Sarah Mullally, die anglikanische Erzbischöfin von Canterbury, hat mit einer Preisverleihung an einen radikalen Islamgelehrten einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Kritiker verwiesen darauf, dass der pakistanische Imam vor Jahren den Al-Qaida-Terroristen Osama bin Laden gefeiert hatte. Nach Protesten zog die Anglikanische Kirche den Preis in der Vorwoche zurück.
Doch der Reputationsschaden bleibt: Wie konnte es zu diesem Missgriff bei der Preisverleihung kommen? Ausgerechnet am 11. September, dem 25. Jahrestag der Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center, überreichte Mullally in feierlicher Zeremonie im Lambeth-Palast in London einen Preis für Versöhnung und Interreligiöse Kooperation. Der Preisträger war Hafiz Muhammad Tahir Mehmood Ashrafi. Auf Fotos, die der Lambeth-Palast veröffentlichte, ist ein lachender, schwergewichtiger Mann mit dichtem Bart zu sehen. Neben ihm steht seine vollverschleierte Ehefrau. Mullally strahlt auf den Fotos, als sie die Urkunde überreicht.
Als „Friedensstifter“ präsentiert
Ashrafi wurde der britischen Öffentlichkeit als „Friedensstifter“ präsentiert. Er ist Vorsitzender des Ulema-Rats in Pakistan, einer 1990 gegründeten Vereinigung, die sich gegen sektiererische Gewalt einsetze. Ashrafi habe sich gegen Extremismus und Terrorismus engagiert, hieß es. Doch ein paar Tage nach der Preisverleihung beginnen einige zu recherchieren. Der konservative Abgeordnete Nick Timothy gräbt unangenehme Tatsachen aus. So ist dokumentiert, dass sich Ashrafi für das pakistanische Blasphemie-Gesetz ausgesprochen hat, das für die Abwendung vom Islam die Todesstrafe androht. Auch hat er Selbstmordattentate in Afghanistan für rechtens erklärt. Im Kontext des Irankriegs hetzte er gegen Christen und Juden.
Timothy fragte, warum ein Islamist dieses Kalibers einen Preis der Kirche von England erhält: „Die Naivität unserer öffentlichen Institutionen, sich auf Leute wie ihn einzulassen, ist erschütternd.“ Solche Recherchen lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Bald fand man heraus, dass Ashrafi 2007 als Reaktion auf die Verleihung des britischen Adelstitels „Sir“ an den Schriftsteller Salman Rushdie vorgeschlagen hatte, Osama bin Laden den Titel „Saifullah“ (Schwert Allahs) zu verleihen, den „höchsten Titel für einen muslimischen Krieger“.
Anglikanische Kirche in Bredouille
All dies brachte die Anglikanische Kirche in die Bredouille. Zwar habe sich Ashrafi für religiöse Minderheiten und die christliche Gemeinschaft in Pakistan eingesetzt, doch es seien „ältere Äußerungen von Imam Ashrafi ans Licht gekommen“, die den Lambeth-Palast dazu veranlasst haben, die Auszeichnung zu überdenken, teilte ein Sprecher mit. Der Preis werde daher zurückgezogen.
Für Sarah Mullally, die progressive Theologin, die 2025 als erste Frau anglikanische Erzbischöfin von Canterbury wurde, ist die Affäre an Peinlichkeit schwer zu überbieten. Sie schwieg jedoch öffentlich. Andere wurden umso lauter. Es gebe kaum etwas Dümmeres, als am 11. September einem solchen Imam einen Preis zu verleihen, wetterte der bekannte TV-Journalist Piers Morgan. Der frühere BBC-Moderator und Zeitungskolumnist Andrew Neil forderte „die absurd woke“ Mullally zum Rücktritt auf. Wütende Leserbriefschreiber in der „Times“ forderten, die Church of England solle nicht mehr Staatskirche sein. Als solche sind für Bischöfe 26 Sitze im Oberhaus reserviert. Kritiker sehen die Ashrafi-Affäre als weiteren Beleg für die politischen Tendenzen der Anglikanischen Kirche. Diese ist seit Jahren fest im progressiven, links-grünen Lager verortet und kommt zugleich im interreligiösen Dialog radikal-islamischen Klerikern erstaunlich weit entgegen.
Die Autorin arbeitet als Journalistin in Großbritannien.
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