses historische Großereignis lagen weitgehend in den Händen von Pater Karl. In der Hochschule wurde ein „Papstbüro“ eingerichtet, in dem zwei Angestellte arbeiteten, um alles für den Besuch des Heiligen Vaters bei uns klarzumachen. Mehr als 10 000 Menschen kamen an diesem Tag zu uns und ein sichtlich gerührter und froher Benedikt XVI. ermutigte uns Mönche in unserem monastischen Leben und nannte die Hochschule einen profilierten Studienort, „wo eine vertiefte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und gelebter Spiritualität möglich ist“.

Schon davor – im Jänner 2007 – war die Hochschule Heiligenkreuz zu einer Hochschule päpstlichen Rechts erhoben worden. Seitdem heißt sie offiziell: Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Der Weg dahin, die dafür geforderten Auflagen zu erfüllen und die administrative Arbeit bis zur Anerkennung: die Hauptlast trug Pater Karl.

Ab Mai 2008 war Pater Karl in einer weiteren besonderen Mission unterwegs: Das internationale Musiklabel „Universal Music“ produzierte damals mit der Heiligenkreuzer Choralschola eine CD mit dem Titel „CHANT – Music for Paradise“ auf der unser jahrhundertealte Gregorianische Choral zu hören war. Eine außergewöhnliche Geschichte. Wir Mönche wurden um Interviews angefragt und in internationale Fernsehshows eingeladen. Pater Karl machte Promotion. Jedoch nicht für eine CD, sondern für den Glauben an Gott und die christliche Spiritualität. Er sprach von einer „Türe, die aufgegangen ist“ und einer „Chance, die Gott uns da gegeben hat“. Die Mönche auf Thomas Gottschalks Wettcouch: „Wir wollen uns nicht verstecken!“ Unsere CHANT-CDs entwickelten sich zu einem überraschenden Sensationserfolg: über eine Million Mal wurde die CD weltweit verkauft. Gregorianischer Choral lag vor Amy Winehouse und Madonna in den Popcharts ganz vorne. TV-Stationen berichteten über die „singenden Mönche“ und die Mönche – allen voran Pater Karl – sprachen vor einem Millionenpublikum über Gott, über das Gebet, über christliche Spiritualität, über Berufung und über die Kirche. Pater Karl und die Medien – in dieser Zeit wuchs das zusammen.

Seit damals ist unsere Abteikirche bei unserem feierlichen Stundengebet voll mit jungen und alten Menschen, die die Mönche singen hören wollen und dabei von Gott im Herzen berührt werden. Und nicht wenige wollten auf ihrer gekauften CHANT CD ein Autogramm ... von „dem aus dem Fernsehen“ – von Pater Karl.

Laufend stieg die Zahl der Hörer an der Hochschule. Pater Karl wurde immer öfter zu Vorträgen bei großen Veranstaltungen, zu Jugendtagen oder zu Festpredigten eingeladen und seit dieser Zeit publizierte er auch mehrere Bücher. Oft kam er von seinen Reisen zurück und erzählte von jungen Leuten, die er getroffen hat, die sich für das Theologiestudium und für eine geistliche Berufung interessieren. Seit damals kamen auch immer mehr junge Männer, die in Heiligenkreuz mit dem Theologiestudium beginnen wollten, um in der Zeit ihres Studiums an einem geistlichen Ort ihre Berufung zu klären. Viele von ihnen wirken heute als Priester an unterschiedlichen Orten. Das Problem war nur: der Platz wurde knapp. In der näheren Umgebung wurden auf Initiative von Pater Karl in Alland und im Gästehaus der Karmeliterinnen in Mayerling zwei Studentenheime errichtet. Trotzdem mussten Priesterseminaristen des Priesterseminars Leopoldinum Heiligenkreuz zeitweise in Wohncontainern im Seminargarten untergebracht werden. Bei den Vorlesungen im „oberen und im unteren Hörsaal“ mussten die Studierenden zum Teil am Boden sitzen – besonders Pater Karls mit plastischen Bildern und Beispielen aus der pastoralen Praxis angereicherte Dogmatik-Vorlesungen waren und sind beliebt. Die Hochschule platzte aus allen Nähten.

Es wurde immer deutlicher: so kann es nicht weitergehen. Dass die Hochschule Heiligenkreuz gegen den Trend im deutschen Sprachraum immer mehr Studenten aufnahm war ein Auftrag. Und so fiel im Sommer 2011 die Entscheidung, dass ein Zu- und Ausbau der Hochschule, die in einem ehemaligen Meierhof untergebracht war, notwendig sein würde. Was aber auch klar war: Damit das gelingen kann, würde es ein „finanzielles Wunder“ brauchen. Aus Eigenem hatten Stift und Hochschule nicht die Möglichkeit, ein solches Großprojekt zu finanzieren.

Schon davor, im Februar 2011, wurde im Stift Heiligenkreuz ein neuer Abt gewählt: der bisherige Prior unseres Tochterklosters Stiepel, Pater Maximilian Heim, wurde der 68. Abt von Heiligenkreuz und damit auch Magnus Cancellarius – Großkanzler der Hochschule Heiligenkreuz. Abt Maximilian und Pater Karl waren schon von Anfang ihres klösterlichen Lebens an miteinander verbunden. Am 30. April 1988 wurden sie gemeinsam zu Priestern geweiht. Abt Maximilian stand von Anfang an voll und ganz hinter dem Ausbauplan für die Hochschule. Es hat mich immer beeindruckt, wie diese beiden großen Persönlichkeiten miteinander umgegangen sind. Nie hätten sie es zugelassen, dass irgendetwas oder irgendjemand sie auseinanderdividieren könnte. Immer haben sie die innere Einheit gewahrt und gemeinsam an einem Strang gezogen. Diese innere Einheit und dieses Zueinander-Stehen sehe ich als eine der größten Gnaden in Heiligenkreuz an.

Am 30. April 2015 wurde die neu ausgebaute Hochschule Heiligenkreuz vom Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn feierlich gesegnet. 20 000 Menschen haben für den Ausbau der Hochschule und die Priesterausbildung in Heiligenkreuz gespendet. Das Volk Gottes trägt die Hochschule Heiligenkreuz mit. Die Salesianer-Hochschule in Benediktbeuern hat uns den Großteil ihrer Bibliothek (etwa 300 000 Bände) geschenkt, sie bilden heute den Grundstock der modernen Studienbibliothek. Ein „Medienkompetenzzentrum“ mit Ton- und TV-Studio wurde eingerichtet. Pater Karl: „Wir wollen Priester für das 21. Jahrhundert ausbilden.“ Die Übertragungen von Messen, Gebetsstunden und katechetischen Inhalten in Fernsehen, Radio und Internet der Heiligenkreuzer Medienproduktion erreichen heute jede Woche etwa 40 000 Menschen. Viele davon ältere oder kranke Menschen, die es kaum mehr in die Kirche schaffen und die uns im Gebet über die Medien verbunden sind.

Heiligenkreuz ist mit allem was dazugehört zu einer Glaubensoase und zu einem Evangelisationszentrum geworden, in dem junge und alte Menschen Gott suchen und Glaube erleben können. Pater Karl ist einer der Motoren dieser Entwicklung gewesen.

Pater Karl ist vielseitig. Er ist Kraftsportler und Theologieprofessor, Jugendseelsorger und Buchautor, Mönch und ein Freund des guten Essens. Ich habe ihn immer als einen Menschen voller Ideen und Visionen erlebt, der mit Kraft und Entschiedenheit seinen Weg geht und dabei andere begeistert und mitnimmt – und manchmal auch auf den Tisch haut, aber immer nur um der Sache willen. Der innere Kern dieser vielen Tätigkeiten ist seine unbedingte Leidenschaft für den Glauben an Gott und die Evangelisierung. Unlängst hat er in einer Predigt gesagt: „Wir müssen ,missio-narrisch‘ werden – narrisch für die Mission!“ Die Entchristlichung und die Verdunstung des Glaubens in weiten Teilen der Gesellschaft ist ihm ein tiefer Schmerz. Wer ihn kennt, weiß, dass er nie ruhen wird, solange er nicht seine ganze Kraft – und es ist viel Kraft – in den Dienst der Glaubensweitergabe gestellt hat.

Seit September 2016 ist er Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich. Und damit im Dienst der globalen Mission der Kirche, besonders unter den Ärmsten. Ein neues Feld, in dem er sich immer mehr zu Hause fühlt. Gott sei Dank bleibt er der Hochschule auch als Professor für Dogmatik und Sakramententheologie erhalten.

Wir Jungen, die die Geschichte jetzt weiterschreiben, seine vielen „Ziehkinder“, die er gefordert und gefördert hat, werden alles tun, um auf dem festen Fundament, das er – mit Gottes Hilfe – in Heiligenkreuz gelegt hat, mutig und kraftvoll weiterzubauen. Wir wissen, dass, wenn nicht der Herr das Haus baut, jeder umsonst sich müht, der daran baut (Ps 127,1) und dass das Fundament nur der Glaube und das Vertrauen auf Gottes Vorsehung und der Glaube an Ihn sein muss (vgl. Lk 6,48). Pater Karl ist uns ein Zeuge dafür, dass das wahr ist: Wem es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit geht, dem wird alles andere dazugegeben (Mt 6,33). In diesem Sinne gehen wir voran!

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